Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1915)
- Date
- 1915-10-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 29. Oktober 1915 79. Jahrgang Nr. 44 Allgemeine eitung des Judentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-pre^s: durchden Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 32%. Vegriindet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Zerusaleiner Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Strahe Hb-qg, zu richten. Verlag von Rudolf rNoffe, Berlin. Weltkongreß. Von Rabbiner Dr. Gelles, Lifsa. — Die yilljmi« Woche. — Zur Erinnerung an Rabbiner Tr. M. Joel. Von A. Eckstein. — Die Motive der Judengesetzgebung unter den Hohenzollern. Von Tr. S. Wolfs, Berlin.— Leutnant Sender. — Feuilleton: Juden. Von Eduard Kaufmann, Wien. — Miszellen. — Büchereinlauf. Der Gemeirrdebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau, Hamburg, Köln, Kreuznach, Landshut, Ladwigshasen, Bad Nauheim, Frankfurt a. M., Oberdorf-Bopfingen, Wien. — Von Nah und Fern. Weltkongreß. Von Rabbiner Dr. Gelles, Lissa. um letzten Kampf gegen Rom hatte sich Juda gestellt. Es war ein heißes Ringen um Vaterland und Freiheit. Schon war der Feigling und Verräter Flavins Josephus, der Vertrauensmann der Friedenspartei, zu Titus übergegangen, um in seinem Lager dem blutigen Schauspiel eines eroberten und brennenden Jerusalems beizuwohnen. Drinnen aber, in der Hauptstadt lebte der alte Bruderstreit im Hause Jakobs auf. Die Zwölfheit der Urstämme enthüllte sich in der Vielheit der Parteien. Die Zeloten verbrannten — nach einer talmudischen Ueberlieferung — die gefüllten Getreidespeicher, um so die Zaghaften und Friedensfreunde durch die Macht des Hungers zum Kampf gegen den gemeinsamen Feind zu; zwingen. Hungertyphus und Pest hielten reiche Ernte. Zion, der Thron Gottes auf Erden, lag im letzten Todesröcheln. Da gelang es durch eine List Rabbi Jochanan den Sakkai, durch den eisernen Ring zu kommen und von Titus die Erlaubnis zu erhalten, in Jabne ein Lehrhaus zu gründen. Und während die Belagerungsmaschinen Stoß auf Stoß, Schlag ans Schlag gegen die Mauern der heiligen Stadt richteten, hämmerte und zimmerte man in Jabne am ewigen Bau des jüdischen Geistes. Der Körper des Judentums brach unter den wuchtigsten Schlägen zusammen; seine Seele aber fand sich rrst in jenen Tagen. So ward das politisch-große Geschehen die Ursache zur seelischen Wandlung des Judentums. Wieder sind die Augen aller Welt auf das Schicksal der .luden gerichtet. Zu den großen Problemen, denen der Weltkrieg eine Lösung verspricht oder in Aussicht stellt, gehört auch die Judenfrage. Das Schicksal der unter russischer Knute seufzenden Glaubensbrüder hat seinen Jnteressekreis weit über die Stammesgenossen hinaus gezogen. Einflußreiche christliche Staatsmänner und leitende Politiker beschäftigen sich mit der Zukunft dieser Aermsten unter den Armen. Nur wir luden — und das ist die große Tragödie unseres inneren kriegserlebnis —, wir Juden haben durch diesen Krieg nichts gelernt, wir sind als Juden nicht weiter gekommen, wir haben im Gegensatz zu unseren Ahnen keine seelische Wandlung durchgemacht. In Amerika ist die Idee ausgetaucht, während des Krieges einen jüdischen Weltkongreß vorzubereiten, der bei den Friedensverhandlungen die Wünsche der Juden hinsichtlich der Lösung ihrer Frage vertreten soll. Kaum hat dieser große Gedanke das Licht der Welt erblickt, und schon wird er in das Dunkel kleinlichen Parteikampfes herabgezerrt. Muß denn ein jeder Vorschlag, eine jede Idee, weil sie von einer bestimmten Seite kommt, falsch und deshalb zu bekämpfen sein? Entscheidet überhaupt über die Richtigkeit der Politik die Partei oder die Logik? Wo bleibt die vielgerühmte, weitbesungene Solidarität der Judenheit? Wo auch nur der Wille zu ihr? Sehen wir uns einmal ohne alle Leidenschaftlichkeit das Für und Wider des Weltkongresses an: Was man gegen öen Weltkongreß einwendet, ist im großen und ganzen die ängstliche Furcht, es könnte sich aus ihm ein vielfacher Schaden für alle Juden ergeben. Zunächst einmal — so besorgt und befürchtet man — würde durch die Teilnahme der Juden aller — auch der kriegführenden — Länder an einem jüdischen Weltkongreß ihre patriotische Gesinnung stark verdächtigt werden. Alle Mühen um die Anerkennung unserer ehrlichen, vaterländischen Gesinnung seien umsonst gewesen, wenn in den Zeiten größter Gefahr der Vorwurf berechtigt wäre, die deutschen Juden hätten andere als deutsche, die französischen andere als französische, die englischen andere als englische Interessen verfolgt. Wir würden dann trotz aller Opfer in diesem Krieg nicht nur nichts gewinnen, sondern noch obendrein verlieren. Darum fä es für uns Juden aller Länder geboten, einen jüdischem Weltkongreß abzulehnen und bei unseren Regierungen vorstellig zu werden, daß sie bei den Friedensverhandlungen — wie bei der Marokkokonferenz — über das Schicksal der verfolgten Juden erlösend beraten. Dieser Einwand gegen die Veranstaltung eines jüdischen Weltkongresses ist politisch ernst zu nehmen. Er zeugt von der redlichen Sorge um die Gleichberechtigung der Juden und enthält das psychisch beachtenswerte Moment, d a ß d i e Liebe zum Vaterland stärker ist als d i e L i e b e z u d e n a u s l ä n d r s ch e n Glaubensgenossen. Aber die Furcht, von der er diktiert wird, läßt sich durch folgende Argumente zerstreuen: Wenn wir Juden einen Weltkongreß veranstalten, so richten sich seine Ziele gegen keinen der kriegführenden Staaten, zumal wir mit einein solchen Unternehmen nur soziale Zwecke verfolgen. Die Zentralmächte selber haben zu Beginn des Feldzuges den unterdrückten Inden die Erlösung aus dem schier unhaltbaren Zustand versprochen. Der Vierverband, mit Einschluß von Rußland („An meine lieben Juden"), hat ein gleiches in Aussicht gestellt. So ehrlich auch der Wille ist, der solche Versprechungen eingibt, es fehlt ihm häufig an Macht, diesen Verheißungen einen realen Boden zu verschaffen. Kommt es zum Friedensschluß, und behält Rußland seine Juden, dann dürfte und wird auch kein anderes Land — nicht einmal Amerika — es wagen, gegen eine schlechte Behandlung der russischen Juden zu protestieren. Dann bleibt eben weiter alles, was mit den