Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-05 · Heft 45 (5.11.1915) · p. Seite 540

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 45 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229223--71749-3284107
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aber, Herr Dvktvr," die Stimme bekam einen bitteren, beinahe bösen Tvnklang, „Herr Doktor, ich sage Ihnen, mir dem frommen Juden ging es noch besser! Er übertraf sich selbst in seiner Frömmigkeit. Er —" der Patient warf sich plötzlich herum und bohrte den Kops in die Kissen, hinein. Einige schluchzende Laute, halb wie ein Lachen, halb wie ein Erstickungsanfall, drangen hervor und das Bett schütterte, daß die Eisenskangen klirrten. Ter Doktor fühlte den zitternden Nacken an. Er triefte von Schweiß. „Aber beruhigen Sie sich Samuel. Seien Sie vernünftig! Erzählen Sie, was Sie auf dem Herzen haben!" „Auf dem Herzen," kam es ans den Kissen hervor, „ans dem Herzen habe ich das große Eherem, den großen Fluch. Am dem Herzen habe ich das, was Kain auf dem Kopfe hatte. Ja. gerade das! Aber es brennt mehr ans dem Herzen, als es Kain brannte, das kann ich beschwören!" Doktor Hirschfeld fühlte etwas sich im -Halse anssteigen. Dieser rothaarige Judenjnnge mit seiner theologischen Sprache hatte eine Art hypnotische Macht über ihn gewonnen. Diese schrille, verbitterte Stimme, die ihm gleich so wehe tat, bohrte sich ihin durch seine ganze Routine, seine während der Enlloickelnngsjahre und der Studentenzeit so starke Abneigung gegen alles jüdische von der „polnischen" Art, hindurch rmd berührte ein sehr empfindliches, tief in seinem Wesen verborgenes Organ. Ties war wirklich empörend. „Sagen Sie kurz heraus, Mensch, was Sie ans dem Herzen haben, immun können Sie nicht ruhig sprechen!" Ter Patient wandte den Kopf herum und sah auf einmal ganz ruhig und verwundert aus. „Ich will wirklich versuchen, cs zu erzählen. Vielleicht ist es gerade das, was mir gut tun wird. Tie wissen ja, wie es zugeht, Herr Doktor. Erst steht man in den Laufgräben und der Feind steht in seinen Stellungen, und man schießt auf alles, was man sieht. Oft sieht man gar nichts. Aber man soll vorwärts. Die Artillerie fängt hinter einem an, und man steht und wartet, bis sie ihre Sache ausgerichtet hat. Dann springt inan plötzlich aus den Schützengräben herauf — mit dem Bajonette. Und während man da in der lehmigen Erde herumspringt, ist man blind und taub. Ich sehe nur die Umrisse meines Seitenmannes die ganze Zeit. Auf einmal sehe ich ihn nicht mehr, und weiß, daß er das seinige weggekriegt hat, aber das kümmert inich nichts. Die ganze Zeit schreien wir, und auf einmal schreien wir lauter als vorher, und da weiß ich, daß wir da sind. Dicht vor uns stehen Soldaten mit den Bajonetten vorgestreckt. Sic kommen auf uns zu. Wir schreien so, als ob uns die Zunge aus dem Halse fliegen will, und die uns gegenüber brüllen ebenso toll. Ich glaube, dieses fürchterliche Schreien treibt einem das Blut nach dem Kopfe, denn man wird ganz verrückt und weiß nicht, was man tut. Es geht alles von selbst. Man brüllt und schlägt um sich wie betrunkene Kerle und denkt an gar nichts. Ich kann schwören, daß ich ihn gar nicht sah, ehe es geschehen war. Es war ein Bajonett, das sich mir entgegenstreckte, und ich parierte. Meiner Bajonettspitze gegenüber befand sich ein grauer Rock. Daß Bajonett saß in ihm fest, ohne daß ich wußte wie. Ich glaube erst durch die Schwere, die über mein Gewehr fiel, wurde ich aufmerksam und blickte auf. Ich zog zurück, und die ganze Gestalt folgte mit und fiel mir in die Arme. Eine bärtige Wange strich an meinen Wangen vorbei, und im selben Augenblick sah ich ein granes Gesicht und ein Paar große schwarze Augen, die mich anstierten. Ich weiß nicht warum, aber ich mußte ihn halten, damit er nicht siel. Wie ich so dastehe und ihn mit meinen Armen halte, sieht er mich gerade ins Gesicht und schreit mir direkt ins Ohr: „Schmäh Jisroel". Da werfe ich ihn zu Boden und springe ins Blaue hinein. Ganz so,- wie Kain es tat." »40 - Der Patient liegt und stiert in die Lust mit seinen gelbgrünen rotumränderten Augen: „Schmäh Jisroel! Hör Israel! In seiner Todesstunde soll inan ja rufen Schmäh Israel, höre Israel, der Herr dein Gott ist ein einziger ewiger Gott! Und da wird Israel hören und Gott wird hören. Nicht wahr, Herr Doktor, das war ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß er dies gerade mir in die Ohren schrie! Mir, den einzigen Juden in meiner ganzen Kompagnie!" Dann kam jemand und stach mich, so daß ich hinfiel. Nach einer Weile hörte ich, wie sie für den Kaiser hurra schrien. Aber mit was ich hörte, weiß ich nicht, denn in meinem einen I Ohre hörte ich fortwährend: Schmäh Jisroel und in dem! andern: Lv sirzach! - ■ Du sollst nicht töten!! Ich höre es immerfort seitdem, Herr Doktor. Aber ich ' werde versuchen, stille zu sein."! Der Patient warf sich wieder in die Kissen zurück, und ließ sein nasses triefendes rotes Haar und ein Paar schweiß-! glänzende große Ohren sehen.? Als Dr. Hirschfeld in das Aerztezimmer znrückkam, war! ihm übel zumute. Er legte sich auf das Sofa und versuchte! an das Vaterland zu denken, aber da stand Israel vor seinem j Geiste. Er versuchte an Israel zu denken, aber fühlte sogleich. i das Vaterland wie eine ungeheure Welle über diesen Begriff! hinweg spülen. Zuletzt verweilten seine Gedanken bei den j hebräischen Worten aus Moses Gesetzen: Lo sirzach. Du solls! nicht töten! Aber er konnte ebensowenig ihren Sinn fassen, wie sie loswerden. Endlich ging er hinunter in die Apotheke, holte eine Tube Luminaltabletten und verschluckte eine davon. Als er den bitteren Vorgeschmack des Schlafes aus seiner Zunge fühlte, seufzte er erleichtert aus. Aber ehe er sich wieder niederiegte, klingelte er, und sagte zu der Wärterin, die hereinkam: j „Wollen Sie so gut sein, Schwester, zu sagen, daß man 8! j ein Gramm Luminal gibt. Er kann übrigens anderthalb be-? kommen." Uebersetzuug aus dem Schwedischen. f Lprrchlaal. > Sehr geehrter Herr Redakteur!! Ter Borschlag des Herrn Rabbiners Dr. Gelles in Lissa in! Nr. 44 Ihrer geschätzten Zeitung, einen jüdischen Weltkongreß bei der j zukünftigen Friedensverhandlungen einzuberufen, zeugt von einer > feCtcuen Naivität. Wie kann Herr Dr. Gelles glauben, daß englische i französische, italienische Juden mit den deutschen zusammen arbeite!! würden, denen sie einen tödlichen Haß entgegenbringen? Hat ihn dac berüchtigte Rundschreiben des Pariser Konsistoriums nicht genügend ausgeklärt? Ein solcher „Weltkongreß" würde höchstens von ber deutschen, schwedischen und einigen russischen Juden besucht werden —denn auch Amerika, Holland, Dänemark stehen dem Deutschtum viel zu mißtrauisch, ja feindlich gegenüber, als daß die dortigen Israeliten sich den deutschen Glaubensgenossen anschließen würden. Und was soll ein solcher jüdischer Kongreß nutzen? Vergißt Herr Dr. Gelles, daß die russische Regierung jede Einwirkung der Groß machte England und Amerika zugunsten der russischen Juden als unbefugte Einwirkung auf ihre eigenen inneren Verhältnisse schroff zurückgewieseu hat? Sie würde sich selbstverständlich um den macht losen „jüdischen Weltkongreß" nicht einen Pfifferling kümmern. Oder doch. Sie würde, wie Rumänien und sie selber es schor wiederholt getan haben, die Gelegenheit eifrig benutzen, um dir heimischen Juden dem eigenen Volke als eine vaterlandslose Bande zr denunzieren, die das Ausland gegen die eigene Heimat aufhetzen; uni sie würde damit, wie früher, bei der öffentlichen Meinung vollen Er folg und damit die Möglichkeit noch schlimmerer Verfolgungen erhalten Etwas mehr Rücksicht, bitte, aus Geschichte und Wirklichkeit, mein Herren, ehe Sie dergleichen uferlose Vorschläge machen, die nur daz dienen, die Öffentlichkeit zu verwirren. Wie endlich Herr Dr. Gelles sich ein Zusammenwirken von 71 libe ralen, orthodoxen und chassidischen Rabbinern zur gemeinschaftliche! Gestaltung der religiösen Anschauungen und Einrichtungen denkt, is mir rätselhaft. Sind ihm denn die kläglichen Ausgänge aller solcher Versuche auf dem engeren und durch gemeinsame Kultur immerhin gleichartigeren Boden Deutschlands unbekannt? Und da will er die Juden der ganzen Welt unter einen Hut bringen! Solch Vorschlag kann gar nicht diskutiert werden. M. P.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.