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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-05 · Heft 45 (5.11.1915) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 45 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
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531 Innerhalb Englands und Frankreichs gärt es. Die Oberhäupter beider Staaten find vor kurzem zusammengetroffen; von ihren Besprechungerl verlautet nichts. Der König von England hat ganz neuerdings einen Unfall gehabt; wir werden ihm unser menschliches Mitgefühl nicht versagen. Das englische Oberhaus spricht sehr energisch seine Forderung nach erhöhter Kontrolle über die diplomatischen und kriegerischen Unternehmungen aus; die Antworten der englischen Minister klingen zwar sehr -entschieden und weisen namentlich jeden Friedensgedanken ab, sind aber im Grunde recht zaghaft und lau. Die Unzufriedenheit in Frankreich äußert sich in einem lebhaften Widerstande gegen das Ministerium. Dieser Widerstand hat die Folge gehabt, daß der leitende Staatsmann Diviani seine Stellung aufgegeben und dem erprobten Briand Platz gemacht hat; außer ihm werden neue Männer oder wenigstens solche, die augenblicklich nicht am Ruder waren, an die Stelle der früheren Minister einrücken. Ja man spricht sogar von einer Präsidentenkrise, und es werden bereits viele Namen von Leuten genannt, die sich bereit erklärt haben, die wenig beneidenswerte Stellung des Herrn Poincare einzunehmen. Solchen Veränderungen sehen um* mit Ruhe entgegen, freilich nicht ohne eine gewisse Schadenfreude, daß alle die Herren, die es sich ein leichtes dankten, mH Deutschland fertig zu werden, so schnell aus dem Sattel gehoben werden. Daß aber dllrch solche Veränderungen innerhalb der Ministerien — denn auch in England kriselt es bedenklich — etwa die Friedensstimmung sich stärkt, ist leider m bezweifeln. Immerhin ist zu konstatieren, daß sich in diesen Verschiebungen die große Unzufriedenheit der beiden westlichen Völker mit dem augenblicklichen Stand der Dinge bekundet rnwie der Haß gegen die Erfolglosigkeit der bisherigen Bestrebungen. Wann endlich wird jenen Völkern die Einsicht kommen, daß nicht nur der Weg, der bisher eingeschlageu nmrde, ein verkehrter war, sondern daß das ganze Kriegsunternehmen, dessen Beginn sie uns zuschieben wollen, das aber von ihnen angezettelt worden ist, ein wenig vorbereitetes, ja ein solches war, das an unserer Stärke zerschellen mußte. Die Finanz Verlegenheiten aller unserer Gegner sind außerordentlich groß. Rußland muß zu einer inneren Anleihe greifen, die eine verzweifelte Aehnlichkeit mit einer Zwangsanleihe hat; Englands Verpflichtungen übersteigen alles Maß, so daß es sich \n dem unerhörten Schritte veranlaßt gesehen hat, von allen Waren, nicht nur denen, die es den neutralen Mächten, sondern auch denen, die es seinen Verbündeten Rußland und Frankreich liefert, 10 % Aufschlag zu erheben; die französische 3 ^ige Rente hat ihren Tiefstand erreicht. Der Zinsfuß, mit dem dort neue Anleihen begeben werden, ist ein für Frankreich geradezu unerhörter geworden. Aber die Hartnäckigkeit aller dieser Gegner, ihr Ringen um den Sieg, das von ihnen kundgegebene, wenigstens mit Worten ausgedrückte Vertrauen, daß ihnen der endliche Triumph beschieden sein müsse, ist leider noch sehr groß. Daher kann man nur sagen, daß die Beendigung des Krieges, von der alle Welt spricht und auf die die ganze Welt hofft, noch in recht unbestimmte Ferne gerückt ist. * Alls Nußlau d ist wiederum höchst Trauriges zu berichten. Das „Berliner Tageblatt" schreibt: Nach den jüngsten rllssischen „Siegen in Galizien" hatte der Armeeuihrer Iwanow ungeordnet, die seinerzeit von der russischen Regierung nach Nishnij Nowgorod abgeschobenen, etwa 3000 galizis ch e n Juden na ch T a r n o P o l zurückzutransportieren. Die unglücklichen galizischen Jllden befanden sich auf dem Rücktransport bereits in Kiew und Kusatin, als vorigen Mittwoch von Iwanow der Befehl einlief, „angesichts der militärischen Lage" die betreffenden Juden wieder nach Nishnij Nowgorod abzuschieben. Aus der „Nationalzeitung" ist folgendes zu entnehmen: Jnlmer nlehr gewinnt es den Anschein, daß in nächster Zeit eine neue Aera der Ind e n - u n d D e u t s ch e n v e r f o l g u n - gen in Rußland anbrechen lvird. Die reaktionären Vereinigungen und Bünde im Lande haben die Parole ausgegeben: Dem lib e ralen D u m a b l o ck Kampfbis zur V e r n i cht it n g! Die Ernennung Ehwostows zum Minister des Innern ist ihnen das beste Triebwasser auf ihre Mühle. Auch den denk- und handlungsbewußten Nationalitäten des russischen Riesenreichs droht durch den neuen Kurs in der inneren Politik Rußlands Gefahr. Die Vergangenheit des neuen Chefs der innereil Verwaltung bietet die Gewähr, daß in Finnland, in der Ukraine, in Litauen llnd gegebenenfalls auch in dem noch unter russischer Verwaltung stehenden kleinen polnischen Gebiet die Nussifizierungsbestrebungen mit allen Mitteln fortgesetzt werden. Die „Deutsche Tageszeitung" meldet: Die Polizeibehörden in Kiew haben, wie die „Birschewhja Wjedomosti" erfahren, eine neue, gegen die jüdische Bevölkerung gerichtete Verfügung erlassen, nach der bis auf weiteres keine jüdischen Flüchtlinge mehr in Kiew z u g e l a s s e n w e r d e n. Außerdem haben alle jüdischen Familien, die noch in Kiew sich aufhalten, darunter auch die Kaufleute erster Gilde und die Akademiker, die Aufforderung erhalten, die Stadt binnen vierzehn Tagen zu verlassen. Ferner berichtet die „Vofsische Zeitung": Der neue kaukasische Statthalter und frühere Generalissimus Nikolai hat endlich seinen ersten großen Sieg errungen, nämlich über die dortigen Inden. Soeben hat er sämtlichen kaukasischen Gouverneuren mitgeteilt, daß er es für nnzlv eckmäßig erachte, die von dem früheren Minister des Innern Schtscherbatow an die jüdischen Flüchtlinge erteilte Erlaubnis, in kaukasischen Städten Unterkunft zu suchen, anfrechtzuech alten. Sämtliche im Kaukasus befindlichen Flüchtlinge sind sofort abzuschieben und gleichzeitig auch die dortigen jüdischen Kauflente erster Gilde sowie Handwerker, die lallt den russischen Grundgesetzen allgemeines Wohnrecht genießen. In einem größeren Artikel von Paul Nathan „Präsident Wilson, Armenier, Mohammedaner und Inden", der davon ansgeht, daß der Leiter der amerikanischen Politik gegen die Türken auftreten wolle wegen der von ihnen gegen die Armenier verübten Greuel, heißt es über die Juden folgendermaßen: Ich bin im Laufe dieses Jahres dreimal, zlnu Teil längere Zeit, in den von delitschen Truppen besetzten Gebieten Rußlands gewesen, lmd ich habe es mir angelegen sein lassen, beglaubigte Tatsachen über die von der russischen Soldateska gegen Juden verübten Grausamkeiten gemeinsam mit einer kleinen Anzahl von Freunden zu sammeln. Die Verbrechen, die von den zurückweichenden russischen Heeren gegen die jüdische Bevölkerung verübt wurden, sind unübersehbar. Die Plünderung war hergebracht; Schändungen von Frauen und Mädchen, aber auch von Greisinnen und Kindern gleichfalls: und dazu zahllose Morde und zahllose Totschläge gegen diejenigen, die nicht willig ihren Besitz auslieferten, oder die den raubenden Soldaten nichts ausliefern konnten, weil sie nichts besaßen. Sodann die Austreibungen von ganzen jüdischen Gemeinden aus kleineren Ortschaften und großen Städten mitten im Winter, ohne daß man den Aermsten gestattete, auch nur ihre bewegliche Habe mitzunehmen; ohne daß man gestattete, daß Kranke, daß Wöchnerinnen, daß Greise zurückgelassen werden durften. Noch heute ist Warschau überschwemmt von solchen Flüchtlingen, die ich in überfüllten Häusern aufsuchen konnte und die nichts mitgebracht hatten als ihr nacktes Leben, die jetzt von der Wohltätigkeit ihrer Glaubensgenossen leben und von der Humanität der deutschen Behörden. Andere Zehntausende von Inden sind in das Innere von Rußland abgeschoben worden; in Viehwagen eingesperrt, halb verhungert, und man erlaubte ihnen nicht, auf der weiten Reise die verschlossenen Waggons 31t verlassen. Durch das Bureau des Hilfst Vereins der deutschen Juden sind Hunderte und Hunderte von Briefen gegangen, die den amerikanischen Verwandten der Vertriebenen diese greuelvollen Zustände schildern, und Präsident Wilson wird nur notwendig haben, die nötigen Erkundigungen im East End von New Park einziehen zu lassen, um von amerikanischen Bürgern die Wahrheit zu erfahren.

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