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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-05 · Heft 45 (5.11.1915) · p. Seite 534

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 45 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
Seite 534 (sequence 6)
Language
German
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584 Schöpfung zu Löberitz ein Wendepunkt im Schicksal der jüdischen Frauenwelt, ihr und der Judenheit insgesamt zum Segen werden soll. Sei eS zum Segen! Dr. med. A r t h u r K a h n. WMlchbrutlch und Deutschs Bon Rabbiner Prof. Dr. N. P o r g e s - Leipzig. it keiner Sprache sind die Juden jemals so, wie man zu sagen pflegt, lästerlich als mit unserer Deutschen umlbgangen, dann sie haben solcher einen gantz srembden Thon und Laut gegeben, die guten teutschen Wörter gestümmelt, geradbrecht, verkehret, neue uns unbekandte erdacht, wie auch unzählich viel Hebreische Wörter und Red-Arten in das Deutsche gemischet, daß solcher gestalt, wer sie Deutsch reden höret, nit anderst glaubt, als sie reden pur lauter Hebreisch, indem fast kein einiges Wort verständlich fürkommet." Also schrieb der im Hebräischen und Jüdischdeutschen wohlbewanderte, hochgelehrte und hochaugesehene Altdorfer Professor Wagenseil in seiner 1699 erschienenen „Belehrung der Jüdisch-Deutschen Red- und Schreibart". Wer die von ihm abgedruckte, sehr umfangreiche Textprobe des Jüdischdeutschen, betitelt „Ein schön Maase" (he'br. für Geschichte) „von König Artis Hof . . . und von dem berühmten Ritter Wieduwilt" zeigt auf 72 Quartseiten Text nicht mehr als 3 hebräische Ausdrücke. Wagenseil war nicht nur eilt bedeutender, sondern auch ein ehrlicher Gelehrter, der wohl irren, aber nicht Wissentlich-Falsches behaupten konnte. Bei seinem harten Urteil über das Jüdischdeutsche ließ er sich nur von dem Eindrücke leiten, den das gesprochene Wort auf sein Gefühl und seinen Geschmack machte, ohne zu wissen, daß die jüdischdeutsche Sprache der Zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von der des 16. Jahrhunderts sehr verschieden war. Das Jüdendeutsch hat, soweit wir es zurückverfolgen können, drei Entwicklungsstufen aufzuweisen, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen: 1. Deutsch, 2. Jüdischdeutsch oder Jwri-Teutsch (d. h. Hebräischdeutsch), 3. Jiddisch oder Jargon; so lassen sich diese drei Stufen am kürzesten bezeichnen. Im Mittelalter haben die deutschen Juden, die nachweislich schon j anfangs des 4. Jahrhunderts auf deutschem Boden (in Köln) anj süssig waren, nirgends hebräisch gesprochen, sondern überall nur! deutsch, reines, unverdorbenes „Deutsch". Auch nicht die leiseste Spur weist darauf hin, daß sie schon damals in ihrer Aussprache und Redeweise sich von der Sprache ihrer uichtjüdischeu Umgebung irgendwie unterschieden Hütten. Es wäre solches sicherlich in den zahlreichen judenfeindlichen Schriften unter den zahllosen judenfeindlichen Anwürfen des deutschen Mittelalters nicht unerwähnt geblieben. Die Juden in Deutschland haben nicht nur deutsch gesprochen, sondern auch deutsch geschrieben, allerdings mit hebräischen Buchstaben, da es sich nur um den Kreis der Glaubensgenossen handelte, ähnlich wie sie anderswo für den eigenen Gebrauch französisch, italienisch, spauisch, griechisch, slawisch, arabisch und Persisch mit hebräischen Schristzeichen schrieben. Und wie in der Stenographie nicht nach der üblichen Rechtschreibung, sondern nur nach dem lautlichen Klange des Wortes phonetisch geschrieben wird, so war es auch von Allfang an und immer in der jüdischdeutschen Schrift. Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts lvnrden deutsche Bücher, teils religiösen, teils weltlichen Inhalts in hebräischer Schrift gedruckt, und zwar nicht nur in deutschen Städtell, wie Augsburg, Basel, Konstanz, Jchenhausen, Zürich, sondern auch in Eremona, Mantua und Venedig für die in Italien lebenden Judell deutscher Herkunft. Das treue Festhalten der deutschen Juden an ihrer deutschen Muttersprache, auch inmitten einer anderssprachigen Bevölkerung, dieses im vollen Sinne des Wortes ausgesprochene deutschheimatliche Gefühl der aus Deutschland vertriebenen Juden, findet ein Seitenstück nur noch an der Treue, mit der die aus Spanien im Jahre 1492 vertriebenen und nach der Türkei ausgewänderten Juden das Spaniolische als ihre Muttersprache bis heute festgehalten haben. Die deutschen Judell waren innerlich so tief durch die deutsche Sprache beeinflußt und so eng mit ihr verwachsen, daß sie auch in nichtdeutscher Umgebung lveiter deutsch dachten und sprachen, schrieben und Xnfen, und dies zu einer Zeit, wo die deutsche Heimat ihre Inden nicht vaterländisch, sondern stiefmütterlich behandelte. r) Aus den „Leipziger Neuesten Nachrichten". Das Deutsche, das die Juden im 16. Jahrhundert sprachen und schrieben, war ein unversülschtes Oberdeutsch. Allmählich aber wandelte sich ihr reines Deutsch in Jüdischdeutsch, und zwar unter dem Einslllsse der nach Polen ausgewanderten und dort inaner noch, deutschsprechenden Glaubensgenossen. Polen war seit dem 13. Jahrhundert ein Asyl für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland. Die wahnsinnige Beschuldigung der Brunnenvergistung in den Jahren der schwarzen Pest (1348—50) brachte der Mehrzahl der deutschen Juden den Tod. Wenige nur, die vereinzelt auf den Dörfern wohnten, blieben verschollt, lnanchen gelang es, nach Polen zu entfliehen, wo sie freundliche Ausnahine und Schutz vor verleumderischen Anklagen fanden. Auch int 15. Jahrhundert, dessen Judenverfolgungen zumeist in Judenaustreibungen aus liefen, haben viele deutsche Juden in Polen eine Zufluchtsstätte gesucht und gefunden. Das Deutsche blieb auch dort weiter ihre Umgangssprache, wurde aber, weil vom deutschen Mutterboden losgelöst, allmählich nicht nur rückständig, sondern auch, namentlich in den Vokalen, entstellend gefärbt und immer mehr verderbt. Dieses Jüdischdeutsch, das in Ton und Aussprache einen für deutsche Ohren unangenehmen, fremdartigen Klang hatte, ist erst von Polen her nach Deutschland eiugedrungen. Die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts immer mehr aufblühenden Hochschulen jüdischen Wissells lvnrden von vielen lernbegierigen Jüngern ans Deutschland ausgesucht, die nach ihrer Heimkehr das Jüdischdeutsch der polnischen Juden in die Jüdengassen brachten. Vollends aber, als in den Jahren 1648—55 die aufständischen Kosaken in ungezügelter Wildheit und mit ausgesuchter Grausanckeit die jüdischen Gemeinden in Polen und Litauen hinmordeten und die dem Gemetzel Entronnenen zu tausenden Obdach und Hilfe suchend westwärts sich wandten, wurden namentlich die deutschen und österreichischen Judengemeinden von jüdischdeutsch sprechenden Flüchtlingen überschwemmt. Diese Bemitleidenswerten fanden wegen ihres jüdischen Wissens vielfach Stellung in den jüdischen Gemeinden und Familien als Rabbiner oder Schul- und Hauslehrer, wodurch sie nicht wenig zur fortschreitenden Verderbnis des Jüdischdeutschen in Deutschland beitrugen. Und je höher die Schranken ausgerichtet wurden, die den gesellschastlicheu Verkehr zwischen Juden imb Christen hinderten, desto mehr entfernte sich das Judendeutsch in Wort und Schrift von der landläufigen deutschen Sprache. Dem Christen schien es ein barbarisches Kauderwelsch. Und doch hat auch diese Mundart ihre eigene Literatur, deren Erzeugnisse fast durchweg nur für Ungelehrte und Weiber bestimmt waren, daher auch der Name „Weiberdeutsch" für Jüdischdeutsch. Die hierhergehvrigen Schriften sind teils in Reimen, teils in Prosa, teils religiös erbaulich, teils weltlich unterhaltend, entweder ursprünglich jüdischdeutsch verfaßt oder nach einer deutschen Vorlage gearbeitet oder aus anderen Sprachen ins Jüdischdeutsche übersetzt. Selbst von Boccaccios Decamerone sind einzelne Stücke in jüdischdeutscher Uebersetzung gedruckt. Unter den zahlreichen Druckorten für Jüdischdeutsch steht seit dem Ende des 17. Jahrhundert in bezug aus Zahl und Güte der Drucke Amsterdam!, wo es neben der spanischen auch -eine deutschpolnische Jüdengemeinde gab, weitaus an erster Stelle. Hier erschien die erste vollständige jüdischdeutsche Bibelübersetzung 1676—78. Wiederum ein Beweis, daß die aus Deutschland stammenden Juden auch in fremden Landen ihrer deutschen Sprache treu geblieben sind. So erhielt sich das Jüdischdeuts/che bei den deutschen Juden in Sprache und Schrift, bis schließlich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mit Hilfe der Mendolssohuschen deutschen Bibelübersetzung durch die Bemühungen der immer zahlreichere!: gebildeten Juden und durch die Gründung deutscher Schulen in den jüdischen Gemeinden das Jüdischdeutsche bekämpft und überall ungemein schnell und auch völlig beseitigt wurde. In den Ländern des Ostens aber, in Galizien, Polen, Rußland und Rumänien blieb Jüdischdeutsch nach wie vor die Umgangssprache der reichen Juden und entwickelte sich dort, jeder Beeinflussung durch die deutsche Schriftsprache entzogen, zum sog. Jargon oder Jiddisch. Erstere Bezeichnung ist bei den polnischen und russischen, letztere bei den nach Amerika und England aus dem Osten eingewanderten Juden die übliche. Man schätzt die Zahl der Jargon oder Jiddisch redenden Juden gegenwärtig auf mehr als vier Millionen. Noch mchr hebräische und slawische Beimischungen, noch mehr Verballhornungen und Entstellungen, noch mehr slawische Färbung der Aussprache kennzeichnen diese letzte Stufe des Judendeutsch. Immerhin ist der Wortschatz auch jetzt noch etwa zu dreiviertel deutsch die Wortsormen und der Satzbau fast

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