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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-29 · Heft 44 (29.10.1915) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 44 (29.10.1915)
Date
1915-10-29
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
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525 Was diese Gesetze von 1850 und 1869 veranlaßte — denn das Gesetz vom 23. Juli 1847 über die Verhältnisse der Juden kann hier außer Betracht bleiben, weil es nur die inneren Verhältnisse der Juden regelte und ihnen nur die privatrechtliche Gleichstellung brachte —, waren die Forderungen des Tages, die, aufbauend auf den alten Grundgedanken der Gleichheit aller Menschen, auch die Juden nicht übergehen konnten; sie bildeten nur Fortsetzung und Abschluß des durch Jahrzehnte unterbrochenen Werkes von 1812. In drei Perioden, die für den brandenburgisch-preußischen Ztaat entscheidend waren, haben wir die rechtliche Behandlung seiner Juden nach den Motiven und Zwecken der Herrscher und ihrer Berater verfolgt; in allen drei Perioden haben wir das staatswohl als den in erster Reihe entscheidenden Grundsatz für die Stellungnahme den Juden gegenüber erkannt: wahrlich, wenn der Reichskanzler als Wirkung des gegenwärtigen Weltkrieges und als Merkzeichen künftiger deutscher Politik den Satz aussprach: „Wir haben die Sentimentalität verlernt" - wir Juden können sagen: uns Juden gegenüber ist die bisherige Sentimentalität niemals zur Anwendung gekommen . . . Mir erkannten aber auch, daß nicht nur die Nöte der Zeit, nicht nur das Walten des Zeitalters, nicht nur die Bedürfnisse des Staates für die Gesetzgebung den Juden gegenüber maßgebend waren, sondern daß in höchstem Maße entscheidend und in letztem Grade bestimmend der Wille der Hohenzollernfürsten eingriff, deren Jubiläum auch wir heute mit dankerfülltem Herzen feiern. Von ihrem (Gerechtigkeitsgefühl, das sich in ühweren und guten Tagen bewährt hat und sie fest gegen alle „Schmach des Jahrhunderts" den Gedanken des Rechts und der Menschlichkeit vertreten ließ, erwarten und erhoffen wir, daß in der großen Weltenwende unserer Tage sie bei der Neuorientierung aller Verhältnisse den Juden die gebührende und verdiente Stellung einräumen werden. Von ihrem politischen Weitblick aber, der ihnen und ihrem Reich den Weg zur Höhe gebahnt hat, wissen wir, daß er die Kräfte der Juden nutzbar machen und daß auch an diese große Zeit sich für uns Juden eine neue Epoche anschließen wird. Leutnant Lenders ^2^ottfried Sender wurde am 18. März 1882 in Tholey, Kreis V/ Ottweiler, als Sohn eines Lehrers geboren. Er besuchte die Volksschule seiner Vaterstadt, dann die Präparandie und das Seminar in Münster, bestand 1902 die erste Lehrerprüfung, -vurde Hilfslehrer an der Anstalt, in der er seine Ausbildung erhalten, und amtierte von 1902 bis 1904 als Lehrer in Werl. Im Jahre 1904 legte er die zweite Lehrerprüfung ab, genügte ') Leutnant Sender, Blätter der Erinnerung für seine Freunde, kv's seinen Feldpostbriefen zusammengestellt von Dr. M. Spanier. Hamburg 1915, Verlag von M. Glogau jun. Leutnant Gottfried Sender. vom 1. Oktober 1904 bis 30. September 1995 seiner Militär- Pflicht und wurde Lehrer in Münster. In den folgenden Jahren bestand er die Mittelschullehrer-, Rektorats- und die Turnlehrerprüfung, gab aber seine Stellung auf, um sich für die Maturitätsprüfung vorzubereiten. Er bestand solche im Jahre 1912. Schon vorher (Ostern des genannten Jahres) hatte er eine Stellung an der Lehrerbildungsanstalt in Berlin angenommen, bereitete sich aber, während er dieses Amt bekleidete, in gründlicher Weise in der Naturwissenschaft vor und wurde von seinem Lehrer Fr. Tobler außerordentlich geschätzt. Anfang August 1914 trat er als Gefreiter in das deutsche Heer ein, brachte es durch unvergleichlich tapfere Taten zum Leutnant, erhielt das Eiserne Kreuz zweiter und erster Klasse. Er kämpfte zuerst in Belgien, dann in Frankreich, seit Anfang Dezember in Rußland und wurde am 13. Juni 1915 durch einen Kopfschuß getötet, nachdem er bis zuletzt „ein leuchtendes Beispiel seiner Unerschrockenheit" gegeben hatte. Zur Eharakteristik des vortrefflichen Mannes sei aus dem Nachruf des Herrn Direktor Guttmann folgende Stelle wiedergegeben: „Mit ihm ist ein edler Mensch, ein kenntnisreicher, tüchtiger Lehrer, ein treuer Diener feines Vaterlandes dahingegangen. Seine Kollegen und Freunde trauern um den liebenswerten Menschen, liebenswert wegen der seltenen Geradheit seines Wesens und Aufrichtigkeit seiner Gesinnung, wegen seiner vorbildlichen Treue und Anhänglichkeit . . . Wie es ihm selbst ein Bedürfnis war, aus eigener Kraft in die Geheimnisse der Natur einzudringen, so leitete er auch seine Schüler zu selbständiger Beobachtung an. In jeder Woche machte er mit ihnen wohlvorbereitete Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung Berlins, die in erster Linie wissenschaftlichen Zwecken dienten." Zur Charakteristik des Menschen inögen folgende Ausführungen des Herausgebers des Büchleins dienen, dem die vorstehenden Notizen gleichfalls entnommen sind: „Sanfte Bescheidenheit und stille Zurückhaltung waren in Senders Herzen tief begründet. Aus seiner Zurückhaltung trat es nur heraus, wenn es galt, zu helfen oder ein beleidigtes Recht zu versöhnen. Er kannte sich und seine Ruhe nicht, wenn er irgendeinem Menschen in seiner Not oder in seinen Mühen beistehen konnte. Bevor er zu seinem hohen Heldentum emporwuchs, hatte er ein schlichtes Heldentum bewährt. Aus den Fluten des Rheins rettete er mit eigener Lebensgefahr einen elfjährigen Knaben. . . Wie dieser Treueste der Treuen seinen Verwandten und Freunden beistand, wo er nur konnte, wie er ihnen auf jegliche Art Freude zu machen suchte, das braucht hier nicht einmal angedeutet zu werden. Er hatte einen leidenschaftlichen Hang zur Gerechtigkeit, seinem geraden Wesen waren krumme Wege und Winkelzüge verhaßt. Der sonst so Sanfte konnte bis zur Brutalität hart sein, wenn es galt, eine Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Das derbste Wort schien dem bescheidenen Manne, dem in Sachen

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