Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- Seite 536 (sequence 8)
- Language
- German
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586 das Unternehmen gedieh zusehends. Weinstein machte ein Haus, der Regierungspräsident und andere Verwaltungsbeamte der Provinz verkehrten in dem gastlichen Hause. Dann kam das Jahr 1870/71 heran, der Wiener Börsenkrach folgte. Das Weinsteinsche Unternehmen war in den Strudel hineingeraten, der Besitzer mußte es in andere Hände übergehen sehen und er selbst starb arm. Dieser Kaufmann und Fabrikant war ein tüchtiger Talmudist, ein sehr ansehnlicher Mann und auch wohltätig. Sein Schicksal hat einige Aehnlichkeit mit dem des Eisenbahntönigs Strousberg, der auch aus Insterburg stammte und dort arm endete. In früheren Jahren wurde weit mehr Flachs und Hans in Preußen angebaut; dann wurde der gute Boden mehr zur Erzeugung von Getreide herangezogen. Das „Berliner Tageblatt" berichtet, daß wir nunmehr nur kümmerliche Reste des ehemaligen Flachsanbaues besitzen. Im Vogtlande, in der Lausitz, Schlesien, Ost- und Westpreußen wird noch hier und da Flachs geballt, besonders in der Tilsiter Niederung, wie ich gesehen habe. Man hatte zu viel Flachs, Hanf und Hede von Rußland eingeführt; das lag so nahe, war so billig, es lohnte sich nicht mehr, Flachs bei uns zu bauen. Mit Schuld an der Verdrängung des Flachsanbaues trägt die Baumwolle. Selbst in Japan verdrängte sie zeitweise den Seidenbau. Betrachtet man die Flachsfaser vom chemischen Standpunkt aus, so gewahrt man, daß die Faser auch nur Zellstoff ist, die bekannte Zellulose, die auch in den übrigen Pflanzenfasern, der Jute, des Hanfes, im Stroh, in den Binsen, Rotang, Bambus und am reinsten in der Baumwolle, den Hauptbestandteil bildet. Der Samen vom Flachs ist sehr ölhaltig; somit ist die Gewinnung des Lels viel gewinnbringender als die Werg¬ oder Flachsfasergewinnung mit ihren umständlichen Prozessen von der Wasser- und Luftröstung, dem Trocknen, Bleichen der Stengel, dem Brechen, Schwingen und Hecheln. In den Vereinigten Staaten, in Argentinien -und Indien ist keine vorteilhafte Verbindung zur Gewinnung der'Flachsfaser vorhanden. Der indische Flachsbau scheint von jeher nur der Gewinnung der ölhaltigen Samen gegolten zu haben. In welchen Mengen Deutschland aus dem Leinsamen Oel gewinnt, ergibt sich aus der Tatsache, daß jährlich für 100 Millionen Mark Leinsaat in Deutschland eingeführt wird. Am geschätztesten ist das Leinöl der Rheingegend, das so sein verarbeitet wird, daß es vom Olivenöl kaum zu unterscheiden ist. Der als Feinschmecker bekannte Franzose benutzt unser Leinöl seit einiger Zeit, um damit seine Oelsardinen herzustellen. Heute ist Rußland mit 25 000 Tonnen jährlicher Ernte der Hauptlieferant; es deckt damit 75 Prozent des europäischen Bedarfs, wovon 118 600 Tonnen im Jahre 1907 über Riga verschifft wurden. Den Rest liefern die Niederlande, Belgien, Frankreich und Italien. Wenn auch Riga unser sein wird, dann ist uns auch der Zugang zu den ausländischen Häfen bald gewiß. Geheimer krsierungsrst Orok. Sr. Mchard MMätter, der neue Ordinarius der Münchener Universität, stellt uns über sein Leben folgende Daten zur Verfügung: „Ich bin am 13. August 1872 in Karlsruhe als Sohn des Kaufmanns Mar W. und seiner Frau Sophie geb. Ulmann geboren worden und habe zuerst in meiner Vaterstadt die Schule besucht, dann nach einem Domizilwechsel meiner Eltern das Realgymnasium in Nürnberg. Im Herbst 1890 bezog ich die Universität München und habe dort 15 Jahre als Student und als Dozent im Laboratorium v. Baeyers gearbeitet. Im Frühjahr 1914 wurde ich zum Doktor promoviert, im Herbst 1896 als Privatdozent in die philosophische Fakultät ausgenommen, und Ostern 1902 wurde ich etatmäßiger Extraordinarius als Nachfolger von Professor "Thiele, der bis dahin das organische Laboratorium der Universität geleitet hatte. Im Sommer 1905 berief mich die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich auf die ordentliche Professur für Chemie, die einst Viktor Meyer und unmittelbar vor mir Eugen Bamberger innegehabt. Sieben Jahre wirkte ich dort, bis mir bei der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ein großes Laboratorium im neuen Institut für Chemie zu Dahlem und zugleich eine Stelle an der Universität angeboten wurde. Ohne Lehrverpflichtungen in einem Kreise von Mitarbeitern wissenschaftlichen Untersuchungen lebend, habe ich hier volle Befriedigung gefunden; auf den Wunsch meines alten Lehrers Exzellenz v. Baeyer, der mich zum Nachfolger vorgeschlagen hat, bin ich im Begriff, diese Stellung wieder zu verlassen. Im Jahre 1903 habe ich die Tochter Sophie des Heidelberger Nationalökonomen Prof. Leser geheiratet und mit ihr, bis sie mir (1908) entrissen worden ist, in glücklicher Ehe gelebt. Ich hatte einen Sohn, den ich vor kurzem verlor, und habe noch eine neunjährige Tochter. Meine Arbeiten haben die verschiedenen Gebiete der Chemie, namentlich der organischen und der physiologischen Chemie, behandelt, Pflanzenalkaloide, Kohlenwasserstoffe, Anilinsarbstoffe n. a. Mit großer Vorliebe habe ich natürliche Pigmente studiert, Chlorophyll, den Blutfarbstoff, die Farbstoffe der Blüten und Beerenfrüchte." Es sei gestattet, diesen schlichten Mitteilungen ein Stück der Antrittsrede Willstätters in der Berliner Akademie mitzuteilen. Nachdem er die Entwicklung der Chemie im letzten Vierteljahrhundert geschildert und die Bedeutung von Emil Fischer und Adolf v. Baeyer gewürdigt hatte, fuhr er fort: „Meine Jugendarbeiten haben die Alkaloide der Atropin- und Kokaingruppe behandelt. Die Kenntnis ihrer merkwürdigen Ringgebilde wirkte in der Anregung fort, in neuen Reihen zyklischer Verbindungen das Wesen der aromatischen und der ungesättigten Stoffe zu vergleichen. Sodann war mir die Beschäftigung mit den Benzolderivaten besonders geeignet, um Schüler für die Industrie heranzubilden, als ich mehr denn ein Jahrzehnt in München und Zürich Laboratorien Vorstand. Meine Untersuchungen betrasen den Zusammenhang zwischen Konstitution und Farbe organischer Verbindungen. Die Stammsubstanzen zahlreicher Farbstofsklassen wurden in Chinonen und Chinoniminen ausgesucht, in den merichinoiden Verbindungen Modelle der Anilinfarben gefunden. An einfacheren Pflanzenbasen, an einfacheren Farbsalzen vorbereitet, trat ich an eine Lebensaufgabe heran, an das Studium komplizierterer natürlicher Pigmente, des lebenswichtigen Blattfarbstoffes, des Blutfarbstoffes und der als Schmuck- und Lockfarben in Blüten und Früchten verbreiteten Anthozyane. Wohl war hier, nicht wie in der Geschichte von Indigo und Alizarin, ein direkter Einfluß auf die Technik zu erhoffen, jedoch eine mittelbare Wirkung auf die Vollendung unserer künstlichen Farbenpalette. Aber die Analyse physiologischer bedeutsamer Stoffe ist nicht Selbstzweck, sondern Vorbereitung für physiologische Forschung. Das Chlorophyll ist am Hauptvorgang der organischen Natur, an der Verwandlung von Kohlensäure in Kohlehydrat, wesentlich beteiligt. Die Art seiner Beteiligung indessen und der Verlauf des Prozesses liegen noch in tiefem Dunkel. Nun hat seit Liebigs Wirken noch jeder Fortschritt in unserer Kenntnis von der Bildung organischer Materie