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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-29 · Heft 44 (29.10.1915) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 44 (29.10.1915)
Date
1915-10-29
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
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518 russischen Juden zusammenhängt, eine innerpolitische russische Angelegenheit wie vor dem Krieg. Wir haben dann die beste Gelegenheit, das Schicksal der unterdrückten Juden zu verbessern, ungenutzt vorübergehen lassen und die größte Schuld vor dem Richterstuhl der Geschichte und des Gewissens auf uns geladen. Wir haben dann kein Recht mehr, auf die Unkultur von Nichtjuden zu schimpfen, weil wir selber unseren unterdrückten Glaubensbrüdern nicht helfen wollten. Dieser Weltkongreß ist nämlich, wie bereits betont, vor allen Dingen eine soziale Beranstaltung, auch wenn er von politischen Vereinen vorbereitet wird. Wir deutschen Juden bleiben weiter deutsch und im deutschen Vaterlande, wenngleich wir den russischen Juden die Möglichkeit geben wollen, ein Land zu verlassen, das sie nicht beschützt und er-! nährt, sondern — um mit der Heiligen Schrift zu sprechen — „seine eigenen Bewohner verzehrt hat." Auch der Hinweis auf die Marokkokonferenz bricht haltlos in sich zusammen, wenn man an den Berliner Kongreß und an die Juden in Rumänien denkt. Ein zweiter Grund gegen die Veranstaltung eines jüdischen Weltkongresses ist die Antipathie gegen alle Unternehmungen, die dem Judentum eine internationale Struktur geben. Weshalb die Furcht davor? Haben wir nicht in der Bne-Brith- Loge die Ansätze zur sozialen und ethischen Verbrüderung der Juden in den verschiedensten Ländern? Haben wir nicht in der Aggudas den internationalen Zusammenschluß der Juden auf religiöser Basis? Erleichtern wir nicht nach dem Friedensschluß das Werk der Aussöhnung, wenn sich Bande welcher Art auch immer nach allen Ländern hinüber- und herüberziehen? Der Weltkongreß ist aber nicht nur für den A u g e n b lE g c b o t e n; er muß zu einet baueni denEinrichtung werden, denn nur so werden wir das Judentum retten. Aus ihm sollen die Juden aller Länder, aller politischen, aller religiösen Richtungen vertreten sein. Er muß ein Shnhedrion von 71 Rabbinern enthalten, das dem Judentum die religiöse Einheit wiedergeben soll. Dieses Shnhedrion, das aus Rabbinern der ganzen Welt und aller religiösen Richtungen zusammengesetzt sein wird, kann allein die Entwicklung des religiösen Lebens bringen, nach der wir alle uns sehnen. Es sind ungemein große Erleichterungen von einem solchen Shnhedrion zu erwarten, weil die russischen und Polnischen Rabbinen ein stark ausgeprägtes Bewußtsein ihres Machtspruches in allen religiösen Fragen besitzen und nicht mit der Aengstlichkeit an religiöse Entscheidungen herantreten, die man bei den Rabbinern der anderen Länder in zu heiliger Scheu vor der Ueberlieferung wahrnimmt. Ein solches Shnhedrion wird, wie in früheren Zeiten, Stellung auch zu manchen biblischen Geboten nehmen und — worauf es ankommt —- bei allen Juden Autorität haben. Ebenso soll es im Weltkongreß einen ständigen Ausschuß für Kolonisation geben. Männer, die ans diesem Gebiet gearbeitet haben und befähigt sind, sollen die Üebersiedlungen der russischen Juden nach den verschiedensten Kolonisationszentren leiten. Dieser Ausschuß soll die oberste Behörde in allen Kolonisationsfragen bleiben. Er wird für die n ä ch st e Z u k u n f t der wichtigste sein. Er wird dem größten Teil der Judcnheit das neue Leben geben. Auch einen sozialen und wissenschaftlichen Ausschuß wird man gründen: den sozialen, um internationale jüdische Wohltätigkeitsinstitute ins Leben zu rufen, den wissenschaftlichen, um jüdische Schulen und Hochschulen in den Kolonisationszentren zu gründen, um das gesamte jüdische Unterrichtswesen zu leiten, um die jüdische Wissenschaft wirklich auszubauen, daß sie endlich aufhört, nur ein Gegenstand philologischer Bearbeitung zu sein, um jüdische Kunst — so weit es eine solche gibt— zu fördern. So wird der Weltkongreß der Anfang und die Grundlage zu dauernder geistiger, religiöser und sozialer Verbrüderung aller Juden werden. Die Jammergestalten unserer unglücklichen östlichen Glaubensbrüder werden mit der Zeit aus Europa verschwinden, um unter einer besseren Sonne zu gesunden. Wir selber werden, das Kainszeichen geistiger und sozialer Unruhe, seelischen Hin- und Herschwankens verlieren wenn wir wissen, daß wir nicht hilflos und allein in der Wel dastehen, sondern eine Einrichtung haben, die nur den eine: Zweck verfolgt, rins Juden zu helfen und so das Judentum aus allen Stürmen der Zeit zu retten. Die Woche. Berlin, den 26. Oktober 1915. as Interesse der ganzen Welt ist jetzt auf den serbi s ch e n Kampfplatz gerichtet. Das unselige Volk das durch den von ihm begünstigten oder geradezu veranlaßter Fürstenmord den unmittelbaren Ausbruch zu dem ungeheure, Kriege gegeben hatte, das aber bisher in diesem Weltbrand, eine verhältnismäßig geringe Rolle gespielt, ja sogar in dei Kämpfen, die gegen das kleine Land mannigfach unternomme! wurden, eine Art Siegerrolle eingenommen hatte, geht mn seinem Verhängnis entgegen. Von verschiedenen Seiten, von Norden und Osten gehen nach einem gemeinsamen Kriegs plan die vereinigten deutschen und österreichischen sowie di bulgarischen Truppen vor. Trotz sehr tapferen Widerstandesind die Serben mehrfach geschlagen worden: reiche Beut wurde ihnen genommen. Wichtiger jedoch als diese einzelne! Niederlagen ist die Tatsache, daß die serbischen Armeen au ihrer Vereinigung gerissen, in verschiedene Teile gespülte sind, und daß ihnen trotz ihrer verzweifelten Hilferufe ein wirkliche Unterstützung, die sie zu retten vermöchte, nicht gwährt werden kann. Denn die Russen, auf die Serbien zumei gerechnet hatte, sind im eigenen Lande so sehr beschäftigt, da sie keine Truppen zu senden vermögen. Sie begnügen sich m Trostworten und Entrüstungsrnsen gegen die undankbare Bulgaren. Die Truppen der Ententemächte, die allerdine zahlreich in Saloniki gelandet sind und von dort aus, wen man ihren Berichten trauen darf, zum Teil den Vormarse gegen Serbien angetreten haben, sind, wie verlautet, von de. Bahnlinie abgeschnitten, weil sich diese zum Teil schon in de Händen der Bulgaren befindet. So dürfte, wenn nicht al Zeichen trügen, das Schicksal der Serben in den nächste Wochen besiegelt sein, wenn nicht etwa Griechenlan und Rumänien Plötzlich eine andere Haltung einnehme als die, die bisher von ihnen eingenommen worden ist. Id mänien hat bis jetzt den Forderungen Rußlands, freien Dure zng durch das Land zu erhalten, Widerstand geleistet; Grieche land hat, wie früher dargelegt worden ist, sein ehedem in Serbien geschlossenes Bündnis so aufgefaßt, daß es nicht ve pflichtet sei, diesem Staate Hilfe zu senden, und auch die neueste Versprechungen Englands, ihm einen Teil des früher Serbi . zugesprochenen Gebietes zu gewähren und die Insel Zype' sofort abzutreten, ist, wie man hört, von Griechenland zurw gewiesen worden. Daß nach der Niederwerfung Serbiens od > vielleicht schon vorher neue Kämpfe zwischen den vereinigt > deutsch-österreichischen und bulgarischen Truppen einersei - und den Heermafsen der Ententemächte bevorstehen, ist wal scheinlich. Aber man braucht ihnen vielleicht keine besonde ( Bedeutung einzuräumen, da einerseits die Scharen der We l Mächte nicht sehr groß sind, und anderseits zwischen ihn i keine volle Einigkeit zu herrschen scheint. Die Bedeutung dieser in Serbien sich vollziehenden Kriegs ereignisse liegt nun zunächst darin, daß das Land, die Ursa '

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