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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-05 · Heft 45 (5.11.1915) · p. Seite 533

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 45 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
Seite 533 (sequence 5)
Language
German
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533 und erfunden wird, erst der Erde entnommen werden muß. Wie viele von den vielen intelligenten Menschen hatten früher darüber nachgedacht, wie ein Volk von Millionen seine leibliche Nahrung findet? Und woher sie kommt und wie sic erst entsteht? Erft der Krieg, der große, ernste Lehrer, mußte kommen, um die Völker zu belehren, daß ohne Ackerbau und Bauernstand auch das stärkste und wehrhafteste Volk machtlos werden kann. Wahrlich, angesichts solcher Tatsachen, die bisher so vielfach übersehen wurden, möchte man mit dem griechischen Weisen Heraklit ausrufen: T.mtmv;«v r.a~i]p een, „der Krieg ist der Vater aller Dinge". Was würden uns heute alle Museen, Kunstaalerien, Musikakademien, Universitäten und Theater, ja sogar unsere Eisenbahnen, Luft- und Wasserflvtten oder Armeen trotz glänzender Siege nutzen, wenn nicht die Landwirtschaft, nicht der Baliernstand unser gesamtes Volk ernährte! Nun aber, unter den Lehren dieses Weltbrandes, erkennen alle Stände, daß der Bauernstand nichts weniger bedeutet im Volkskörper als jeder andere Beruf und in Zeiten wie die gegenwärtige sogar ausschlaggebend ist. Es ist eigentlich beschämend, sagen zu müssen, das; nun nirgendwo bei Juden eine solche Gleichgültigkeit, sogar Abneigung gegen jede Art der Landwirtschaft, wie gerade bei uns in Deutschland, vorherrscht. Es ist beschämend, daß gerade bei den deutschen Juden alle Bestrebungen unserer hervorragendsten Geister seit vollen hundert Jahren, einen Teil der deutschen Juden der Landwirtschaft zuzuführen und einen jüdischen Bauernstand zu gründen, so gut wir gar kein Verständnis gesunden haben. Was will es viel bedeuten, wenn gegenwärtig ein Verein, der dieses für die Judenheit so wichtige Külturziel verfolgt, knapp drittehalbtausend Mitglieder zählt, wo es deren zehnmal mehr sein sollten? Hätte doch gerade unsere unglückselige soziale und politische Lage in Deutschland bis heute endlich einmal die führenden Persönlichkeiten zur Erkenntnis bringen müssen, daß sie bisher die Hebel an falscher Stelle angesetzt haben und eine soit-ckisant „Agrarpolitik" die deutsche Judenheit politisch gehoben hätte. And was erlebt man auch heute noch statt dessen? Man verkennt von neuem die Situation, und, wie bereits eben ausgesprochen, werden die alten schon gänzlich ausgetretenen Dornenwege von neuem betreten, die alten, uns mit Haß beladenden Gewerbe immer weiter und ausgedehnter betrieben, der Jude zum Spezialisten des Handels oder Studiums weitergestempelt, hingegen, was unser Ansehen heben könnte, unterlassen oder gleichgültig behandelt. Und so werden wir ausgeschlossen, weil wir uns selber von vielen Berufsarten, die im Volke wurzeln, aus schließen als gerade hi er. Daß in unseren Nachbarstaaten, Holland, Oesterreich-Ungarn und in Nordamerika die Juden hervorragend an jeder Art Bodenkultur beteiligt sind, ist selbst heute noch nur wenigen deutschen Juden bekannt. Ebensowenig weiß man in jüdischen Kreisen, daß in Deutschland selbst schon seit einer Reihe von Jahren nicht nur etwa die Töchter der deutschen Großgrundbesitzer, der sogenannten „Agrarier", sondern auch vieler höherer Staatsbeamten, Töchter von Offizieren uiw. sich der leichteren Landwirtschaft, wie Blumen-, Obst-, Gemüse-, Bienen- und Geflügelzucht, als Lebensberuf widmen. In jüdischen Kreisen weiß man auch offenbar heute noch nicht, daß zum Beispiel die Milchwirtschaft von Genossenschaften betrieben wird, in deren Betriebskapital eine beträchtliche Anzahl kleiner Vermögen, häufig die Hinterlassenschaft von Militärs und Staatsbeamten, investiert ist und den Beteiligten eine recht ansehnliche Rente einbringt. — Da kommt der Krieg, der „Vater aller Dinge", und — man könnte geradezu von einem Wunder sprechen — da regt sich, wohl auch infolge der Zeitungslektüre, in unserer jüdischen weiblichen Jugend wie mit Urgewalt die Sehnsucht nach der Scholle, zum Weg hinaus ins Freie, wo Wald, Wiese und Acker in schrankenfreien Flächen nur der Menschenhand harren, um ihren Segen hervorsprießen zu lassen. Hier winkt ein neuer, bisher nicht gekannter Wirkungskreis auf bisher noch nicht betretenem Wege. Aber nicht nur das allein regt in vielen jüdischen Mädchen den Wunsch nach einem anderen Beruf als dem bereits so vielfach schon überfüllten an. Es ist nicht bloße Romantik, die bei einem Bruchteil der jüdischen Mädchen die Sehnsucht nach eigener Scholle außerhalb dem Getriebe der Städte eriveckt. Vielmehr spielt die klare Erkenntnis der Realität kommender, bereits auch schon eingetretener Verhältnisse hier eine entscheidende Rolle; eine Kriegsfvlge. Tausende jlinger Männer liegen bereits in Feindesland begraben; Hunderte, vielleicht auch Tausende anderer jüdischer, lediger Männer kehren als Invalide und Sieche in die Heimat zurück. Damit entfällt für ebenso viele Tausende jüdischer Mädchen die Aussicht auf die Ehe. Und waren diese Aussichten für jüdische Mädchen mit mittleren und kleineren Vermögensaussteuern schon lange vor dem münnermvrdenden Krieg nicht besonders mannigfach, so sind sie jetzt mir noch mehr reduziert, und viele, viele Mädchen aus dem Mittelstände werden auf eine Ehe ganz verzichten müssen. Jedenfalls werden jüdische Mädchen, sogar auch recht geschäftstüchtige, im kaufmännischen Berufe rutr mit beträchtlichen Mitteln eine selbständige, auf späte Lebensjahre hinaus gesicherte Existenz erringen können. Mag auch ein Teil der kaufmännischen weiblichen Angestellten eine Dauerexistenz sinden, die Mehrzahl geht einer ungewissen, ungesicherten Zukunft entgegen. Je älter sie werden, je mehr ihre Leistungskrast verbraucht ist, um so aussichtsloser ihre Existenz. Wenn hingegen unsere jüdischen Mädchen sich entschließen, einen allerdings anstrengenden, aber Gesundheit und Kraft stählenden Beruf z-n ergreifen, in dem sie, selbst mit einem recht bescheidenen Kapital, sich für kommende Zeiten verminderter Leistungsfähigkeit ein eigenes Heim und ihre Unabhängigkeit durch eigene Kraft sichern wollen, so winkt ihnen ern solch erstrebenswertes Ziel, indem sie sich der Scholle zuwenden und sich ihr widmen. Aus diesen und ähnlichen Erwägungen schuf der Bodenkulturverein zu Döberitz die Gärtnerei-Lehra n st a l t, in der bereits junge Mädchen ihre Tätigkeit begonnen haben. Dank der Hochherzigkeit des Herrn I u st i z - rats M. Steinschneider (Berlin), der einen Teil seiner Villa und große Ländereien der Lehranstalt überließ, ist zmn erstenmal in Deutschland ein landwirtschaftliches Institut fürjüdische Mädchen geschaffen worden. Es ist gewiß psychologisch interessant, daß gerade Mädchen aus den höheren Ständen und Großstadtkreisen den Gärtnereiberuf erlernen wollen: Mädchen mit bester Schulbildung und froherem Schaffenswillen und von Hause aus mit vielem Komfort umgeben. Wie auch leicht erklärlich, läßt der Vorstand des Bodenkulturvereins bei Aufnahme der Schülerinnen in die Anstalt alle Vorsicht walten, um für künftige Pioniere das beste Material zu treffen. Erfreulich wäre es allerdings, wenn philanthropisch gesinnte Damen und Herren einige Freistellen stiften würden, damit auch vermögenslosen Mädchen ein Beruf erschlossen würde, in dem sie dereinst sich selber ihre Versorgung erringen'könnten. Das wäre zugleich eine Art Brautausstattung (Hachnassath Kallah), wie sie idealer und aussichtsreicher kaum gedacht werden könnte. Nun liegt es nur noch an der Einsicht jüdischer Eltern und an der Schaffensfreudigkeit und Intelligenz der jüdischen Mädchen, die neuen Bahnen zu betreten, die zur Regenerierung unseres Stammes, zur Entlastung des Handelsstandes, zur wirtschaftlichen Erstarkung und Sicherstellung unserer Frauenwelt führen können. Von ihnen hängt es jetzt ab, ob die ideale

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