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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-05 · Heft 45 (5.11.1915) · p. Seite 535

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 45 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
Seite 535 (sequence 7)
Language
German
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535 durchweg deutsch, nur hie und da durch slawischen Einfluß und Einschlag geändert. Wenn z. B. der russische Jude sagt: „mir quicken sech" statt „wir freuen uns", ist „mir" statt „wir" deutsch, wenn auch nicht unsere Schriftsprache, „quicken" statt „erquickend" deutsch, „sech" (mit hartem ch wie in „lachen" zu sprechen) statt „sich" deutsch mit Um'färoung des i in e, und „sich" statt „uns" entspricht dem slawischen Sprachgebrauch, der beim rückbezüglichen Fürwort für alle Personen ahne Unterschied lmd ohne Ausnahme die dritte Person fordert. Es gibt verschiedene Mundarten des Jiddischen, die voneinander namentlich in der Aussprache der Lokale, aber auch im Wortvorrat nwoeichen. Doch sind die Unterschiede nicht so bedeutend, daß eine gegenseitige Verständigung der verschiedenenjüdischsprechenden Gruppen dadurch erschwert würde. Die Rechtschreibung des Jiddischen kennt leine festen Regeln und ist gleich der des Jüdischdeutschen grundsätzlich eine phonetische. In neuerer Zeit ist zur Erleichterung des Lesens oie Hinzusügung hebräischer Lokalzeichen üblich geworden. Das Judeuveutsch bietet dem Sprachforscher ein noch wenig angebautes Feld lohnender wissenschaftlicher Arbeit. Leit etwa fünfzig Jahren hat der Jargon -in Rußland und das jiddische in Amerika eine ausgedehnte Literatur hervorgebracht, die auch an innerer Bedeutung das frühere jüdischdeutsche Schrifttum lveitalls übertrifft. Eine immer wachsende Zahl jüdischer Zeitungen, eine stattliche Menge Novellen und Erzählungen, lyrischer Gedichte und Theaterstücke, humoristischer und satirischer Schriften bezeugt die nicht geringe Ausdehnung und Bedeutung des Jiddischen. Auch das Auslauchen einer neuen nationaljüdischen Bewegung hat zunr Aufschwung der jiddischen Literatur bei getragen. Der Zionismus stößt zwar den öargon mit der linken Hand von sich, zieht ihn -aber mit der rechten wieder zu sich heran. Das Hebräische soll zwar nach dem Programm der Zionisten die jüdische Nationalsprache sein, und darum wird namentlich in Palästina die Herrschaft des Jargons von den hebräischsprechenden, intransigenten Nationaljuden heftig bekämpft. Aber angesichts der Tatsache, daß nur ein sehr geringer Teil der Zionisten das Hebräische geläufig sprechen kann, wird das Jiddische als vorläufige oder zweite Volkssprache von den Zionisten nicht allein geduldet, sondern auch begünstigt und weit über Gebühr gerühmt. Zu einer völlig neuen ungeahnten Würdigung des Jiddischdeutschen jedoch hat der vieles umwertende Krieg geführt. Das Deutsch, der ostcnropäisckM Juden hat nicht allein unseren Truppen in Feindesland die Verständigung mit den Einwohnern ermöglicht und auch sonst manche Dienste geleistet, sondern auch unseren Militärbehörden in den besetzten Gebieten des Ostens ihre Arbeit wesentlich erleichtert. Daß ihre Verordnungen nicht nur in polnischer und russischer, sondern auch :n jiddischdeu'tjcher Sprache veröffentlicht werden, ist selbstverständlich, da Hunderttausende polnischer und russischer Juden den Jargon sprechen. Aber diesem Jiddischdeutsch scheint dort eine mehr als vorübergehende Rolle Vorbehalten zn sein. Der deutschen Sprache und der deutschen Kultur wird es dort den Weg vorbereiten und bahnen. Wie auch immer das Schicksal der besetzten polnischen und russischen Gebiete in Zukunft sich entscheiden und gestalten mag, deutscher Geist und deutscher Einfluß wird dort unter allen Umstünden Anspruch auf ungeschmälerte Geltung erheben und durchsetzen müssen. Zur Erreichung dieses politischen Zieles werden die Juden wertvolle Helfer sein da, wo es sich um deutschgewordenes Gebiet handeln wird, als treue deutsche Bürger und jenseits der Ostgrenze des Deutschen Reiches als ein durchaus zuverlässiges deutschfreundliches Elernent. Die Millionen Inden, die mehrere Jahrhunderte hindurch mitten unter Anders- 'prechenden ihr Deutsch wenn auch nicht in voller Reinheit und Schönheit, so doch mit ganzer Innigkeit und Treue bewahrt haben, eignen sich vortrefflich zu Pionieren des Deutschtums in nichtdeutschen Ländern. Die Geschichte der Juden nach Moses Mendelssohn hat bewie- |cn, daß sie, sobald ihnen Gelegenheit geboten wird, die deutsche Sprache zu Lernen und deutsche Bildung sich zu erwerben, ihr Jiddischdeutsch gern ausgeben, und so ist nicht zu zweifeln, daß auch die polnischen und russischen Juden das gleiche tun werden, sobald der Segen deutschen Unterrichts sich ihnen fühlbar machen wird. Dem Jargon scheint es l'eschieden, dort, wo das Deutschtum siegreich vordringt, den Kulturdünger äbzugeben, der im Verwesen das Neuland deutscher Kultur befruchten wird. Das Jüdischdeutsch erschien einst dem Prof. Wagenseil wertvoll als geeignete Sprache zmn Zwecke der Ju-denbekehrung, den deutschen Sprachforschern erscheint es wertvoll wegen des darin allsbewahrten mittelalterlichen Sprachgutes, den Zionisten will es wertvoll erscheinen als ein Mittel zur Wahrung eines besonderen jüdischen Nationalcharaikters, dem deutschen Politiker soll und wird es wertvoll erscheinen als ein Vorläufer .und Wegbereiter deutschen Geistes in der Welt. Und von dieser Seite, so hoffen wir, werden' wir es immer mehr schätzell lernen. Rohbaumwolle und Jute. Von F a n n h C o h n. 3 »folge der Erklärung Englands: „Rohbaumwolle sei Bannware", begann dieses Gespinst bei uns knapp zu werden. Um so mehr, als wir die Baumwolle auch für Kriegszwecke nötig hatten. Es erübrigt sich, hier, an dieser Stelle, von der wenig gewissenhaften Art unseres Hauptfeindes auch gegenüber dieser Rohfaser zu reden. Als allgemein bekannt darf vorausgesetzt werden, daß gerade England in der Konferenz zn London 1908/09 der Rohbaumwolle den ersten Platz in der „Freiliste", d. h. der „bannfreien" Waren anwies. Wir haben uns trotz mangelnder Einfuhr von Baumwolle und Jutefaser dennoch auch hierin nach der Decke gestreckt. Wenn die „Köln. Zeitg." recht behält, dann scheint in Washington ein für uns günstiger Wind zu wehen. Wir haben den Südstaaten, woher wir vor dem Kriege die meiste Baumwolle bezogen, 25 Cents — 1 Mark für das Pfund Baumwolle, lieferbar Bremen, geboten, und die guten Rechner dort wären willens, dieses sehr annehmbare Gebot zu akzeptieren. England scheint überdies bald auf dem toten Punkt angelangt zu sein und die Baumwollkalamität sich ihrem Ende ju nähern. Bisher haben wir für 587,3 Millionen Mark Baumwolle aus den Vereinigten Staaten, aus Indien und Aegypten bezogen; dazu für 368,9 Millionen Mark Rohwolle aus Australien, La Plata, Kapland; für 76 Millionen Mark Inte ans Ostindien. Die Jutefaser war ein sehr begehrter Artikel in der Tertilfabrikation. Dort wurde sie zu Möbel-, Decken-, Läuferstoffen, zu Teppichen und Packleinen verarbeitet. Die Schönheit des Gewebes, der Glanz, die Straffheit desselben machten das Jutefabrikat in allen Kreisen beliebt. Wir beziehen die Jute erst seit dem Jahre 1861; die Baumwolle bürgerte sich etwa ein Lustrum früher bei uns ein. Neuerdings gilt Papier, aus Holzzellulose gewonnen — unsere Nadelholzbestände sind unerschöpflich—, als ein guter Ersatz sürBaumwolle und auch Jute. Man hat aus diesem Papier nicht nur Bettwäsche, Mund- und Taschentücher sowie Handtücher hergestellt, sondern die Kleiderfabrikation verwendet dieses neue Material auch zur Anfertigung von Kleidern, Anzügen usw. Dieses Papier läßt sich reinigen, nähen, ist haltbar, auch ziemlich wetterfest. Für technische Zwecke begann man aus den Abfällen vvn Flachs, Hanf, der Jutefaser und Werg ein wollähnliches Produkt zu fabrizieren; man nannte diese Kunstfaser „Kosmos" oder Kunstwolle. Zu den ersten Baumwollspinnereien in Preußen gehörte die Spinnerei von B. M. Weinstein in Insterburg. Weinstein war 1850 aus Kownv nach Tilsit gekommen und errichtete dort ein Getreidekommissionsgeschäst im Verein mit zwei Sozien: Ruppel und KniPPel. Das Geschäft ging gut, solange das Getreidegeschäft mit Rußland im Schwünge war. Dann überließ Moses Weinstein das Tilsiter Geschäft seinen Teilhabern, die es unter seiner Firma weiterführten; er selbst eröffnete, weitblickend, wie er war, eine mechanische Baumwollspinnerei in Insterburg, wie ich oben erwähnte. Die königliche Regierung unterstützte das Unternehmen, welches das einzige dieser Art für Ost- und Westpreußen war, und

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