Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
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532 Aber diese Wahrheit ist auch in der Duma in Petersburg ungeschminkt ausgesprochen worden. Präsident Wilson mag sich die Reden vorlegen lassen, die der jüdische Abgeordnete Friedmann und der uwhannnedanische Abgeordnete Tschafarow tu der NeickMdnma gehalten haben. Es mag genügen, aus der Rede F r i e d m anns wenige Latze hier anzuführen: „Es gab Pogrome, Räubereien, Vergelvaltigungen von Frauen. Ich werde jetzt keine einzelnen Tatsachen anführen, sondern werde die Dokumente in der geheimen Sitzung der Duma vorlegen . . . Wenn der Führer der Opposition in Anbetracht alles dessen, was gegen die jüdische Bevölkerung vorgenommen wurde, schon beim Beginn des Krieges gesagt hat, daß wir uns den Zeiten von Ferdinand und IsabeUa nähern, so sage ich jetzt, daß diese Zeiten bei weitem übertroffen worden sind. Zum Schutze Spaniens ist das jüdische Blut nicht geflossen, aber bei uns ist das Blut der Inden vergossen worden in dem Augenblick, wo diese das Vaterland schützten." Damit ergibt sich die folgende Frage: Wenn der Präsident der Bereinigten Staaten, Herr Wilson, sich verpflichtet fühlt, jene unschuldigen Armenier, die türkische Untertanen sind, zu schützen, soweit ihm das möglich ist, so ist nicht abzusehen, warum er diesen seinen Schutz nicht auch den Juden und den Mohammedanern, die r n s s i s ch e Untertanen sind, zuteil werden läßt. Das Gebot der Hmnanität, das für die einen gilt, sollte für die anderen nicht außer Alraft gesetzt werden können. Tie unaufhörlichen Verfolgungen des Zarismus haben Hunderttansende von Juden aus Rußland in die Vereinigten Staaten getrieben, wo sie nmnnehr friedliche und geachtete Bürger geworden sind. Allein im East End von New?)ork gibt es über eine Million Juden, die fast alle aus Rußland stanunen und die die Leiden ihrer Glaubensgenossen kennen. Diese Massen, vereint mit allen human denkenden christlichen Bürgern der Vereinigten Staaten, werden hoffentlich den Augenblick für gekommen erachten, die führenden Männer in Washington darauf hinzuweisen, daß ein menschenfreundlicher Präsident auch in Rußland sich Verdienste um das Menschengeschlecht erwerben kann. Es wäre ein Großes, wenn Präsident Wilson sich der Geknechteten und Riedergetreteueu in Rußland helfend annehmen wollte. Anlrren Milchen Mädchen gewidmet. 3N aller Stille, ohne besondere Festlichkeit und ohne rhetorischen Auftakt, wurde am vorletzten Sonntag vor den Toren Berlins, in Döberitz. in bescheidenem Umsang eine Anstalt eröffnet, die berufen sein dürfte, ein Merk- und Markstein im sozialen und wirtschaftlichen Leben der jüdischen Frauenwelt Deutschlands zu werden. Ein Wendep u n f t nicht nur für jene jüdischen Mädchen, die das Schicksal auf ihre eigene Kraft anweist und denen vielleicht versagt bleibt, erst an der Seite des Mannes des Daseinskampfes enthoben, den eigenen Herd zu gründen, sondern auch für jenen Teil unserer Frauenwelt, der, unabhängig vom Zwange materieller Verhältnisse, seine Eristenz nach eigenem Witten, nach Neigung oder Fähigkeit selber zu gestalten vermag. E i n W e g i u s F r e i e, in eigenster Bedeutung wie auch in recht weitem Sinne, ein Weg ins Freie für jüdische Mädchen ivird jene neue Kründung einer K ärt n ereile h ran st alt f it r jüdi s ch e Ni ä d ch e n und F r a u e n zu Döberitz werden. Die von einigen Männern des Vorstandes des V e r - e i u s z u r Ford e r u n g der Bodenkultur u n t e r den Juden Deut s ch l a n d s (Bodenkulturverein) ins Leben gerufen worden ist. Lange vor Ausbruch des Krieges schon beschäftigte die Vage der jüdischen Niädchen, die, zufolge der ökonomischen Lage ihrer Eltern auf eigene» Lebenserwerb angewiesen, im gegenseitigen Konkurrenzkampf wohl - und daun auch meist nur dürftig ihre K egen w a r t, in seltensten Fällen aber ihre Z u k u u f t sicherzustellen vermochten, unsere jüdischen Philanthropen und Soziologen. Merkwürdigerweise übersah man in diesen und auch in weiteren jüdischen Kreisen ganz und gar, daß mit den ans einseitiger Berufsausfüllung entstehenden wirtschaftlichen Mißständen auch noch andere, viel folgenschwerere Erscheinungen verkettet sein mußten. Es lag aber im „Zug der Zeit" (der meist gar kein „Zug" aus eigenen Gedankengängen und klaren Erwägungen, sondern nur eine Herdentrieb serscheinung ist), daß die Töchter jüdischer Familien, besonders des Mittelstandes, und, auch ganz logischer Weise, der mittellosen Stände einen Erwerbsberuf ergriffen, um den Daseinskampf ausnehmen zu können. An sich gewiß nur richtig, übersah man aber in jüdischen Familienkreisen nur das eine — und gerade das Wichtigste —, nämlich, daß aur eine vielgliederige, nach vielen Richtungen ausstrahlende und möglichst vielseitige Erwerbstätigkeit einer Arbeitskonkurrenz vorbeugt, die sich nicht gegenseitig erst unterbieten muß, um überhaupt existieren zu können. So kam es denn, daß der weitaus größte Teil der jungen jüdischen Mädchen sich zu Hilfskräften des Handels und der Industrie entwickelte und ein im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung geradezu enormes Kontingent von kaufmännischen Hilfskräften, wie Ladnerinnen, Kontoristinnen usw. oder auch Putzmacherinnen, Schneiderinnen und verwandten Gewerben hervorbrachte. Anderseits wächst infolge jener Berufsüberfüllung im Gewerbsleben seit einigen Jahren die Zahl der studierenden jüdischen Mädchen in einer nicht unbedenklichen Weise. Unter der Suggestion, daß ein bestandenes Abiturium eines Mädchens eine Geistesleistung bedeute, hinter der llnbedingt eine künftige Koryphäe der Wissenschaft schlummere, treten immer größere Massen jüdischer Mädchen in höhere Schulen ein, um dann ein akademisches Studium zu absolvieren. Daß auch hier viele Berufene — vielleicht richtiger Unberufene —und nur wenige Auserwählte sein werden, wird selten in ernste Erwägung gezogen, und wie es scheint am wenigsten in jenen Kreisen, wo „man es sich leisten kann", die Töchter studieren zu lassen. Es ist deshalb nur eine ganz natürliche Folge, daß wir bereits vor dem Krieg ein akademisches weibliches Banausentum sich entwickeln sahen, das entschlossen gegen die männliche Konkurrenz in die Schranken trat. Mit fast naturnotwendiger Folge entsteht dadurch fast gleichzeitig ein weibliches Geistesproletariat, das, nach menschlicher Voraussicht, keine materiell gesicherte Zukunft sich erringen kann, viel eher aber eine Belastung der sozialen Probleme in sich birgt. Es ist kein Glanzzeugnis für die Intelligenz weiter jüdischer Kreise, speziell für jüdische mit vielen Töchtern gesegnete Familien, daß sie in der Sorge um die Zukunft ihrer Kinder aus alle möglichen Berufsarten verfielen und immer wieder auf solche, die entweder örtlich die engsten Bewegungsgrenzen setzten oder so große Mittel erfordern, daß ohne sie eine materielle Unabhängigkeit späterhin mehr Ausnahme als Regel ist. So lagen die Verhältnisse bis zum Ausbruch dieses Krieges. Und nun erst werden die großen Massen inne, daß keine Industrie, kein Handel und Wandel, keine Schifsahrt und Technil die physische Existenz einer Nation sichern können, wenn nicht ei» so großer Teil eines Reiches, als erforderlich ist, um die darin lebenden Menschen zu ernähren, auch durch Bauernarbeit und Bauernkraft kultiviert wird. Der Krieg erst belehrte die großen Massen, daß im Grunde genommen kein Rang, kein Beruf und kein Stand vor dem andern einen Vorzug hat, alle zusammen nur gleichwertig sind und die Arbeit des Landwirts auf dein Felde nicht minder wichtig ist wie die des Arztes, des Lehrers, des Kaufherrn oder Strategen. Jede Arbeit zum Nutzen der Allgemeinheit, von der des Wegearbeiters bis zu der des Mi nisters, ist gleich vornehm und adelt den, der sie leistet, wie dieser ivieder die Arbeit adelt. Es ist vordem wenig in jüdischen Kreisen darüber nachgedach worden, und cs ist nicht schmeichelhaft für die jüdische Denkkraft, daß ihr erst beim Ausbruch und erst während der leider schon so langen Dauer dieses Krieges zum vollen Bewußtsein komme» konnte, daß alles, was dem Menschen dient und von ihm erzeugt