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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-29 · Heft 44 (29.10.1915) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 44 (29.10.1915)
Date
1915-10-29
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
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527. ien Zug, dem Kriege zuzufahren. Tränen und Jubel einen ich in weiter Ferne, schlingen eine Kette weit übers Land. Mitten durch die Menge drängt sich eine Jndensrau. Gennd, sauber in der Erscheinung. Neben ihr ist eine Frau, lter, vom Leben verbrauchter als sie. Sie ist in schwarzen Jvr gehüllt. Beide tragen Körbe, Schachteln, große Bündel. :riechen mit zwei Kindern dem Zuge zu. Ein Knabe, zehnjährig >i Gleicht, schleppt zwei Kinder aus den Armen. Alle kommen ie in.unseren Waggon, der schon über und über voll ist: die trauen, die Kinder, die Bündel. „Schrecklich!" ruft der Fliegerberleutnant neben mir aus. Es ist kein Ruf des Abscheus, iner voll getränkt von Erbarmen. Die Kinder mit dem zerauften Haar und den geröteten Augen schreien. Da und ort steht einer auf, macht der Frau Platz. „Ich dank' . . . licht für mich! . . . für die Kinder . . Auf dem schmalen ritz bettet sie zwei. Ihr Mann ist vor elf Tagen gefallen, ihr Heim ist abgebrannt: nur die Kinder und die Bündel hat sie. ind diese Frau lächelt, lächelt glücklich: die'Kinder schlummern letzt ruhig. Um zwei Uhr nachts noch lachen und scherzen wir auf der Fahrt den Karpathen zu. Tiroler .sind eingestiegen, von der Dkiabteilung. Sie erzählen, frisch, voll Lebensschäumen. Von H'nt Kampfe an der Grenze. „Verfluchtes Saunest gewesen," in dem sie gelagert haben. „Ausgesaugt wie von Bluthunden." Wären verhungert, hätten wir di e Juden nicht gehabt." — „ Ja eie Juden, bei denen haben wir immer was bekommen," sagt X'r Obertierarzt neben mir. „Sind gute Menschen — die luden," erwidert Oberleutnant v. Napy, der schneidige Artillerist ... Weiter rattert der Zug, rattert die ganze Nacht. Dtark klingt mir die Melodie daraus: Sind gute Menschen — oje Juden — die Juden. * * Adolf Dawidocicz hat in Marmaros-Sziged die Verhandlungen mit dem Russengeneral Dimitri geführt. „Wir sind," so erzählt er, „den Russen entgegengegangen und haben sie um Schonung der Stadt und ihrer Einwohner gebeten. Ich im Namen der Judenschaft. Sie lvurde mir zugesagt. Drei und einen halben Tag blieben die Russen. Dann wurden sie'von dep. Unseren verjagt. Wären sie länger geblieben, so hätten wir wie anderwärts zu leiden gehabt! — Gleich bei der Ankunst forderte der russische Kommandant Kontributionen in Geld und Naturalien, die die Stadt niemals hätte leisten können. Ich wurde bei ihm deshalb vorstellig — die Kontribution wurde ermäßigt. „Wie weit," fragte mich General Dimitri, „ist Debreczin von hier?" „24 Stunden, Exzellenz." „Und Budapest?" „Acht Tage." „Pah, m 24 Stunden werde ich dort sein." — Ein andermal fragte er: „Wie alt ist Ihr Kaiser?" . . . . „84 Jahre." „So alt, und da muß er noch Krieg mit uns führen?!" Ich gehe durch die Straßen der Stadt. Spreche mit dem und jenen von den Juden. In den kleineren, abgelegenen Gassen haben sie selbst während des kurzen Aufenthaltes der Rnffen zu leiden gehabt. Belästigungen, kleinere Diebstähle, Gewalttaten. Ein Kosak trat in den Laden eines Inden, kaufte ein, erlegte zwei Rubel. Sofort nach ihm kam ein zweiter, forderte die zwei Rubel unter Drohungen zurück. Der Jude beschwerte sich beim Kommandanten. „Hat er gekauft?" fragte er barsch. „Ja." „Hat er gezahlt?" „Ja." . „Dann pack' dich fort!" Bei Jaremcze steigen wir aus. Flüchtlinge mit uns, die in den wiedergewonnenen Ort zurückkehren. Em paar Häuser stehen noch;' alles andere ist verwüstet/ zerschossen, verbrannt. ' Heiß zuckt es in mir, eine brennende Strieme bleibt zurück: wie die Menschen da vor ihrem Liebsten stehen und dieses Ende sehen. Sie streicheln es förmlich. Der alte Bauer dort tüncht vor allem die zerbröckelte, geschwärzte Mauer weiß und blank: eine stammelnde Liebkosung ist das. — Der Jude und sein Weib und der fünfjährige Bub stehen neben mir. Sie haben mir so viel von ihrem Häuschen erzählt. Ein paar verkohlte Balken sind alles, was sie wiedersinden. „Ich will schlafen gehen," sagt müde das Kind. — Mann und Weib blicken sich an, schauen auf das Kind. .Keine Träne, keine Weichheit ist in dem Blick. Ein stiller Dank nur, daß sie alle noch sind. Größe liegt darin .Ihr Blut opfern die Juden, ihr Eigen. Selbstverständlich! Als Pflicht! Nicht Lohn wollen sie, nicht Dank. Nur eins wollen sie: keinen Schimpf dafür, nein, keinen Schimpf! In der kleinen galizischen Stadt ist seit ein paar Tagen das Quartier. Die Stadt sieht jämmerlich aus. An einem niedrigen Häuschen hängt .unversehrt ein Schild: „Jakob Friedfertig" steht darauf. Ein paar Stufen hinan steht im Türrahmen' ein Jude. „Wie geht es Euch?" frage ich ihn. „Habt Ihr viel gelitten zur Russenzeit?" Er nickt schweigend und weist auf sein Haus. Die Rollbalken sind aus den Fugen gezerrt, die Fenster, die Türen zerbrochen. Die Oefen sind abgetragen, die Wände zerkratzt, der Boden aufgerisscn, kein einziges Stück, kein einziger R e st eines Möbelstückes darin. Zerhackt, zerstampft, zerwühlt ist alles. Als hätte man sich nicht begnügt, den Feind zu töten: sondern ihm noch die Zunge abgeschnitten, die Augen. ausgestochen, die Eingeweide bestialisch zerrissen.. In der Gasse zur Post spreche ich eine Weile mit einem Juden, der sich schwer auf einem Stocke stützt. Er erzählt: ,>Erst kamen sie, kauften — und versprachen die Zahlung. Dann nahmen sie, raubten, plünderten mein Geschäft. — Dom Geschäft drangen sie in meine Wohnung; mir blieb nichts mehr als mein Bett mit den Kissen. Die holten sie sich eines Nachts. Nächste Nacht kamen sie wieder, verlangten nach Kissen. Ich hatte kein einziges mehr." — Da packten sie ihn und schleuderten ihn durchs Fenster auf die Straße. * * * Am Straßenrand hat ein Jude aus zwei Steine einen Holzladen gelegt. Ein paar lichte Brote, einige Pakete Tabak, eine Schachtel mit Zigarettenpapier sind darauf. Ich nehme drei Stücke und zahle sie. Staunend sieht er mich an, sieht auf das Geld. Und will mir davon zurückgeben. — Seim Vater kommt heraus, ein alter Mann, mit weißem Bart und Zügen, die weh und sinnend sind. „Wie ist's Euch ergangen?" frage ich ihn. „. . Sie haben mich geschlagen, Herr! Geschlagen!" Leise murmelt er es, als wollte er mir's ins Ohr sagen. „Warum?" frage ich ihn. Da schaut er mich ganz groß an: „Weil ich ein Jude bin." Ich haste.davon und will nichts mehr hören. Lange stehe ich am Ufer des Flusses und blicke den Wellen nach, die kühlen und mildern. Irgendwo gluckst das Wasser um die Weiden, „Weil ich ein Jude bin," höre ich's rauschen. * -i- *

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