Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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538 nahte und die Arbeitskräfte knapp waren, so mußte der Kolonist froh sein, einen „Gautsch" als Pferdeknecht für kurze Zeit dingen zu können. Schließlich waren sie die „Schabesfjüjiu"*) par excellence, denn selbst an den Feiertagen mußte das Vieh getränkt und gehütet werden. Noch heute sehe ich den lahmen Morse Tuchental vor mir, wie er zu mir, sein Herz über einen dieser Pampassöhne autzschüttend, sagte: „Dieser Domingo ist ein so schlechter Gvj, daß, wenn er soll basieren'), am Schubes die Küh, man ihm schon an: Freitag muß hereinbringen seinen Lohn in die Stüb." Woraus ich allerdings, da ich den Domingo zufälligerweise als einen zwar bräunlichen, aber braven Mitmenschen kannte, ihn durch die Frage: „Sagt, Reb Mordje, sollte der Gautsch nicht am Ende gar kein schlechter, sondern nur ein kluger Goj sein?" etwas in Verlegenheit brachte. Auf der anderen Seite waren die „schwarzen Spanier" natürlich ihrerseits auch nicht wenig erstaunt, als sie zum erstenmal mit den osteuropäischen Juden in Berührung kamen. Offiziell zwar römische Katholiken, in Wirklichkeit aber völlig religionslos, haben sie überhaupt keine Vorstellung von irgendeiner gottesdienstlichen Handlung und konnten sich daher das Gebaren der „Russen", wie sie die jüdischen Kolonisten nannten, absolut nicht erklären. Sie hatten zwar schon manchen „gringo" in den Pampas landen gesehen, der nur sehr mangelhaft reiten und mit dem Lasso überhaupt nicht umzugehen verstand; ja selbst Leute, die nicht einmal ein Pferd in einen Wagen, einen Ochsen in den Pflug cinzuspaunen verstanden, waren ihnen schon vorgekommen. Aber Menschen, die den saftigsten Spießbraten verschmähten und überhaupt nur Fleisch genossen, das von ihren „Pfaffen" - den Schüchtern —, die zugleich das Amt des Vorsängers versehen, in bestimmter Form geschlachtet war, kannten sie denn dvch noch nicht. Es entging den Mestizen schwerlich, daß die „Russen" gern einen Batzen Geldes verdienten und nicht Blühe und Anstrengungen scheuten, um dies zu verwirklichen. Wie sich daher erklären, daß die Fremden an bestimmten Tagen für keinen Preis fahren oder reiten wollten, ja keinen- Finger rührten, wenn selbst der Ausfall der ganzen Ernte davon abhing? — Ganz besonders unfaßbar waren für diese Naturmenschen die religiösen Gebräuche, die sie in der Kolonie zu beobachten Gelegenheit hatten, von der Beschneidung — „was für eine Barbarei, ein kleines Kind so zu quälen" — bis zur Bestattung, in der nach orthodoxer Sitte der Tote zwischen vier Bretter gelegt wird — „nicht einmal einen anständigen Sarg können die Russen kaufen". Als einmal das Verwaltungsgebäude der Kolonie „Jsralia" gelegentlich des Ablebens eines jüdischen Wohltäters mit einer Trauerdekoration versehen werden sollte, legte männiglich vom gestrengen Herrn Buchhalter bis zu Augustin, dem bräunlichen Pferdejungen, Hand an. Da aber alles beendet war und sich ein jeder befriedigt von seinem bei der Ausschmückung entwickelten Geschmack und Stilgefühl in seine Gemächer zurückzog, blieb letzterer allein auf dem Schauplatze zurück. Plötzlich schien es dem wackeren Gaucho, daß doch eigentlich das Wichtigste vergessen sei, und um das Versäumte schnell nachzuholen, formte er geschickt aus Draht und schwarzem Krepp ein gewaltiges Kreuz und befestigte es über den: Hauptportal des Administrationshauses. Zum Glück wurde diese neue Zierde noch rechtzeitig entdeckt und entfernt, ehe es die fromme „Kille" zu sehen bekam. Das hätte sonst einen schönen Spektakel gegeben! (Schluß folgt.) h Schabisgojim — Nichtisrneliten, die die dem Juden am Feiertag verbotenen, aber unbedingt notwendigen Arbeiten ausführten. 4) Basieren — hüten. J£in lkgjn. Von Ernst Klein, Stockholm. jp err Doktor, Sie müssen notwendig nach Nr. 89 sehen! Eine resolute Schwester vom Roten Kreuz öffnete eiligst die Tür, die zu dem Zimmer der Aerzte — im gewöhnlichen Falle das Lehrerzimmer des Gymnasiums der kleinen Stadt — führte. Drinnen auf dem Sofa ausgestreckt, lag der Oberarzt, der mit dem Pincenez auf der Nase eingeschlummert war, trotz des Scheins der elektrischen Hängelampe, der ihm gerade ins Gesicht fiel. Blaß, schlecht rasiert, mit tiefen Falten um Mund und Augen glich er viel eher einem Patienten als einem Arzte. Ja in dem mit Blut befleckten weißen Operationsrock konnte man ihn für einen verbluteten Verwundeten halten. Aber die so bestimmt ausgesprochene Aufforderung der Krankenschwester weckte ihn sofort. Die kleine untersetzte Gestalt erhob sich, er strich sich mit der Hand über das krause, kurzgeschnittene Haar und unterdrückte energisch ein Gähnen zwischen den etwas aufgeworfenen Lippen. Dr. Hirschfeld schüttelte die überwältigende Müdigkeit, die ihn nach zwanzigstündiger Arbeit mit Operationen und Rundgängen befallen hatte, von sich ab und war augenblicklich bereit, wieder die gleiche Tätigkeit zu beginnen. „Was sagten Sie, Schwester? Ich war gerade ein wenig eingeschlummert." „Es handelt sich um Nr. 89, Herr Doktor. Wir wissen nicht, was mit ihm ist. Er hat kaum etwas Fieber und nur eine einfache Stichwunde im Schenkel und einige leichte Wunden aus der Hand. Die Nähte sehen gut aus, sagt Herr Dr. Heinzius, und doch phantasiert der Patient fortwährend und kann keine Ruhe finden." „Er ist natürlich ein feiger Lump. Sagen Sie ihm, daß er sich beruhigen soll!" „Glauben Sie nicht, daß ich das versucht habe, Herr Doktor? Er stört ja den ganzen Saal mit seinem Gejammer. Aber es ist gerade so, als ob er mich gar nicht verstände. Herr Doktor Heinzius läßt Sie bitten, zu untersuchen, was mit dem Menschen los sein kann." „Ich komme," brummte der Oberarzt. Er war ganz -erschöpft vor Ueberanstrengung. Tag und Nacht waren nun diese verstümmelten Menschen über ihn gekommen, seit vor zwei Wochen die erneute Offensive im südlichen Polen begonnen hatte. Die letzten Tage war es schlimmer als je gewesen. Die fürchterlichsten Fälle durch Sprengstoffe, Schrapnells und Maschinengewehre verursacht. Und da liegt einer mit einer einfachen Stichwunde und erlaubt sich so viel Unruhe anzurichten, einen ganzen Saal zu stören und ihn selbst des Schlafes, nach dem jede Fiber, jeder Nerv seines überanstrengten Körpers verlangte, zu berauben. „Verdammte Hasenfüße", murmelte Dr. Hirschfeld, trank ein Glas Wasser und folgte der Schwester in den Saal, wo der taktlose Unruhestifter Nr. 89 lag. Es war halb dunkel in dem großen Zimmer — sonst der Betsaal der Schule. Born auf dem Katheder, das man -wegen der geräumigen Schränke, die es enthielt, stehengelassen hatte, stand eine mit einem grünen Schirme beschattete Lampe. Eine Wärterin saß in dem Ledersessel des Rektors und strickte an einem groben Strumpf. An einem Bette links vom Mittelgange brannte noch eine kleine Lampe und beleuchtete Dr. Heinzius, einen älteren praktizierenden Arzt, der freiwillig als Assistent bei dem dorthin berufenen Chirurgen eingetreten war. Auf der anderen Seite des Bettes stand Schwester Emilie und ordnete die Kissen des Patienten. Außer dem Rascheln der Leinenüberzüge unter ihren ordnenden Händen hörte man keinen Laut in dem Saale.