Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1915)
- Date
- 1915-10-29
- Page
- Seite 520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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520 sie bei Gelegenheit auch die Polen nicht verschonten. Die Lage ist bei uns zu Hause sehr schlimm. Ueber die Meinen habe ich seit drei Monaten kerne Nachricht. Ueber mich erfahren sie auch sobald nichts. F-enja, wenn Du die Möglichkeit hast, so sende mir ein Postpaket mit Eßwaren, hauptsächlich Zwieback und Geld, da ich von Hause schwerlich etwas erhalte, weil mau in Rußland Pakete mit Eßlvaren für uns nicht annimmt. Einstweilen wünsche ich Dir alles Gute. Ich bin noch immer Krankenpfleger im Lazarett bei russischen Verwundeten. Gruß an Moises und die Kinder. Schreibe möglichst öfters." Sodann ist darauf hinzuweisen, daß in neuester Zeit in Zeitungsartikeln und in Broschüren, auf die wir in der nächsten Uebersicht „Kriegsliteratur" eingehen, von der polnischjüdischen Frage vielfach gehandelt wird. Die Zionisten in ihrem Eifer und Uebereiser nehmen sich der Sache gewaltig an und sprechen geradezu von einem j ü d i f ch e n Staa t e. Sie wissen diese ihre Ansichten selbst in unsere größten Zeitungen hineinzulancieren. Um so freudiger ist zu begrüßen, daß - eine führende Zeitung, die „Frankfurter Zeitung", sich aufs energischste gegen diese Bestrebungen wendet. Sie bespricht die polnisch-jüdische Frage in einem großen Artikel vom 16. Oktober. Der Schluß dieser Ausführungen lautet folgendermaßen: Die Schilderung der Verhältnisse, wie sie sich in Polen in den letzten 25 Jahren entwickelt haben, dürfte zur Erklärung des bodenlosen^ Hasses gegen die Juden vollkommen ausreichen, denn eine Differenzierung in polnische und russische Inden läßt sich praktisch nicht durchführen. Man finde doch zunächst selbst ein politisch ganz freies Land, das sich die Invasion eines feindlich gesinnten Elementes ohne Gegen-' wehr gefallen lassen wird. Erst dann wird man den Polen aus ihrem erschreckenden Antisemitismus einen Strick drehen dürfen. Die Art, wie sich die gesamte polnische Bevölkerung zur Wehr setzte, war zweifelt los unklug, unpolitisch und aufs schärfste zu verdammen, aber wenn es um die Existenz gilt, kämpft jeder mit den Waffen, die ihm zur Verfügung stehen. Für eine D e u t s ch f r e u n d l i ch k e i t der I n d e rf ist überhaupt keine Vorbedingung da. Die Aermsten sind frch, die Russen losgeworden zu fein. Das ist aber auch 'alles. Die deutsche- .Herrschaft erscheint dem polnischen Juden durchaus nicht als das erstrebenswerteste Ideal. Von den beiden Nebeln, der russischen und derdeutschen Herrschaft, gilt ihm nur die letztere als das kleinere. Die jüdische „Intelligenz" ist in ihrer überwiegenden Majorität durchaus polnisch unb steht uns gegenüber gerade ebenso wie jeder Pole. Selbst wenn ausnahmsweise irgendwo deutsche, tieferliegende Sympathien vorhanden wären, müßte sich der Jude schwer hüten, sie zu äußern, denn wie grausam die Rache der Moskowiter ist, weiß er nur zu genau, und bisher wenigstens hat er keine Gewißheit, dem russischen Joche für immer entgangen zu sein. Damit soll nicht etwa behauptet werden, die polnischen Juden ließen sich nicht zu einem deutschfreundlichen, ja selbst deutfchgesinnten Element gestalten, nur müßten sie dazu erst allmählich herangebildet werden. Ob der Einfluß der deutschen obligatorischen Schule allein dazu ausreicheu würde, ist sehr fraglich, denn so leicht der vereinzelte Jude im fremdere Volkstum -ausgeht, so schwer assimiliert er sich da, wo -er, in kompakten Massen wohnend, zum Festhalten am Buchstaben feiner Tradition durch feine Glaubensgenossen gehalten wird. Von der Eigenschaft der polnischen Juden, Träger der deutschen Kultur zu sein, habe ich, obwohl ich in diesen Kreisen viele Jahre lebte, nicht das geringste zu merken vermocht. Sie sprechen einen Jargon, der mit deutschen oder mit deutsch gewesenen Worten stark untermischt ist. Damit ist aber sowohl äußerlich wie innerlich alles erschöpft, was an das Deutschtum erinnert. Wenn aber Herr Goldmann sich gar dazu versteigt zu behaupten: „Die polnischen Juden sind durch ihre jüdischdeutsche Sprache und Literatur der deutschen Kultur schon ohnedies innig verbunden", so ist darüber eine Diskussion so lange unmöglich, bis zuvor eine Verständigung über die Begriffe „Sprache", Literatur" und vor allem „Kultur" erzielt wird. Zweifellos bilden die Juden in Polen im gewissen Sinne einen Staat im Staate. Das Verkehrteste aber, was man tun könnte, wäre, ihnen eine nationale Gleichberechtigung zu geben und damit den 'bestehenden Zustand zu sanktionieren und in Permanenz zu erklären. Wem wäre wohl damit gedient? Den Polen sicher nicht. Den -armen, zionistisch gesinnten Juden kaum, denn sie erhielten ein Danaergeschenk. Die in Polen zu einer „Nation" erhobenen /Juden würden füralle Ewigkeit zu Parias, zu Eindringlingen gestempelt'. Und nie.könnttn sie aus den ihnen gezogenen, trotz aller Gleichberechtigung engen Schranken heraus. Es scheint mir schon ein unlösbares Rätsel, einen modernen Menschen auf der Grundlage des seit Jahrtausenden erstarrten Nationaljudentums heranzubilden. Und soll das tote Hebräisch öder der „moderne" Jargon Natiönalsprache werden? Praktisch-würde die Sache darauf hinauslaufen, daß man den Juden entwÄer eine deutsche oder eine polnische Erziehung gäbe, ihnen aber zugleich das deutsche oder polnische Vaterland verschlösse. Die Frage aber, wie sich die jüdische Intelligenz verhalten würde, beantwortet sich von selbst. Nur einer hätte durch Einführung einer jüdischen „Nation" in Polen den Vorteil — Rußland. Von der Erbitterung der unausbleMichen Kämpfe scheinen sich die Verfechter solcher Ideen gar keine Vorstellung -zu machen. So lange es in Polen auch nur einen Nationalpolen gibt, . kann von einer Duldung einer anerkannten jüdischen Nation gar keine Rede sein. ~ Was den polnischen Juden not tut, ist eine volle konfessionelle Gleichberechtigung, denn nur eine solche kann zu einem allmählichen friedlichen Ausgleich führen. Für Deutschland aber ist diese scheinbar so fernliegende Frage deshalb von Bedeutung, weil es in allererster Linie daran interessiert ist. im Zukünftigen Polen ohne Rücksicht darauf, wie sich seine politischen Schicksale entwickeln mögen, diejenigen Bedingungen zu schaffen, die dort Ruhe ermöglichen und sichern. Jedes in Polen zur Unzufriedenheit verdammte Element bedeutet eine wesentliche Erhöhung der russischen Gefahr, die auch nach dem Kriege durchaus nicht zu unterschätzeu sein wird. Sur Lrinnerung an Sabbimr Dr. M.Ioel. Von A. Eckstein. m 3. November (20. Marcheschwan) sind 25 Jahre verflossen seit dem Tage, an dem der Meister, dem dieses Erinnerungsblatt gewidmet ist, seine mildleuchtenden Augen für immer und ewig geschlossen hat. Die einst seine Schüler und Freunde gewesen, sofern sie noch zu den Lebenden gehören, sind noch heute von einer Verehrung seiner Person erfüllt, die an Schwärmerei grenzt. Seitdem ist ein jüngeres Geschlecht von Theologen herangereift, die durch ihre Leistungen in Wissenschaft und Praxis bewiesen haben, daß Israel niemals verwaist ist an tüchtigen Männern und Vorkämpfern seiner Ideale; die Lücke aber, die Manuel I o 8 l hinterlassen, ist noch heute nicht ausgefüllt, und daß ein Führer fehlt, der mit dem Stabe allseits anerkannter Autorität den wogenden Parteileidenschaften zu gebieten vermöchte, das haben die Kämpfe im Judentum gezeigt, denen nur der Ruf der Kriegsdrommete einen auch im Gemeindeleben notwendigen Burgfrieden geboten hat. M. I o «l wurde am 19. Oktober 1826 als jüngster Sohn des Rabbiners Hermann Jotzl in Birnbaum geboren und trat erst nach Vollendung seines 18. Lebensjahres in die Sekunda des Gymnasiums zu Posen ein?) An der Universität zu B e r l i n widmete er sich dem Studium der klassischen Philologie und Philosophie, während er zugleich im anregenden Verkehr mit Männern wie MichaA'S a ch-s und Leopold Z u n z privatim an feiner theologischen Weiterbildung arbeitete. Daselbst bestand er auch im Jahre 1852 die Prüfung als Oberlehrer mit dem Ergebnis der unbedingten kaeultas docendi, und bald darauf erwarb er den Doktortitel in H alle. Da das Lehramt an Mittelschulen den Juden damaliger Zeit ganz ver- ') Ein Bild seines Lebens und Wirkens wurde von seinem älteste! Sohne, Justizrat Carl Jo8l in Breslau, mit pietätvoller Hand in den von der dortigen Lessing-Loge 1890 herausgegebenen „Blättern zu Erinnerung an M. Jo8l" gezeichnet. Zur Geschichte seines Stamm baunies füge ich auf Grund meiner Aufzeichnungen hinzu: Chain Joöl war zuerst Dajan in Hohensalza (Lesla-Jnowrazlaw), dam Rabbiner in Birnbaum und Schwerin a. d. W. Dessen Vater Secharss Mendel war Rabbiner in Filehne (Wikehn) und später in Hohensalza Dessen Vater David Jewel war Rabbiner in Lissa.