Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 45 Allgemeine Berlin, 5. November 1915 eilung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement S'pr eisdurch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich Z NI. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung der Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Kuckolk IKosse» verlin» lerusalemer Strasse 4S-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Audslf Messe, Berlin. Kriegsseelsorge. Von StadtrabbinerDr. Behrens,Göttingen. L-NVUlL. — Die Woche. — Unseren jüdischen Mädchen gewidmet. Von Tr. med. Arthur Kahn. — Iüdischdeutsch und Deutsch. Von Rabbiner Prof. Dr. R. Porges, Leipzig. — Rohbaumwolle und Jute. Von Fanny Cohn. — Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Richard Millstätter. — Die schwarzen Spanier. Von Arturo Bab. — Feuilleton: Ein Kain. Von Ernst Klein, Stockholm. — Sprechsaal. Der Gerneindebote (Beilage zur .AllgemeinenZeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr., Hamburg, Bamberg, Straßburg i. E., Wien. — Von Nah und Fern. krikgslerllorge. 'Von Stadtrabbiner Dr. Behrens, Göttingen. Aber der Krieg auch hat seine Ehre, Der Beweger des Menschengeschicks. — — Aber der Krieg läßt die Kraft erscheinen. Alles erhebt er zum Ungemeinen, Selber dem Feigen erzeugt er den Mut. (Schiller.) 3edes große Erlebnis vermag sich in Religion umzusetzen, sucht seine Beziehung zu den in ihr wirksamen Mächten. Je gewaltiger die Stoßkraft ist, die die Seele erschüttert, desto tiefer muß die Umwälzung sein, die ihre Vorstellungswelt erfährt, um so leidenschaftlicher und wuchtiger sind die Stimmungen, die sie bewegen, die Empfindungen, die sie ausstrahlt. In der tragischen Verkettung der Menschenschicksale ist es der Dichter, der das erlösende Wort findet und den Gleichklang, das versöhnende Gleichmaß des Lebens, tief schürfend schaut. Der Dichtung verschwistert ist die Religion, die in die Fülle ihrer Schöpfungen, Bilder und Rode ausströmen läßt, was im Getriebe dieser Erde dem Gefühl in den großen Entscheidungsstunden anheimgegeben ward. Weil die Erscheinungen wiederkehren, die sie gesehen und geschildert, darum schuf sie in der Bibel sich ein treffliches Kriegsbuch, dessen Sprache noch immer den „Einfältigen weise macht". Bedeutet der Krieg einen ungeheuren Eingriff in den gesamten geistigen und wirtschaftlichen Ausbau einer Nation, erfordert er den ernsten Willen zur Umgestaltung aller Lebensverhältnisse, so setzt er doch nicht minder die sittliche Bereitschaft und die Möglichkeit voraus, uns religiös auf ihn einzustellen. Neue Aufgaben treten damit in den Bereich seelsorgerischer Tätigkeit, wie sie wohl noch nie in gleichem Umfange den Geistlichen aller Bekenntnisse zugefallen sind. Gerade die Rabbiner finden in diesem weit ausgedehnten Kampfe zum erstenmal Gelegenheit, manch freudig geübter Pflicht sich zu unterziehen, gleich ihren Amtsbrüdern aus den anderen religiösen Gemeinschaften. Der Ernst der Zeit, gemeinsam empfunden, erhöht in seiner Weise die Macht der Gemeinsamkeit, wie wir hoffen, in froher Vorbedeutung. Zum erstenmal nimmt an diesem Feldzuge eine große Anzahl von Rabbinern teil, die als F e l d g e i st l i ch e zumeist den einzelnen Armee-Oberkommandos zugeteilt sind. Schon j aus dieser Tatsache erhellt, daß sie sehr große Bezirke seelsorgerisch zu verwalten haben. Sie haben selbst vielfach darüber berichtet, wie sie die Gottesdienste veranstalten und gemütvoll ausgestalten, wie sie die Herzen gewinnen und wirklich sorgsam väterlich die ihnen anvertrauten Scharen betreuen. Da erstehen mitten in Feindesland religiöse Festesfeiern, die die Teilnehmer wunderbar ergreifen und sie in lebendige Verbindung setzen mit der Heimat ihres Geistes und ihres Herzens, da finden sogar religiöse Probleme ihre einfachste Lösung, die vielleicht einmal auf die Zukunft weiter wirken wird. Mit Rat und Tat steht hilfreich der Feldgeistliche dem Verwundeten im Lazarett zur Seite, Trost und Ermunterung bringt er ihm in schweren Stunden, und die Verbindung mit der Heimat erleichtert er ihm. Endlich erwächst ihm oft genug die ernste Pflicht, am Soldatengrabe seines Amtes zu walten. Hingebung, Ausdauer, Menschenliebe adeln den Beruf des Feldgeistlichen. Das entnehmen wir allen Berichten, di^ihren Weg in die Heimat und in die breitere Oeffentlichkeit finden. Mit vollendeter Sachlichkeit hat seine Tätigkeit ganz besonders L. Ba eck geschildert, dessen Mitteilungen des öfteren an dieser Stelle wiedergegeben wurden. Gerade seine militärisch-knappe und doch eindringliche Darstellung verdient einmal der Gesamtheit zugänglich gemacht zu werden als Dokument von geschichtlichem Werte, als ein Zeichen, wie religiöse Vertiefung in ernster Zeit angestrebt, wie Religion erlebt, wie religiöse Teilnahmslosigkeit und religiöse Gegensätzlichkeit überbrückt wurden durch verständnisvolle Arbeit. Wie im Felde, so ist in der Heimat vornehmste Pflicht des Geistlichen, den Soldaten in der Garnison und den Verwundeten in den Lazaretten seine sorgsame Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wenn auch die jüdischen HeereSangehörigen in beiden Gruppen sich gar sehr verteilen, so läßt sich doch nicht bestreiten, daß sie jederzeit dankbar und empfänglich sind für die Ausübung der Seelsorge an ihnen. Es gibt genugsam Gelegenheit, auf sie einzuwirken und den Ernst der Religion ihnen nahezubringen, sei es im Gottesdienst in festtäglichen und sabbatlichen Stunden, sei es bei der Vorbereitung auf den Fahneneid und bei vaterländischen Feiern oder am Krankenbett, wenn wir ihnen in die allzeit kampfeslustigen Augen schauen und ihren Erzählungen lauschen, die von glücklich bestandenen Gefahren, von kampfesfrohen Tagen zu berichten wissen. Ein teilnehmendes Wort ist von wohltätiger Kraft, die den Lebenswillen erfrischen hilft. Mit nicht minderer Genugtung dürfen wir von unserer Wirksamkeit in den Gefangenenlagern erzählen, wenn die Insassen aus den entlegensten Fernen der Erde selbst kommen. Das Gotteswort, mit Wärme vorgetragen, dem Verständnis der Zuhörer angepaßt, findet den Weg zu den gläubigen Herzen, die es vernehmen wollen. Und vielleicht wird die Fürsorge, die von deutschen Kommandobehörden und von deutschen Geistlichen geübt wird, einmal den Namen deutscher