Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229221--71718-3284074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 i-vr KotlntterzieMat 6 feitet letzte hieraüf rin Nomen des Hanl e l sv o r st o n d-e s undder H a n d e l s k n in m e t einen Kranz vor itt Sarge nieder Und höb die Verdienste des Verstorbenen als Mitied dieser beiden Kollegien und des Eisenbahnrates hervor. 1 err Stadtschulrat Weiß sprach namens der Fortschrittlichen ' olkspartei und ihres Hiesigen Lokalausschusses. Der Redner führte : . a. folgendes aus: „Der Verstorbene war beseelt von hohen Polischen Idealen . und hat in jahrzehntelanger treuer Mitarbeit roßes für das allgemeine Wohlfür das städtische und staatliche?lneinwesün geleistet. Aus kleinen Verhältnissen heraus hat er h durch seine Tatkraft eine Gasse geschlagen zu hohen sozialen ad Politischen Erfolgen. Das Vertrauen der Bürgerschaft hat ihm >he Ehren Überträgen. Seine Jugend fällt in die 60er Jahre, e Triumphzeit.des wirtschaftlichen Liberalismus, und in die 70er ahre, in denen eine liberale Ordnung der Dinge im neuen Reiche r sucht und durchgeführt wurde. Er fühlte sich innerlich vetitnbcn Mit einer Politischen Weltanschauungderen Mittelpunkt die eie Selbstbestimmung ist. Warmblütigen Herzensgeschickt und itkrüstig verteidigte er die wirtschaftliche Freiheit. Dennoch beahrte er volles Verständnis für andere politische Überzeugungen i der Erkenntnis, daß diese abhängig sind von Erlebnissen und rfahrungen, daß in unserer Zeit das Wort „Jeder ist seines lückes Schmied" nur bedingte Bedeutung hatdaß jeder einzelne 'pal und wirtschaftlich bedingt und bestimmt ist. Vorurteilsfrei handelte er alle sozialen Maßnahmen. Aus Blut und Eisen, durch eldeutaten und Opfermut wird eine neue Zeit, ein neues Deutschub geboren werden, nicht ohne politische Parteien, aber so, daß olitische Mein rngsverschiedenheiten zurücktreten müssen hinter die roßen nationalen Güter, die wir jetzt gegen eine Welt von Feinden i verteidigen haben; der Burgfriede ist nicht nur äußere Anordllttg, sondern innerliche sittliche Verpflichtung geworden. Mit h-ren wird man stets der Männer gedenken, die Duldsamkeit mit gener Tatkraft, soziales Verständnis mit persönlicher Hingabe an as Ganze zu verbinden wissen. Ein solcher Mann warst auch du, nd darum wird dein Andenken bei allen, besonders bei deinen arteigenossen, in Segen und Ehren bleiben." Der Redner legte ann ebenfalls einen Kranz am Sarge nieder. — Unter Betonung t Verdienste des Totenspendeten noch Kränze: Herr Mag.-Rat 'überlein für den Hansabund, Herr Komm.-Rat Soldan cr die Produktenbörse Nürnbergs, Herr Syndikus Dr. H e y n> für cn Handelsvertragsverein (sowohl den Zentralverein für Deutschuid als die Ortsgruppe Nürnberg) und den Deutsche-französischen 6irtschaftsverein, Herr Dr. Cahn für die Loge zu den drei feilen, Herr Direktor M arlier für die Loge Oddfellow, Herr ' e tz für die Nürnberg-Iürther Gesellschaft für Volksernährung nd Herr Direktor Terhaerst für die Beamten des Städtischen mswerkes. Während der Fortsetzung der religiösen- Zeremonien w'itrbe der Sarg in den Bestattungsofen hinabge senkt. Rexingen, 15. Oktober. Der Fliegerleutnant der Reserve ms-eph Zürndorfer von hier fand den Heldentod fürs Vaterand. Er war der Sohn des hiesigen Kaufmanns M. Zürndorfer. Us Einjähriger diente er beim württembergischen Jnsanterieregirent Nr. 124 in Weingarten. Dort machte er auch mit gutem Eralg die Offiziersprüfung und rückte zum Vizefeldwebel vor. In "U Krieg zog er mit einem anderen württembergischen Jnfanterie- -giment. Er erhielt das Eiserne Kreuz zweiter Klasse und war -r die erste Klasse vorgeschlagen sowie für die württembergische npferkeitsmedaille. Bei Combres verwundet, meldete er sich nach iner Wiederherstellung zu den Fliegern. Bei den Fliegern war er oei Monate. Seit zehn Tagen war er Leutnant. Belgien. K. Z. Antwerpen, int Oktober. Unsere Stadt hat die größte udische Gemeinde Belgiens, und so konnte es nicht wunder nehmen, l'ß von nah und fern, aus der westlichen Etappe und den Südrovinzen des Gouvernements, viele Kameraden herbei gekommen 'tuen, um fort Kreise von Glaubensgenossen das Neujahrsfest kn ntster Weise zu begehen. In hochherziger Weise hatte die Gemeinde -Nachsike Ha daß" ihre neuerbaute Synagoge in der Oostenstraat den oruttschen Soldaten zur Verfügung gestellt. Vor einem Jahre sollte --üe Einweihung schon stattfi-nden, nur wenige Arbeiten waren noch unvollendet, da versenkte der Krieg den stolzen Bau in einen Dorn- - öschenschlaf, aus dem es zu erwecken nunmehr deutschen Soldaten Vorbehalten war. Nahezu 160 besuchten die Gottesdienste an beiden Tagen, Soldaten waren die Vorbeter, Soldaten die Gemeinde, grauuartige Gestalten neben jungen Kriegsfreiwilligen. Un-d wohl keiner ging von dannen, ohne die tiefen Eindrücke, die er empfangen, in sich nachwirken zrt lcksstm Sie trennten sich mit dem Wunsche: „Alls Wiedersehen in acht Tagen gum Versötznungsfest — und zur nächsten Festeswiederkehr daheim." Gesterreich-AngsrM z. Wien, 13. Oktober. Rach kurzem Laiben ist anl 8. d. Bi. der 1. Vizepräsident der israelitischen Kültusgemeinde Dr. Gustav K o hu int Alter von 75 Jahren gestorben. Der Entschlafene war am 86. Mätz 1840 zu Prag geboren, wo er seine juristischen Studien absolvierte. IN jung-fen Iahten kam er nach Wien, wo er sich der Advokatur widmete. Im Jahre 1884 wurde er in den Kuttusrat dfer israelitischen Kultusgemeinde gewählt U!td bekleidete dieses Ehrenamt durch wehr als 31 Jahre bis zu seinem Hinscheiden. Im Jahre 1896 wurde er in den Landesschulrat entsendet, im Jahre 1897 zum Vizepräsidenten der Kultusgemeinde gewählt. In der jüdischen Kultusgemeinde entwickelte er auch eine verdienstliche administrative Tätigkeit, irnb die Humanitätsanstalteu der Gemeinde hatten an ihm einen eifrigen Förderer. Das öffentliche und humanitäre Wirken des Dr. Gustav Kohn wurde vom Kaiser durch Verleihung des Ordens der Eisernen Krone und des Franz- Joses-Ordens gewürdigt. — Der Vorstand der Küttusgejttöinde widmet ihm folgenden Nachruf: „Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Ihr unvergeßlicher, von allen geliebter, hochverehrter erster Vizepräsident- Herr Dr. Gustav Kohn, Vizepräsident des „Allg. österr. Israel. Bundes", Mitglied des k. u. k. Landesschulrates, Witter des Eisernen Kronenrrdens 3. Klasse lmd des Franz-Josef-Ordens usw. usw., ist am 8. d. M. nach kurzer Krankheit verschieden. Der Verblichene hat mehr als drei Dezennien seines segensreichen, arbeitssreudigen Lebens dem Wöhle unserer Gemeinde, dem- Kultus und Unterrichte, der Linderung der Not der Armen, der Verteidigung der Rechte seiner Glaubensbrüder in unermüdlicher, schafsenssroher Tätigkeit gewidmet. Dem Verstorbenen bleibt ein immerwährendes, ehrendes Andenken in unserer Gemeinde und in unserer Glmibensgemeiuschast gesichert." — Feldrabbiner Dr. Lemberger schreibt über den gefallenen Honved M a r t i n F r i e d m a n n aus Nhiregyhaza: . Ich wurde mit ihm zuerst anläßlich eines Gottesdienstes bekannt. Bald entwickelte sich zwischen uns ein kleiner talmudischer Disput. Die jahrhundertealten Bättme der Horr-isoner Wälder mochten wohl gestaunt haben, als inmitten von Geschützdonner und Gewehrgeknatter über halachische Fragen disputiert und eine Deziston des Chassam-Sofer aus dem 6. Bande feiner Respousen, welche sich auf den Krieg bezieht, zitiert wird von Menschen, die noch vor einer halben Stunde im Schützengraben lagen. Friedmann hat am liebsten talmudische Zeitschriften ztrr Lektüre gewählt; in den freien Minuten, die er im Schützengraben hatte, las er gern in ihnen. Ich hatte schon immer eine Freude, wenn ich zu den Aelteren zur Abhaltung eines Gottesdienstes kam und ihn Wiedersehen imb mit ihm sprechen konnte. Seine Vorgesetzten lobten immer sein Pflichtbewußtfein, seine Ausdauer, feine Tapferkeit ttnd feinen Heldenmut. Jüngst wurde er auch für die Tapserkeitsmedaille in Vorschlag gebracht." K. Wien, 15. Oktober. Am 10. d. M. wurde der erste Vizepräsident der hiesigen israelitischen Kultttsgemeinde und Mitglied des niederösterreichischen Landesschulrates, Herr Dr. Gustav Kohn, zn Grabe getragen. Von den seltenen Syntpathieu, deren sich der Verstorbene in den weitesten Kreisen unserer Hauptstadt und der österreichischen- Judenschaft erfreute, zeugte die überaus große Schar der Leidtragenden, die seiner Bahre folgten. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Würdenträger des Staates und der Stadt und viele Mitglieder der Gesellschaft. Man sah u. a. Statthalter Frviherrn v. Bi e n e r t h , Vizepräsident des Landesschillrates Khoß v. Sternegg, Polizeipräsident Freiherrn v. Gorup, eine Abordnung des Wiener Gemeinderates in Vertretung des Bürgermeisters Dr. Weiskirchner, das gesamte Rabbinat und die Beamtenschaft der Wiener Gemeinde, Vertreter sämtlicher Hnmanitätsvereiue und Anstalten sowie vieler auswärtiger Kultusgemeinden. Der schier nnabsehbare Trauerzug bewegte sich vor dem Tempelgebäude in der Sestenstettergasse, worauf er aus dem Kaiser-Ferdinand-Platz halt-