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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-05 · Heft 45 (5.11.1915) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 45 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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79. Jahrgang Nr. 45 Berlin, 5. November 1915 Der Gemeindevate. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums" korrrhrondm?kn und Nachrichten. SkUtschlsnÄ. L. II. Berlin, 31. Oktober. In der heutigen Sitzung der Reprnsentantenversannnlung richtete der Vorsitzende, Herr Dr. Minden, vor Eintritt in die Tagesordnung .an die Versammlung eine Ansprache, in der er etwa folgendes ausführte: Fünfhundert Jahre sind verflossen, seit Kaiser Sigismund dem Burggrafen von Nürnberg die Mark Branden-, vnrg zum Lehen übergab. Unser Kaiser hat angeordnet, daß in dieser ernsten Zeit nur eine Schulfeier und gottesdienstliche Veranstaltungen stattfinden, sollen. Eingedenk dsts kaiserlichen Wunsches haben wir uon einer größeren Feier Abstand nehmen müssen. In der Mark hat es schon im Anfang des 14. Jahrhunderts Juden gegeben, aber sie sind yoeimal vertrieben worden. Obwohl wir ein lebendiges Glied des deutschen Volkes sind, haben wir doch ganz besonders die Pflicht, der Wohltaten zu gedenken, welche unsere Väter den Hohenzollern zu verdanken haben. Für einen sorglosen Lebensgenuß ist die Mark Branden-, bürg nicht geeignet, die Schätze des Bodens müssen durch harte Arbeit errungen werden. Vor kurzein haben sich auf der Besitzung eines unserer Kollegen (Aron Hirsch) goldene Gefäße aus früher Zeit gesunden, welche unser Kaiser die Gnade hatte als Geschenk anzunehmen. Religiöse Duldsamkeit veranlaßte den Großen Kurfürsten, den Juden sein Land yt öffnen, die sich bald als sehr nützlich bewährt haben. Man hat in letzter Zeit viel über preußischen Militarismus gesprochen. Er bedeutet nur, daß jeder seine Pflicht tut. Unsere Feinde haben den Deutschen ebenso wie den Juden den Vorwurf gemacht, daß sie nach maßlosem Besitz streben, während sie doch nur fleißig und arbeitsam und. Trotz aller Beschuldigungen werden wir siegen. Das Blut unserer Angehörigen wird nicht umsonst geflossen sein. Unter solchen Hoffnungen bitte ich Sie mit mir einzustimmen in den Ruf: Se. Majestät der Kaiser, lebe hoch!" Die Versammlung, welche die Rede stehend angehört hatte, stimmte mit großer Begeisterung in das dreimalige Hoch ein. — Sodann widmete der Vorsitzende den dahingeschiedenen Herren Isidor S a ch s und Geheimrat Dr. L a n d s b e r g einen tief empfundenen Nachruf. Er teilte ferner mit, daß er im Namen der Versammlung Glückwünsche Herrn Weile zum fünfzigsten Bern fsjubiläum, Herrn Professor K a l i s ch e r zum siebzigsten Geburtstag und Herrn Geheimen Regierungsrat Professor Dr. Hermann Eohen zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum gesandt habe. Von Herrn Professor Kalischer ist ein Schreiben eingelaufen, in dem er für bk ihm erwiesene Ehrung seinen Dank ausspricht und zugleich gelobt, in der Arbeit für die Gemeinde auszuharren, solange Gott ihm Kraft verleiht. — Die Versammlung beschließt sodann die Annahme folgender Zuwendungen. Die Eheleute Moritz Friedländer und Sophie Friedlünder geb. Sulke haben der jüdischen Gemeinde in Berlin zwei Vermächtnisse zugewandt, 1400 Mark mit der Auflage, aus den Zinsen für Erhaltung ihrer Gräber Sorge zu tragen und am Todestage eines jeden das Kaddischgebet sagen zu lassen, den Nest, zu wohltätigen Zwecken zu verwenden, und 1500 Mark, deren Zinsen für Arme unter Bevorzugung solcher, die mit den Erblassern verwandt sind, zu verwenden. Die Eheleute Oskar und Helene Michel geb. Jtzig haben der Gemeinde letztwillig 600 Mark mit der Bestimmung zugewandt, daß für jeden verstorbenen Ehegatten das Kaddischgebet verrichtet und das Jahrzeitlicht angezündet werde. Der verstorbene Zuschneider Rudolf Alfred Segall hat der jüdischen Gemeinde 2000 Mark zu Grabpflegezwecken vermacht. Da in den letzten Jahren wiederholt Rabbiner der subventionierten Vereine die Aussicht über Fleischwarenhandlungen und über die Herstellung ritueller Waren übernommen haben, wird beschlossen, daß die Beamten der subventionierten Vereine sch von nun an dieser Tätigkeit zu enthalten haben. — Nach Vorschlägen der Ehrenbeamtenkommission sind zu Mitgliedern des Vorstandes der Synagoge Pestalozzistraße gewählt worden die Herren Adolf Ap t, Hermann Aro n, Willi David, Bruno Gallewski, Arthur Marcus, Wilhelm Sokol o w s k i, M. D. W e r t h e i m, in das Kuratorium des zweiten Waisenhauses -in Pankow Herr Heinrich Wolfsohn, in die Durchreisendenkommisston Herr Siegfried Bick, in die Warsenkommission Herr Earl Fuchs in Halensee. — Der Rechnungsabschluß der Armenkommisstvn für 1914/1915 wird entlastet. Dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen wird die Zahlung der Miete für das neue Schwesternheim weiter bis zum 1. April 1916 erlassen. Herr Mar Cohn in Charlottenburg, Kantstraße 32, wird für die Zeit bis zum 31. Dezember 1917 in die Armenkvmmission gewählt. Herr Siegfried Sachs referierte über den Rechnungsabschluß der Sammelvormnndschaft 1914/1915. Er bemerkt, daß die Frauenabteilung der Kriegshilfskommission diesem Institute sehr behilflich gewesen und bittet um Entlastung. Der Ortsgruppe Berlin des Jüdischen Frauenbundes E. B. wird gegen dauernde Ueberlassung von zwei Betten in dem neu errichteten Wohnheim aus die Dauer eines Jahres eine Beihilfe von 500 M. bewilligt.- -Während der letzten Jahre hat es sich wiederholt bemerkbar gemacht, daß die elektrische Beleuchtung in dein Museumssaale der Gemeindebibliothek nicht ausreicht. Die Baukommission empfiehlt die Anbringung von hochkerzigen Halbwattlampen mit entsprechender Fassung und hofft, daß so dem Mangel abgeholfen werde. Die Kosten sind mit 122 Mark angegeben worden. Da aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Preise für die in Betracht kommenden Naturalien schnell steigen, bittet die Kommission, vorsichtshalber 150 Mark zu bewilligen. Herr Benas L e v h befürwortet die Angelegenheit mit warmen Worten und macht die erfreuliche Mitteilung, daß das Museum bald eröffnet wird. &&& Berlin, 2. November. Im Verein fi'ir jüdische Geschichte und Literatur sprach am 28. v. M. aus Anlaß des 500jährigen Hohenzollern-Jubilänms Tr. I s m a r F r e u u d über „Die Inden unter den Hohenzollern".. Der Redner gab in der ersten Hälfte seines inhaltreichen Vortrages einen Ueberblick der Geschichte der Juden viährend des letzten halben Jahrtausends. Tie Juden, die schon vor den Hohenzollern in Brandenburg Wohnsitz genommen hatten, erfuhren im allgemeinen unter den ersten Markgrafen dasselbe Schicksal, wie es zu jenen Zeiten allen unseren Glaubensgenoffen im Deutschen Reiche zuteil wurde. Sie waren Kronregal, Eigenturn des jeweiligen Herrschers, der uneingeschränkt über sie verfügen konnte und von einer Vernichtung nur wegen der hohen Steuern absah. Unter dein Großen Kurfürsten änderten sich mit einem Schlage die Verhältnisse der Judenschaft. Der Große Kurfürst, der in seinen jungen Jahren an den Hof der Oranier gekommen war und die wertvolle Beihilfe der Juden an Hollands wirtschaftlicher Größe aus eigener Anschauung kennenlernte, wollte sich diese Mitarbeiter an seinen grossen Reformen sichern. Nach der Vertreibung der Juden aus Wien siedelte er 1671 in Brandenburg 50 Familien an und gewährte ihnen viele Rechte. Es wurde ihnen erlaubt, Handel und Wandel nach Belieben zu treiben, an jedem Ort der Mark sich niederzu lassen, eigenen Gottesdienst abzuhalteu, Lehrer für ihre Kinder anznnehrnen und dergleichen. Als einzige Gegenleistung hatten sie eine kleine Abgabe zu tragen. Diese Bestrebungen des Großen Kurfürsten, durch wohlwollende Duldung der Juden dem Wirtschaftsleben gegenüber dem erstarrenden Geist der Zünfte und Innungen neues Leben zuzuführen, schufen Widerstände, die im weiteren Verlauf der Geschichte zur immer größeren Abschließung der Juden führten. Unter Friedrich Wilhelm II. setzte die Refvrmbewegung ein, die mit.dem Edikt vom 11. März 1812 das Werk der Judenemanzipation zmn vorläufigen Abschluß brachte. Es war der Geist der Stein-Hardenbergschen Gesetzgebung, der auch die Inden zu vollen Staatsbürgern machte. Sie wurden in den allgemeinen Untertauenverband anfgenounnen, nur die Zulassung zu den öffentlichen Aeintern blieb ihnen noch verschlossen. Das Gesetz vom 6. Juli 1869 bildete den Schlußstein, indem es die Unabhängigkeit der staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten von den religiösen Anschaungen zum Grundsatz erhob. Die Hohenzollern, die durch die Stärkung Brandenburg-Preußens an der Errichtung des Deutschen Reiches und seiner Großmachtstelluug gearbeitet haben, erkannten auch die Mitarbeit der Juden im Staate an. Der Redner schloß, das; die Worte des Kaisers: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche" auch für die Deutschen jüdischen Bekenntnisses die letzten Schranken fallen lassen werden. Reicher .Beifall lohnte den Vortragenden für seine interessanten und belehrenden Ausführungen. &&& Berlin, 2. November. Das K o m i t e e für C h a n nkabescherung, das bereits 31 Jahre seine segensreiche Tätigkeit

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