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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-29 · Heft 44 (29.10.1915) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 44 (29.10.1915)
Date
1915-10-29
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
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526 des Rechts alles Diplomatisieren zuwider war, auch vor Hochgestellten nicht stark genug, um seine ganze Verachtung ungerechten Verhaltens zum Ausdruck zu bringen. „Es war," wie Professor Tvbler schreibt, „immer eine rüne, gesunde Freude, mit diesem innerlich so untadeligen Manne umzugehen. Ich kann sehr gut verstehen, daß er in seiner Hartnäckigkeit für das Gerade und Offene, das Ehrenhafte und Anständige andere vor den Kopf stoßen konnte. Er tat es nie, um zu kränken, and ich meine, wer seine Art erst erkannte (und die Sauberkeit seines vandclns konnte jeder sehen), ohne bösen Willen mußte der wissen, daß keine Ueberzeugung ehrlicher und freier von- Kränkung je vor gebracht wurde." Ein starker Wille ließ Schwierigkeiten überwinden. ' Mit guten Gaben von Natur beschenkt, mußte er ehrlich erarbeiten, ivas sein werden sollte. Der überguellende Reichtum' seines Gefühlslebens bedurfte scharfer Zügelung, um zur Klarheit-zu kommen. Sein steter Fleiß, sein unbeirrbares Streben mach Vervollkommnung auf sittlichem und wissenschaftlichem Gebiete war tief und sicher verankert in seinem Pflichtgefühl." Und endlich mag hier das schöne Gedicht Platz finden, mit dem Jakob Löwenberg den gefallenen Helden ehrte: . Es schläft der See im Abenddämmerlicht ' Und heimlich singt im Schilf ein Schlummerlied., Wie Träume ziehn die Fischlein durch die Flut. Eins schnellt empor; da gluckst es leise auf,' Und Well' auf Welle zittert zarte -Kreise. Am Horizont lügt eine Wctternacht; . Doch drüben schweben leichte rote Wölkchen, Die Boten einer fernern, schönem Welt. Und Erd' und Himmel hauchen: Friede! Friede! Da zuckt es hell, ein Blitz, ein fernes. Grollen — Und jäh versunken ist der Friedenstraum. Und aus dem Dämmernebel kommt geritten In Feldgrau, jugendleicht, das Antlitz bleich. Die Stirne schwer wie von Erinnerungen, Ter Mund entschlossen, herb, doch hell hie, Augen, Und beide Kreuze ans der Brust. „Kennst du mich, Träumer?" — „Freund, ob ich dich kenne? War nicht dein letzter Gruß: „Mir singt die Schlacht; Ich sterbe freudig für mein Vaterland!"? War nicht dein letztes Wort: „Sprung auf—marsch, marsch!"? Und Weh und Wut durchbebte deine' Leute, . - . Ach, daß du nicht als Sieger heimgekehrt!" Ta blickt er lächelnd, vorwurfsvoll mich an: „Siegt' ich denn nicht? Bin ich denn'nicht daheim? Beklagt mich, Freunde, nicht, beneidet mich!" — Und in den Dämmer taucht er still zurück. hüllen. (Skizzen von meiner Fahrt auf den nördlichen Kriegsschauplatz.) Von Eduard K a u f m ann. Wien, m ll Uhr nachts gehe ich über den breiten Platz dem Bahnhof zu. — Tagsüber fiel müde und lästig ein dünner Regen nieder. Ganz feucht und aufgeweicht ist der Boden. Tausend Menschen stapften mit ihren schweren, plumpen Stiefeln darüber. In dem zähen Brei klatschen die Schritte jetzt wieder. Weitläufig, ungeschlacht lungert der Bahnhof da. Er ist aus braunem Holz, roh und verwahrlost. — Schwaden dicker. stickiger Luft schlagen mir entgegen, da ich eintrete. Armut, Elend, Schmutz atmet daraus, unsäglicher Jammer dazu. Ich stolpere über den Bauer, der auf seinem Bündel schläft, gehe an Gruppen schlafender Menschen vorbei. Einen Augenblick schrickt der Bahnwächter auf, starrt mich groß an — uird nickt schwer ein.' In allen Warteräümen liegen Soldaten. Neben der eisernen Wage kreist im Halbbogen das breite Eepäckspult. Große Sprünge ziehen sich durch das Holz, aber mächtige Schienen aus Schmiedeeisen halten es grob zusammen. Hochauf wölben sich Kisten, Koffer, Ballen und Säcke. Mitten drin in schmalem Zwischenraum duckt sich ein polnischer Jude. Der einzige, der hier wach ist. „Woher seid Ihr?" frage ich ihn. - „AuS Delätyn." Er legt den Ton auf das A. ■ „Wie lange seid Ihr fort von daheim?" Langsam hebt er die Augen, der Blick gleitet in die Ferne, als sinne er Mühseligem nach. „Wie lange?" unterbrach ich ihn. — „Fünf Monate," sagt er leise, langsam, tonlos. „Und von wo kommt Ihr jetzt?" „Zuerst war ich in Körösmezö, dan in Sziged, dann in Tebreczin, jetzt bin ich wieder hierher . . ." „Und wohin fahrt Ihr jetzt?"• „In „die Gemeinde" nach Mähren schickt man mich .morgen. — Polnischer Jude, wie die Ballen um dich, wie die Kisten ringsum dünkst du 'mir plötzlich. Man wirft dich umher, bald hierhin, bald dorthin. Stark mußt du sein, polnischer Jude, wenn'all das über dich geht — und du doch ganz bleibst! ‘ * * ' ' * Beim Stationskommandanten. — Zehn Leute stehen in dem kleinen, überhitzten Raum. Die Reihe ist an mir. -„Herr Kommandant?" sage ich fragend. Er ist fünfzig. Krause und verdrossen wildert der Bart um sein Gesicht. „ „Herr Kommandant, wann geht der erste Zug nach Marmaros-Sziged?" frage ich nochmals. Einen Augenblick steht seine Feder still, er blickt aus. Ermattet, erschöpft sind die Züge.' 18 Stunden ist er im Dienste, sechs schläft er. „Der erste Zug? ^-Nach Marmaros-Sziged? — Morgen nachmittag, vielleicht. . ." ' Seine Stimme klingt heiser. Er will freundlich sein, aber .er hat nicht die Kraft — zu einem Lächeln. „Nach Marmaros-Sziged?" sagt hinter mir eine Stimme. „Herr, die Rüssen sind dort." „Seit gestern nicht mehr," sage ich dem Juden, der mich anspricht. „Nicht mehr . . wiederholt er dem schmalen Jungen an seiner Seite. „Wir fahren heim, Jainkl." Blaß ist der, das Gesicht edel, die Haut so sein, daß die Adern durchschimmern. Einem Herrscher könnte das Antlitz zu eigen sein. Ich kenne den Alten nicht, nicht den Jungen. Fremde sind cs; nie wieder werd' ich sie sehen. Kein Wort Dank sagen sie mir. Die Hand reicht mir der Alte, der Junge. Wie ein Streicheln empfinde ich es; als huschen unversehens ein paar warme Strahlen durch mein Herz. * * * Bei einem kleinen Dorfe hält der Zug. — Müde und trüb ist der Tag, alles wie krank. Still hängt die verwaschene Fahne, wellige Striemen Bluts laufen von dem Kreuze darin auf dem weißen Fond. Große Kränze weißen Kalkes hat man über den Bahndamm und an die Wände des Stationsgebäudes gespritzt. Auch das ist Kampf, ist Abwehr. — Huzulen in ihren zottigen Pelzen hocken herum. In der hölzernen Schranken stehen Frauen jeden Alters mit schluchzen. Buntbewimpelt, jauchzend steigen die Burschen in

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