Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1915)
- Date
- 1915-10-29
- Page
- Seite 528 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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-528 Prachtvoll, wie das Auto dahinsaust. Immerfort Kolomea zu. Welche Kraft liegt in der Bewegung, in dem Sturme, der um mich jubelt und gegen den Wagen schäumt, als wolle er ihn bannen. Alles baut sich vor mir auf. Nicht ein einzelner bist du, Jude, der geschlagen wurde, dem man sein Eigen nahm, der sein Liebstes verlor! Hinter jedem stehen viel Tausende. Lange schon seid ihr ein Volk des Leides. Aber seit der Zeit der Diaspora türmte sich niemals noch so ragend die Tragik eures Geschickes. Und ihr werdet es wieder überwinden, werdet vielleicht stärker noch daraus hervorgehen. Warum? Weil ihr Juden seid! Laut, kraftvoll sei es gesagt. * * * Ich habe niemals die Offiziere, bis zu den höchsten hinauf, nach den jüdischen Soldaten gefragt. Im Schnee in den Karpathen, auf den Wegen in Galizien standen neben den -Hügeln mit Kreuzen einsame ohne Zier. Tausende, aber tausende. Durch die Spitäler ging ich, durch die ganze lange Reihe; da und dort, überall, allenthalben lagen schwerverivundet auf dem weißen Linnen: jüdische Soldaten. Willig geben die Juden ihr Blut, ihr Eigen. Selbstverständlich! Als Pflicht! Keinen Lohn wollen sie, keinen Dank. Nur eins wallen sie: keinen Schimpf! Nein, keinen Schimpf! Mjs?ellkn. Sophie R e i m a x u § über Mendelssohns Tod. .Heinrich Sieveking hat vor zwei Jahren das Leben seines Urgroßvaters Georg Heinrich Sieveking (1751—1799) in einem umfassenden Werte dargestellt, das nicht nur das ausgezeichnete Lebensbild eines im Dienste seiner Paterstadt und seiner Mitbürger rastlos tätigen Großkausmannes bietet, sondern zugleich tiefe Einblicke in das innere Leben eines deutschen Bürgerhauses im Zeitalter der Französischen Revolution gestattet. Der fleißige, junge Kaufmann findet doch so viel Muße, sich schöngeistigen und philosophischen Fragen mit tiefem Ernst zu widmen. Wenn auch sein Lieblingsschriftsteller Hemsterhuys ist, so beschäftigt er sich doch vorzüglich mit Mendelssohns Schriften, und nicht feiten begegnen wir in seinem Briefwechsel Hinmetfeii auf diese Studien. Bon einer geradezu schwärmerischen Liebe für Mendelssohn ist die Stiefmutter seiner Frau erfüllt. Sievekings Schwiegervater, Doktor I. A. Reimarus, hatte 1770 in zloeiter Ehe Sophie Hennings geheiratet, die mit ihrem Bruder August v. Hennings (geboren 1746, seit 1787 Amtmann in Plön) in regstem Briefverkehr stand. Hennings war 1772 durch Reimarus bei Mendelssohn eingeführt worden und war von dem Weltweisen begeistert, „dessen Mund ganz das Sanfte seiner Philosophie ausdrückt, in dessen Auge sein durch-, dringender Scharfsinn leuchtet". Als Mendelssohn 1786 starb, schrieb die Doktorin Reimarus — jo wurde Sophie Reimarus in ihrem Freundeskreis allgemein genannt^) — am 27. Januar an ihren Bruder: „Wieder ein Wahrheitssreund weniger in der Welt. Das ist eine Lücke, die wohl nie einer wieder ausfüllen wird, und wenn auch zehn sich darin teilen wollten. Was sollen zehn Stämmchen da, wo ein Baum gestanden, hat . . . Gleich in der ersten Hitze schicke ich Dir die Zeitung. Du mußt Mendelssohns letzte Worte durch meine Hände erhalten. Wer hat so wie er von der Welt Abschied genommen! Bei den Worten: „Ich möchte selbst von der Autorität eines Erzengels nicht abhäugen," kam es mir vor, als wenn Lesstngs Geist sich mit Mendelssohns Seele vereinigte zu einer Stimme! Und die ganze Rede, wie kann sie einen freuen, bei dem es widerhallt und der das Bedürfnis fühlt, daß . so etwas der Welt gesagt werde . . . Daß unsere Zeitung das alles so geradezu einsetzt, freut mich auch. Du wirst wohl sagen: das ist verzweifelt wenig, wenn Du aber unsere Dunkelheit vor zehn Jahren kanntest, so ist da schon viel gewonnen, wenn die Zensur die letzten geheiligten Worte stützen läßt." *) Ueber die Doktorin Reimarus vgl. Leasings Werke (Hempel), 20. Teih Erste Abteilung Nr. 547, 3. 829 und Zweite Abteilung Nr. 585, S. 1029. Am 8. Februar fügte sie hinzu: „Mendelssohns „An die Freunde Lesstngs": "wirst Mn mit Rührung als dieMtzte Arbeit eines Weifen und Heiligenlesen. Mir ist es merkwürdig, daß seine beiden letzten Schriften zum Beweise Gottes und zur Ehre waren. So Abschied zu nehmen ist doch wohl schön!" . Dr. Paü l R i e ger - Härwbüvg. Joel Bril wurde schon oft in jüdischen Zeitschriften zum Kantor der jüdischen Gemeinde zu Berlin gestempelt. Die Berliner Gemeinde hat niemals einen Kantor dieses Namens gehabt. . Die Amtsbezeichnung, die Jotzl Bril in der letzten Zeit beigelegt wird, beruht auf einem literarifchen Mißverständnis, welches ich mir aufzuklären erlaube. Joel Bril (nicht Brühl) lebte in den Jahren 1785—1791 in Berlin und gehörte zu den jüngsten Schülern Moses Mendelssohns. Joel Bril war von Berus Theologe und kein musikalisch gebildeter Kantor. Er schrieb einen hebräischen Kommentar zu den von Moses Mendelssohn ins Deutsche übersetzten Psalmen und nannte diese Ausgabe: nVTÖT ‘ ' Der Titel dieser Ausgabe läßt für den, der das Buch nicht gesehen hat, ein Shnagogen- Gesangswerk vermuten. Dieses ist aber nicht der Fall. So dürfte es von literarhistorischem Interesse sein, den vollständigen Titel des erwähnten Buches hier wiederzugeben. Er lautet: '733E7K C1J"in DI? "1BD >^12 ‘?X"Uri m'T’ö? “IBD bxT1 '“rSr “»mal ‘San oraa p NVA laai 21.1V 11X31 .“Ha Für dieses bmVP. nlTDl “BD, welches 1785 im Berlage der jüdischen Freischule in Berlin erschien, hat später, 1791, Joel Bril eine Vorrede in drei Teilen, über die hebräische Sprache, über die Entwicklung des GesanKs von Jubal bis Salomo und über die Musikinstrumente im Tempel, verfaßt. Nach diesem kurzen literarischen Hinweis wird jetzt hoffentlich niemand mehr Joel Bril als Kantor bezeichnen. In der Zeit, wo Joel Bril (auch Löwe genannt, nach seinem Vater in Berlin lebte, war Aron Beer bei der Berliner jüdischen Gemeinde „erster Vorsänger", was aus meiner „Denkschrift", die ich anläßlich des 200jährigen Bestehens (1914) der hiesigen „Alten Synagoge" versaßt habe, zu ersehen ist. Aron F r i e d m a w n. Mchrrrtylsyk. Besprechung her Dächer Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Die Ostjudenfrage. Zionismus und Grenzschluß. Von Georg Fritz, Kaiser!. Geh. Regiernngsrat. I. F. Lehmanns Verlag. München 1915. Morija und Golgatha. Von Binjamin Segel. IV. Tausend. Verlag von M. Poppelauer, Berlin C. 1915. Spätsrüchte. Von Alfred Friedmann. (Zum 70. Geburtstag — 26. Oktober.) Verlag von C. Naumanns Druckerei, Frankfurt a. M. Eine Handvoll Erde. Roman von C. Viebig. Egon Fleische! u. Eo. Berlin 1915. Das Friede-wünschende Deutschland. Ein Schauspiel aus dem 30jährigen Kriege. Von Johann Rist. In neuer Fassung herausgc geben von Heinrich Stümcke. Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha 1915. 3000 Rubel. Kriegsgeschichten von Martin Proskauer. Egon Fleischet u. Co. Berlin 1915. Forty Seventh Ammal-Report ol the Board of Trustees and Directors of the Jewish Orphan AsyLun. Clevelani (Ohio) 1915. Den Ostjuden ihr Recht! Von Dr. Nathan Birnbaum. Wien 1915. Verlag R. Löwit. Jüdischer Nationalkalenper auf bas Jahr 5676. 1915—1916. Wien 1915. Verlag R. Löwit. Der jüdische Jugendgottesdienst nach Theorie und Praxis. Bon R. Gottschalk. Preisschrift der Mahbaum-Stiftung. Berlin 1915. Verlag M. Poppelauer. Leutnant Sender, Blätter der Erinmrung für seine Freunde. Aus seinen Feldpostbriefen zusammengestellt von Dr. M. Spanier. Hamburg, 1915. Verlag von M. Glogau jr.