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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-29 · Heft 44 (29.10.1915) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 44 (29.10.1915)
Date
1915-10-29
Page
Seite 521 (sequence 5)
Language
German
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521 schlossen und die akademische Laufbahn, für die Begabung und Neigung übereinstimmten, zum mindestens erschwert war, betrat Jo6l diejenige Laufbahn, auf der er zur Anhöhe höchsten Erfolges Hinansteigen sollte; er widmete sich ganz der jüdischen Theologie und wurde nach der im Jahre 1854 ersolgten Eröffnung des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau von dem hochverdienten Leiter desselben, Zacharias Frankel, als Lehrer, insbesondere für Sprachen und Literatur sowie Philosophie und Homiletik, berufen. Frankel war es auch, der in Joöl den großen Prediger entdeckte und einführte. Die von ihm an der Seminarsynagoge gehaltenen Predigten fanden auch außerhalb des engeren Kreises solche Beachtung und Anerkennung, daß er gegen Ende des Jahres 1863 als Geigers Nachfolger einstimmig zum Rabbiner der Großgemeinde Breslau gewählt wurde. Breslau und Ioöl, die beiden.Namen zusammen vergegenwärtigen ein ruhmvolles Kapitel neuzeitlicher Geschichte der Juden in Deutschland. M. Joöl war ein Mann von hervorragender und mannigfachster Begabung. Wer den Eindruck seiner Persönlichkeit als Ganzes in sich ausgenommen, der wußte nicht, was man an ihm mehr bewundern sollte: den Denker, den Gelehrten, den Redner oder den Menschen. Und wer auch nur einige Stunden seiner anregenden Unterhaltung genossen, ging reich belehrt von ihm mit der Empfindung des Psalmwortes: „Anmut ist ausgegossen über deine Lippen." Von seiner Erscheinung ging ja ein Charme aus, der jeden fesselte und veredelte, der in seinen Kreis eingetreten, und mit dem Kopse eines Philosophen vereinigte sich in ihm das Herz eines Kindes, das mit erwärmendem Glanze gern sich mitteilte, wie im Kreise seiner Familie also auch im Verkehr mit seinen Berufsgenossen und Gemeindemitgliedern. Mit einem Worte: er war ein Charakter und ein Edelmensch. Vor dem Weltkriege , gab es bei uns zu Hause Parteikriege, in welchen von Vorwärtsstürmern und Rückwärtsdrängern die Sturmfahne entrollt und jedermann gefragt wurde: Gehörst zu uns oder zu unseren Gegnern? Die Religion an sich steht über allen Standpunkten, sollte es nicht auch da heißen: „Ich kenne keine Parteien mehr"? Bei Joel war das tatsächlich der Fall. Dr. R o s e n t h a l - Breslau äußerte in seinem warmen und gerechten Nachruf, den er seinem Amtsgenossen widmete: „Er war im Grunde seines Herzens frommer, religiöser und auch konservativer, als die Extremen von rechts und links fürchteten oder erwarteten." Nach meiner Ansicht war Joöl weder konservativ noch liberal im parteipolitischen Sinne dieser jetzt hoffentlich veralteten Worte: er war er selbst, der Typus und das Vorbild eines Rabbiners, der bei seiner Lehre und bei seinem Wirken von der Ueberzeugung ausging, daß neuzeitliche Forderungen nach Umgestaltung der Formen sich von selbst durchsetzen müssen, wenn sie aus dem ehrlichen Bedürfnis Rabbiner gestorben am 2 nach religiöser Betätigung hervorgegangen, daß aber Reformen, so berechtigt sie vom Standpunkte der Theorie sein mögen, vor allem vom Standpunkt der Praxis erwogen sein wollen und von beiden Standpunkten nur dann als berechtigt anzuerkennen sind, wenn sie aus dem Boden geschichtlicher Enttvickelung gewachsen sind. Und ich wage zu behaupten: wäre Joöl am Leben gewesen, so wäre der Richtlinienkrieg nicht ausgebrochen. Glauben und Wissen und ihr Perhältnis zueinander, das größte Problem der Geistesgeschichte, bildet auch in der jüdischen Religionsphilosophie seit Saadja einen wiederkehrenden Gegenstand der Behandlung. Joöl äußerte sich einmal darüber ungefähr also: Glauben und Wissen sind nicht wie zwei Wagschalen, von denen immer nur die eine steigen kann, während die andere sinken muß, sondern es sind zwei Lichter aus derselben Quelle, von denen das eine durch den Verstand aufklärt und gleichzeitig das andere im Herzen erwärmt. — In ihm selbst war beides gleichzeitig und gleichmäßig: Licht des Wissens und Wärme des Glaubens?) In dieser Beziehung ist er ja eine geradezu singuläre Erscheinung gewesen, der erste und vielleicht einzige in der Neuzeit, der den Mut und die Fähigkeit hatte, die höchsten und letzten Fragen, die den Denker beschäftigen, auch auf der Kanzel in gemeinverständlicher Form zu behandeln, ohne doch die Religion in Abstraktionen zu verwandeln. Im Gegenteil: seine Predigten wirken auch beim Lesen wie ein lebendig sprudelnder Quell. Während sonst Predigten besser gehört als gelesen und gewöhnlich nur einmal gelesen werden können, gewinnen Ioöls Predigten beim Lesen und wollen mehrmals gelesen werden, und während sonst Predigten nur einen aktuellen Wert zu haben pflegen, haben diese einen bleibenden Wert, jede ein Kunstwerk, das doch den Eindruck eines Naturwerks macht. Vorzüge und Eigenschaften, die sonst sich getrennt finden, bei ihm sind sie vereinigt: Höhe der Gedanken, Tiefe der Empfindungen, Schönheit und Originalität des Ausdrucks, eine Fülle von anschaulichen Bildern, ein Strom der Beredsamkeit, Kenntnis der Menschenseele und das Schöpfen aus der Fülle der Wissenschaften. Dabei ist das Jüdische seiner Predigten besonders zu betonen, nicht bloß weil sie aus den Quellen der Bibel! und des Midrasch abgeleitet werden, sondern weil sie fern von; subjektiver Beliebigkeit nichts anderes als das sinaitische Juden- : tum im Lichte eines glänzenden Geistes strahlen lassen?) Joöl hat zeit seines Lebens das Bedauern nicht verwinden! können, daß er entgegen seiner Neigung die akademische Laufbahn, die er im Auge hatte, verlassen und ein Amt angenommen,; das bei voller Inanspruchnahme von Zeit und Kraft eines h Vergleiche insbesondere seine religiös-philosophischen Jeitsragen. : Breslau 1876. 3) Eine aussührliche und treffliche Charakteristik Joöls als Prediger! hat B. Ziemlich im Vorworte zum 1. Bande der von uns aus dem , Nachlaß herausgegebenen Predigten geliefert. Dr. M. Iokl . November z8Zo.

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