Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1915)
- Date
- 1915-10-29
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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519 des Weltkrieges, für seine Verräterei gründlich gezüchtigt wird. Sodann aber darin, daß, wenn der Balkan für die Ententemächte endgültig verloren ist, der Weg nach Konstantinopel urtb sodann nach. Aegypten freisteht. Politiker, die eine ganz besonders seine Witterung für die Entwicklung großer Ereignisse zu besitzen vorgeben, meinen darin das Ende des Krieges zu sehen, wie denn überhaupt in den verschiedensten Kreisen sich die Meinung ansrechterhält, daß am Schluß dieses Jahres alles zu Ende sei — wir haben uns nie aus derlei Kombinationen eingelassen und geben die Gerüchte einfach wieder, ohne Folgerungen daraus zu ziehen. Denn es hat wirklich nicht den Anschein, als wenn ein Schluß des fürchterlichen Krieges nahe bevorstände. Die Italiener, die es allerdings endgültig abgelehnt haben, an dem Balkanunternehmen sich zu beteiligen, fahren fort, und zwar mit erneuter Heftigkeit, sich gegen Oesterreich zu i wenden. Vor wenigen Tagen hat ein neuer allgemeiner j furchtbarer Angriff gegen die österreichischen Stellungen an der Jsonzofront stattgefunden. Er ist, wie alle früheren, unter schwersten Verlusten für die Angreifer abgeschlagen worden. Daß der einsetzende Winter, der in dem rauhen Gebirgsgebiete alle Operationen furchtbar erschwert, in diesen Gebieten eine längere Pause Hervorrufen wird, ist wahrscheinlich; ob dagegen die Italiener nach ihren wiederholten Mißerfolgen wirklich geneigt sind, auf die Fortsetzung des Kampfes zu verzichten, ist höchst fraglich. . Auf den anderen Kriegsgebieten herrscht im Gegensatz gegen die früheren erbitterten, stets von neuem aufgenvmmenen Kämpfe verhältnismäßig Ruhe. Wenigstens im Westen hat man in den letzten Tagen von größeren Ereignissen nichts gehört. Im O st e n dagegen geht das Schlachten und Morden weiter. Ja, es werden sowohl in Ostgalizien als auf den russischen Kampfplätzen die furchtbarsten Anstrengungen gemacht, die sogar nach dem offenen Bekenntnisse der deutschen und österreichischen Heeresleitung an manchen Stellen zu Keinen Erfolgen der Russen geführt haben. Ob das nun wirklich die letzten Bemühungen der Russen sind? Man hat so oft in den letzten Monaten davon gesprochen, nun sei es mit Rußland endgültig zu Ende. Und doch hat sich immer wieder diese ungeheure Macht erhoben, und obgleich man von Munitionsmangel, vom Fehlen der Offiziere, von Disziplinlosigkeit und anderen Mängeln des Heeres geredet hat, immer wieder haben sich die Russen neu erhoben, Vorstöße gemacht und sich aus den gefahrdrohendsten Lagen befreit. Wann endlich wird uns das Ende dieses fürchterlichen Ringens beschieden sein? * lieber die inneren Verhältnisse Deutschlands zu sprechen, möchten wir an dieser Stelle vermeiden. Man kann freudig konstatieren, daß überall Siegeszuversicht herrscht, obgleich man sich der Schwere der inneren Lage bewußt ist. Die Teuerung der notwendigsten Lebensmittel nimmt in schreckenerregender Weise zu; die Anstrengungen der Staats- >md Stadtbehörden, die Preise zu regeln, haben noch keinen großen Erfolg aufzuweisen. Bisher ist ja glücklicherweise von einer wirklichen Not nicht die Rede, und wir mögen auch hier der Zukunft vertrauensvoll entgegensehen. # Von einem Freunde unserer Zeitung wird uns eine Nummer der „Deutschen Soldatenzeitung, Illustrierte Nachrichten für Deutschlands Söhne in Waffen, Vereinszeitung der Vaterlandsspende zur Errichtung deutscher Kriegsbeschädigtenheime", vom l. September 1915 zugeschickt. Darin findet sich ein Artikel „Ein politisches Zwiegespräch", das eine Unterhaltung zwischen einem gebildeten Russen und einem Schweden wiedergibt. In diesem Gespräch spricht der Russe, angeblich ein gebildeter russischer Kaufmann, in sehr erbitterter Weise gegen England und versteift sich zu dem Satze: „Englands Politik ist Juden- und Krämerpolitik! Wenn England die Macht hat, tritt es das Recht der ganzen Welt mit Füßen." Den letzteren Satz wollen wir gern unterschreiben. Aber daß ein Blatt, das für deutsche Soldaten bestimmt ist, derartige gegen die Juden gerichtete Stellen aufnimmt, und daß ein Verein, der gewiß jüdisches Geld zu seinen Zwecken gern annimmt, eine solche Verhöhnung der Juden duldet, ist höchst traurig. Mögen gar manche Juden eine gewisse Krämerpolitik treiben, d. h. versuchen, in etwas kleinlicher Weise Geld zu verdienen, so bleibt es ein Hohn und eine unverzeihliche Schmach, den Juden gleich den Engländern zur Last legen zu wollen, daß sie das Recht mit Füßen treten. Der Herausgeber der genannten Zeitschrift ist ein Generalleutnant z. D. Er möge dafür Sorge tragen, daß die Gleichberechtigung, die den deutschen Soldaten jüdischen Glaubens zukommt, nicht in so schnöder Weise verletzt werde. lieber Rußland ist nach wie vor Trauriges zu berichten. Die „Frankfurter Zeitung" meldet darüber: K o p e n h a g e n, 16. Oktober. Stach der „Rjetsch" erhielt die Moskauer jüdische Gemeinde Mitteilung aus Brianfk, daß, als ein Zug mit jüdischen Flächtlangen in der Station Schetschi n sk aj a ankam, die dort ansässigen Juden den Flüchtlingen Eßwaren bringen wollten, jedoch auf Weisung des Stationsvorstehers von den Stationsdienern und Schaffnern schroff weggejagt wurden. Die Schaffner warfen die Eßwaren auf den Boden und zertrampelten sie, obwohl der Zug voll schmachtender Flüchtlinge war, die vergeblich um Essen flehten. Eine Jüdin bat, hinausgelassen zu werden, um Essen zu kaufen. Sie erhielt zur Antwort, daß nach höherem Befehl die jüdischen Flüchtlinge nicht von ihren Glaubensgenossen gespeist werden dürfen; daß die Flüchtlinge Essen kaufen wollen, glaube man nicht. Viele Flüchtlinge erkrankten im Zuge schwer wegen Hungers. Die Kinde r st erb - l ichkeit ist groß. In Jwanowo-Wosnesensk werden antisemitische Aufrufe gedruckt und verbreitet. Das örtliche Antisemiteuorgan „Jwanowsky Listok" fordert offen zu Pogromen auf. Derselben Zeitung ist nachfolgendes zu entnehmen: Aus New Dort wird uns die Abschrift eines Briefes übersandt, den ein in deutsche Gefangenschaft geratener russischer Sanitätssoldat dorthin gerichtet hat. Der Brief lautet: „Ohrdruf, Lazarett, 8. September 1915. Ich benachrichtige Dich, daß ich mich lebend und gesund in Deutschland in Gefangenschaft befinde. Ich war durch einen Bajonettstich in den Arm verwundet. Augenblicklich bin ich gesund. In Gefangenschaft geriet ich am 23. Juli zwischen den Städten Makowesch und Pultusk, ungefähr 70 Werst von Warschau entfernt, und nun kann ich wohl sagen, daß für mich alles beendet ist. Ich nahm an den Kämpfen als Krankenpfleger bei der Kompagnie teil, ein volles Jahr hindurch bis auf wenige Tage. Alles das zu beschreiben, was ich erlebt habe und wessen ich Zeuge war, bin ich nicht imstande. Ich kann nur eins sagen: daß es schrecklich war. Ich mußte sowohl physische wie moralische Leiden ertragen, und jede Minute erwarten, in Stücke zerrissen oder zum Krüppel zu werden. Aber mehr als durch irgend etwas anderes litt ich als Jude durch das ungerechte Verhalten friedlichen polnischen Juden gegenüber, mit welchen unsere Soldaten ungestraft Spott trieben. Ich kam von Warschau nach Warta, und überall hörte ich arme Juden heulen. Schonung gab es für niemanden. Mädchen und auch beschützte Frauen wurden vergewaltigt. Wir rückten in Orte ein, aus denen Deutsche zurückgewichen waren. Ich hörte nicht -eine.Klage über die Deutschen. Sie verhielten sich zu unseren Bewohnern sehr gut, während unsere Kosaken sich bemühten, das zu zetgen, worin sie allein tüchtig waren. Ich kann Dir nicht alles berichten, was ich sah und hörte. Wenn auch Nikolai Nikolajewitsch dem amerikanischen Korrespondenten auf dessen Frage: „Ist es richtig, daß es in Polen zur Zeit unseres Heranrückens Pogrome (Plünderungen) gegeben hat?", antwortete, daß es nicht wahr sei, so . kann ich Dir doch bestätigen, daß Pogrome unter den Inden wirklich statffanden, obgleich