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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-05 · Heft 45 (5.11.1915) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 45 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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539 sehen! eiligst Wöhn- Keinen kt, lag eingelampe, :t, mit einem weißen i Bere Aufkleine d über lergisch Rippen. )ie ihn Rundilicklich wenig Doktor, etwas el und en gut Patient n, das; , Herr immer, stände, as mit ite der ngung. n über ffensive war es durch rrsacht. ind er- >aal zu c, jeder :auben. mf ein wo der nst der wegen i hatte, Lampe, strickte Mitteleuchtete;r freien einstand Außer nenden Dr. Hirschfeld nahm die Tafel, die über dem Bette hing, herab und las: Gem. Moritz Samuel, Jnf.-Reg. Nr. 64, HI. 118. Er las nicht den Krankheitsbericht. Erinnerte sich merkte ürdigerweise des Falles, eine ungewöhnliche leichte Wunde, ehr guter erster Verband. Brauchte nur ein paar Stiche zu lähen, weil die Oeffnung der Wunde ein wenig aufgerissen var. Moritz Samuel! — Ein Glaubensbruder also! Ekelhaft mit diesen jüdischen Nerven! Natürlich muß es ein )ude sein, der wegen einer Kleinigkeit so viel angibt unter Ul diesen Deutschen und Polen, die still und bescheiden da agen mit ihren zerfetzten Körpern. Natürlich! Mit der hitzigen Kritik gegen die Schwächen der eigenen Risse, die den Juden eigen und die immer geneigt ist, in ine Art Antisemitismus überzuschlagen, regte sich Dr. Hirscheld aufs heftigste aus, blies die Luft durch seine großen Nasenlöcher und bereitete sich vor, dem ungeduldigen Patienten, der nicht nur sich selbst, sondern auch ihm, dem christlichen Unterrrzt und den Kreuz tragenden Schwestern gegenüber Schande machte, den Text zu lesen. Er trat an das Kopfende des Bettes ,eran und nahm einen Ueberblick von dem Inhalt des eisernen Bettes. Was er zuerst sah, war ein roter Nacken und ein Paar lehr große Ohren von ihrer Rückenseite. Im übrigen konnte er lange gar nichts anderes erblicken, obwohl er sich tief über den Patienten neigte. Der verwundete Soldat bohrte den >kvpf tief in die Kissen hinein und war nicht zu bewegen, aufublicken. „Seien Sie nun nicht eigensinnig! Der Doktor ist hier, um nach Ihnen zu sehen," versuchte Schwester Emilie in freundlichem Tone ihn zu ermutigen. „Es ist ganz unmöglich. Nun sängt er wieder an!" nrummte der Unterarzt, indem er sich abwandte. In demielben Augenblicke rollte sich der Patient zusammen, drückte die Hände, von denen die eine verbunden war, vor sein Gesicht und brach in Schluchzen und Stöhnen aus, daß es in dem großen, kahlen Krankensaale widerhallte. Hier und dort! tonnte man Bewegungen in den anderen Betten wahrnehmen, und von einem in Bandagen eingewickelten Bündel in dem benachbarten Bette hörte man ein halbersticktes, gleichsam unterirdisches „Hundevieh, verrrdammtes!" Dr. Hirschseld war bleich vor Aerger und konnte kaum seine überreizten Nerven beherrschen. Aber durch das Aufgebot seines ganzen Verantwortungsgefühls gelang es ihm, einen Ausbruch, der ihn lächerlich gemacht hätte, zu vermeiden. Mit einer Art Gemütlichkeit, die jedoch etwas geschraubt erschien, strich er dem Patienten über den Kopf mit den rötlichen Haaren und sagte: „Nun beruhigen wir uns, Samuel. Ein Soldat muß uwhl eine kleine Verwundung aushalten können!" Der Soldat unterdrückte einen erneuten Ausbruch und hob langsam das Gesicht in die Höhe. Ein weißes Gesicht, so weiß, daß man glauben konnte, es sei gepudert, nur die Sommersprossen hoben sich davon ab. Rings um die lange gebogene Nase hatten sich tiefe Falten eingegraben, und die Oberlippe mit dem dünnen struppigen Schnurrbart zitterte wie bei einem Kaninchen. Ein junges Gesicht war es, das plötzlich alt geworden war. Aber die Augen waren das ärgste. Von Natur wohl von gelbgrüner Farbe, waren sie nun rot unterlaufen, von grellroten Bändern eingefaßt und mit einer großen grünblauen Korona umgeben. Diese Farbenskala war von einer so überwältigenden Wirkung, daß sie den Eindruß eines menschlichen Gesichtes gänzlich verwischte. Das Ganze sah abschreckend und unnatürlich aus. Der sicher recht abgehärtete Chirurg konnte den spontanen Ansruf: „Pfui Teufel, wie sieht der aus!" nicht unterdrücken, aber im selben Augenblick, als die Worte ihm entschlüpft waren, bereute er sie tief, beruhigte sich aber sofort, da er sah, daß der Patient nichts davon gehört hatte. Es verging eine Weile, ohne daß etwas gesprochen wurde. Der Blick des Arztes hing unverwandt an diesen unheimlichen Augen, und diese hatten sich förmlich in das Gesicht des Arztes festgesaugt. Sie glitten, als ob sie etwas suchten, von dem krausen Haar, das die niedrige breite Stirn umgab, hinunter auf die große starke Nase, verweilten lange bei dem aufgeworfenen kleinen Mund, langten endlich bei dem kurzen Kinn an, um dann wieder denselben Lauf in entgegengesetzter Richtung zu nehmen. Plötzlich öffnete der Patient ein paarmal geräuschvoll seinen Mund, der Kehlkopf fuhr auf und ab und der Ansatz eines Wortes drang mühsam aus der Kehle hervor. Der Arzt beugte sich herab und lauschte. Er war so überrascht von dem, was er hörte, daß er errötete. Der Patient srug mit einer von Tränen erstickter Stimme: „Sind Sie ein Jude, Herr Doktor?" „Ja, das bin ich. Warum fragen Sie?" „Gott sei Dank, Herr Doktor! Ich bin froh, daß ich zu einem Juden gekommen bin." Der Patient fing durch irgendeine unbegreifliche Ursache an, sich zu erholen. Ein nervöser Eifer verbreitete sich über das elende Gesicht. „Wollen Sie irgend etwas haben, Samuel? Koscheres j Essen können Sie nicht bekommen", beeilte sich Hirschfeld ihm j flüsternd mitzuteilen. | „Ich kümmere mich nicht um koscher," antwortete der j Patient ärgerlich. Und nach einem Augenblick flüsterte er:! „Ich habe das Gefühl, mit Ihnen als Jude sprechen zu müssen, | Herr Doktor. Ich sehe so vieles — ich denke so vieles. Sagen j Sie den Gojim, daß sie fortgehen." j Doktor Hirschfeld fühlte sich mehr und mehr unbehaglich! berührt. Aber das Leiden des Mannes schien so echt, daß er es nicht vermochte, seine Bitte abzuschlagen. „Wollen Sie ein wenig fortgehen, Herr Doktor Heinzius, und auch Sie Schwester. Der Mensch scheint mir eine etwas persönliche Mitteilung machen zu wollen!" Und über den Patienten gebeugt, sagte er in etwas unnatürlich dozierendem Tone: „Ich will Sie nur darauf aufmerksam machen, daß ich kein frommer Jude bin. Besonders in solchen Zeiten, wie die jetzigen, wo unser Kaiser selbst erklärt hat, daß er keine Parteien kenne." „Bin ich denn ein frommer Jude?" unterbrach ihn der Verwundete und lächelte so schmerzlich, daß es dem Arzt durch Mark und Bein ging. „Hören Sie nur, Herr Doktor, dann werden Sie wissen, was für ein frommer Jude hier in diesem Bette liegt. Ich bin von Anfang an mitgewesen, marschiert, habe Gruben gegraben, geschossen, Hurra geschrien, und alles mitgemacht, was die anderen getan und alles ebensogut wie die anderen. Dachte ich etwa daran, daß ich ein Jude war? Ja, vielleicht — mit Freude —, als ich merkte, daß kein anderer daran dachte. Sicher dachte ich dies. Besonders einmal, als in den ersten Wochen ein Leutnant, ein richtiger Leutnant mit Monokel, mit mir scherzte und mir eine Zigarette im Lager anbot. Aber allmählich dachte ich nicht mehr daran, daß ich Jude sei. Es ist merkwürdig, aber ich dachte auch gar nicht daran, daß ich überhaupt existierte. Ich dachte nur an uns, dritte Kompagnie, das Regiment. Bei irgendeiner Gelegenheit, wenn wir z. B. Parade abhielten, dachte ich an Deutschland und den Kaiser und glaubte mich vollständig eins mit Deutschland und dem Kaiser, wenn auch nur einen Teil davon. Jude! Nicht für'n Groschen. Aß ich nicht Speck, wenn's Speck und Erbswurst gab, und trank Milch dazu, wenn ich welche kriegen konnte! Das genierte mich nicht mehr, als ob es meiner Mutter Schabbesfische gewesen wären! Ich war also der fromme Jude!" k

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