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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-05 · Heft 45 (5.11.1915) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 45 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
Seite 530 (sequence 2)
Language
German
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530 Gerechtigkeit und Menschlichkeit rühmen und mehren helfen. Und das wird unser Stvlz sein, wenn wir in diesen ernsten Tagen durch regelmäßige Andachten in den Gefangenenlagern gar vielen Trost und Aufrichtung vermitteln, wenn wir uns bemühen, uns in die Empfindungen dieser Zuhörerschaft zu versehen und zu versenken, wenn wir in dem einzelnen den Menschen ehren und den tapferen Soldaten achten, der seine Pflicht gegen sein Vaterland getan. Mit den Tagen des Kriegsausbruchs ist es aber unsere wesentliche Pflicht, in den Gemeinden selbst Trost und Aufrichtung zu verbreiten. Denn gerade die Taheimgebliebeneu, die in stiller Arbeit den Tag des Sieges anbahnen helfen und mit all ihren Gedanken bei den kämpfenden Mannen weilen, sehnen sich nach einem Wort des Zuspruchs und der Erhebung, nach der Bekundung gemeinsamen Willens und Vertrauens, nach Tank in den Stunden des Sieges und Fürbitte in den Zeiten geduldigen Ausharrens. So sind die K r i e g s a n d a ch t e n entstanden, die zumeist an den Sonntagen zu abendlicher Stunde die Gemeinde versammeln. In ihren Mittelpunkt rückt die Kriegsbetrachtung des Geistlichen, die von Psalinenverlesung und Orgelspiel umrahmt wird. Gerade die Kürze und Eindringlichkeit dieser Veranstaltung hat zu ihrer Verbreitung beigetragen. Und doch handelt es sich um die Verjüngung eines alten Gedankens, der auch der jüdischen Uebcrlieferung vertraut ist, nur daß er im Geiste unserer Zeit zur religiösen Erneuerung und Vertiefung in einer glücklicheren, ansprechenden Form beitragen will. Wir wünschen gewiß, daß dies der letzte der Kriege sei, den wir erleben. Und doch ist die Hoffnung berechtigt, daß das, was er geschaffen, nicht mit dem Tag verwehe. Es wird Sache der praktischen Theologie sein, die gewonnenen ErfahrKngen zu verarbeiten und ihrem Lehrplan einzufügen. Denn das mußten wir nachgerade von anderen lernen, daß es wichtig ist, bereit und vorbereitet zu sein. Schließlich hat der Jünger der jüdischen Wissenschaft zuerst dein Leben zu dienen, und das ist doch manchmal reicher als der Staub der Vergangenheit, mit dem er gar zu reichlich belastet wird. Sie Woche. Berlin, beit 2. November 1915. itf zwei Kampfplätzen wird augenblicklich mit großer Erbitterung gekämpft: an der italienischösterreichischen Grenze und in Serbien. Die Italiener, die allerdings ihre Flotte nach den östlichen Gewässern geschickt haben, sonst aber allen Bemühungen zum Trotz sich sowohl die Hilfeleistung in Serbien als in Frankreich versagen (denn sie haben immer noch nicht Deutschland den Krieg erklärt), sind vielfach gegen die österreichischen Linien vorgestürmt, haben aber nirgends einen nennenswerten Erfolg davongetragen. Vielmehr sind sie überall blutig abgewiesen worden (ihre Verluste sollen 150 000 Mann betragen) und haben — man weiß gar nicht mehr zum wievielten Male — ihre großsprecherischen Verheißungen, durch eine Niederwerfung der Oesterreicher sich den Weg in das Herz des Kaiserstaates zu bahnen, unerfüllt gelassen. In Serbien haben sich die Trnppenmassen der Bulgaren und der verbündeten Deutschen und Oesterreicher vereinigt; eine Anzahl von Höhen und mehrere befestigte Städte, zum Beispiel das wichtige Pirot und Kragujevac, sind in den Händen unserer und der mit ihnen vereinigten bulgarischen Truppen; die Serben, so todesmutig sie auch kämpfen, sind nicht lange mehr in der Lage, ihren mächtigen Gegnern Widerstand zu leisten. Es sieht so aus, als wenn die Franzosen und Engländer, die sich zur Hilfeleistung von Saloniki ausgemacht haben, zu spät kommen; eine französische Schar, die sich den Bulgaren entgegenstellte, ist bereits geschlagen. Die Truppen der sogenannten Ententemächte haben jedenfalls nicht vermocht, die Vereinigung unserer Heere mit den verbündeten Bulgaren zu hindern; sie gebieten nicht mehr über die Eisenbahnlinien, die vielmehr in den Händen unserer Freunde und in unseren eigenen sind; hoffentlich ist ihre Anstrengung nutzlos, und die Entscheidungsschlacht gegen die Serben, die sich vorbereitet, wird geschlagen sein, ehe die englisch-französischen Hilfskräfte angelangt sind. Griechenland hat sich dazu aufgerafst, die weitere Landung von Truppen, ja wie man hört, auch den Aufenthalt der Verbündeten in Saloniki zu untersagen; darauf deutet wenigstens die sonst ziemlich unverständliche Nachricht hin, die Griechen hätten den Sitz ihres Generalstabs nach Saloniki verlegt. Die jüngste Mitteilung darüber lautet so: Nachdem die Entente trotz des wiederholten Protestes die Truppen nicht abtransportiert hätte, müsse die Negierung schleunigst die Entwaffnung der auf griechischem Boden stehenden fremden Soldaten anordnen. Der Ministerpräsident forderte sodann die Gesandten der Entente auf, binnen 24 Stunden mit der Abtransportierung der gelandeten Truppen zu beginnen. Nach Ablauf dieser Frist würde die griechische Negierung nicht mehr die Verantwortung für die weitere Entwicklung der Dinge übernehmen können. Aus Athen wird daraufhin gemeldet, daß die Abtransportierung der in Saloniki gelandeten Truppen begonnen hat. Drei französische und fünf englische Bataillone wurden auf dem Kreuzer „Trevillc" eingeschifft. General Hamilton teilte der Entente mit, daß die Zurückziehung der Truppen bereits begonnen habe. Rumänien hat einer neuerlichen Nachricht zufolge mit Deutschland und Oesterreich einen Neutralitätsvertrag abgeschlossen. Jedenfalls scheint es ausgeschlossen zu sein, daß Rumänien Rußland den Durchzug gestattet, und noch in höherem Grade, daß es sich mit Rußland oder den Ententemächten vereinigt. Allerdings ist die Stimmung in Rumänien nicht einheitlich, und es ist zu fürchten, daß die Juden auch bei einer dortigen neuen Wendung der Dinge nicht viel zu hoffen haben. Jedenfalls klingt folgende Notiz der „Boss. Ztg." sehr befremdlich: Der beim Z u s a m m e n st o ß des Militärs mit den Demonstranten am letzten Sonntag Getötete ist ein 17jähriger Bukarests Jude, der zufällig in das Getriebe hineingetraten war. Es ist den begeisterten Vierverbandsfreunden offenbar peinlich, daß es nicht ein Rumäne aus Siebenbürgen oder der Bukowina war; das Agitationsmaterial wäre bedeutend wirkungsvoller gewesen. Endlich haben sie sich auch damit abgefunden und für <ben Getöteten eine Sammlung eingeleitet, aus deren Erlös Kränze für das Grab und eine Unterstützung für die Familie bestritten werden sollen. Zum Leichenbegängnis erschienen auf dem Friedhof einige hundert siebenbürgische Hetzer, die sonst als Judenfresser bekannt sind. Sie vertrieben die aufgestellten Wachen und veranstalteten anr Grabe des Opfers eine Totenfeier nach ihrer Art mit irredentistischen Reden. Die Mitglieder der Föderation für nationale Einheit haben übrigens beschlossen, ihre Agitation „bis zum Erfolg" fortzusehen, und werden demnächst das Land bearbeiten, nachdem sie in der Stadt so böse abgefahren sind. Es ist kaum ein Zweifel, daß sie auch dort nicht viel holen werden, zumal da die fortschreitenden Ereignisse Rumänien immer hellsichtiger machen für den Wert der Stunde. Unsere Sache in Serbien steht gut. Auch auf dem r u s s i - sch en und französischen Kriegsschauplätze steht es trefflich aus. Wenn auch auf beiden keine großen Unternehmungen vorgenommen worden sind, so ist doch zu konstatieren, daß in der Nähe von Dünaburg kleine Erfolge erreicht worden sind und daß auf dem westlichen Kriegsschauplatz verhältnismäßige Ruhe herrscht und keinerlei Vordringen der mächtigen Gegner stattfindet. Die Zahl der Gefangenen auf den östlichen Kriegsschauplätzen im Monat Oktober übersteigt die Zahl 42 000.

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