Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 43 Berlin, 22. Oktober 1915 Der Gemeindevote. Vrtlsgr zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums". korrrlpondrnzen und Kachnchtm. SkUtschlsnd. 2XD Berlin, 19. Oktober. Am 10. d. M. verschied der seit 2lA Jahren in Berlin im Ruhestand lebende ehemalige Großherzoglich Badische Bezirksrabbiner Dr. Victor Meier Rawicz nach Vollendung des 69. Lebensjahres. Der Verstorbene entstammte einer angesehenen Breslauer Familie, in der das Dalmudstudium seit Generationen gepflegt wurde; sein Vater Moses Rawicz war — obwohl Kaufmann — doch ein bedeutender Gelehrter, der auch wegen feiner Frömmigkeit einen ihn überlebenden Ruf besaß. An seinem Vater hing der nunmehr Verschiedene mit kindlicher Verehrung. und gedachte feiner noch häufig in späteren Jahren mit Ausdrücken tiefster Bewunderung für sein Wissen und feinen frommen Lebenswandel. Auf dem Breslauer RabbiMrseminar empfing der Entschlafene seine theologische Ausbildung und erhielt nach deren Vollendung iw Jahre 1875 seine erste Anstellung in der Gemeinde Kempen, Prov. Posen, wo er indes nur ein Jahr verblieb, um einen: Ruf in den badischen Staatsdienst zu folgen, wo er den Bezirk Schmieheim erhielt, dessen Amtssitz später nach Offenburg verlegt wurde. Mehrere Jahre verwaltete er daneben auch den Rabbinatsbezirk Freiburg. Sein Amt war mühevoll. Es umfaßte zahlreiche Landgemeinden, die, zum Teil abseits der Bahn liegend, bei schlechtem Wetter schwer zu erreichen waren, zumal der eigene Amtssitz in der ersten Zeit — der kleine Ort Schmieheim - nicht an der Bahnstrecke lag. Dr. Rawicz unterzog sich den Mühen seines Amtes und der Verwaltung seines weit ausgedehnten Bezirkes mit dem größten Eifer und vorbildlicher Hingebung. Kein Weg war ihn: zu weit, wenn es galt, die Pflichten feines Amtes zu erfüllen. Kranken oder Sterbenden Trost und die Segnungen der Religion zu bringen. Seine Predigten an hohen Festen, die regelmäßig gedruckt wurden, waren nicht nur Muster der Kanzelberedsamkeit, sondern auch Proben eindringlicher Gelehrsamkeit, wie sich bei ihm der Gelehrte und der Mann der Praxis in einer Person vereinigten. Er erteilte den Religionsunterricht an den höheren Schulen in Ofsenburg und inspizierte als Kommissar des Oberrates den Religionsunterricht der ihm unterstellten Lehrerin den Landgemeinden seines Bezirkes. Als Seelsorger wußte der Entschlafene in seltenem Maße sich die Liebe und das Vertrauen seiner Gemeinde zu erwerben, -aber andererseits war er auch der teilnehmende Freund an allen Freuden und Leiden seiner Gemeindemitglieder. Als er in den letzten Jahren seiner Amtsführung anfing, an einem Augenleiden zu «erkranken, führte er eine Trauung noch aus, als er schon kaum mehr sehen konnte, und von der Amtshandlung mußte er sich unmittelbar ins Krankenhaus begeben. Eine Staroperation brachte ihm wenigstens auf einen: Auge einen Teil der Sehkraft wieder, so daß er, wenn auch nicht in früherem Umfange, doch mit Hilfe einer Vorleserin sich geistig betätigen konnte. Trotz der vielseitigen amtlichen Tätigkeit fand er noch Zeit und Muße zu wissenschaftlicher Beschäftigung, die ihn: ein Lebensbedürfnis war. In ihr fand er von de:: mancherlei Kämpfen, die ihm nicht erspart blieben, Erholung und Genuß. Als Frucht seiner wissenschaftlichen Tätigkeit liegen die Übersetzungen mehrerer Traktate des babylonischen Talmuds vor, nämlich Sanhedrin, Ketuboth, Chullin, Megilla, Rosch-Haschono. Seine letzte Arbeit, die er drucken ließ, war eine Uebersetzung des Kommentars des Maimonides zu den Sprüchen der Väter. Seine Werke erschienen sämtlich in: Selbstverlag und legten ihm -erhebliche finanzielle Lasten auf, die allerdings später durch den Anklang, den seine Uebersetzungen fände::, wieder einigermaßen ausgeglichen waren. Run ist Dr. Rawicz nach kurzen: Leiden dahingegangen und wurde arn 1-T d. M. auf dem jüdischen Friedhose zu Weißenfee zur letzten Ruhe bestattet. Am Sarge sprach Rabbiner Dr. Weiße Worte des Gedenkens für den unermüdlichen Seelsorger, den fleißigen Gelehrten, den Mann von tiefer Religiosität und von aufrichtigem Familiensinn. Im Namen des Verbandes deutscher Rabbiner sprach der Rabbiner Dr. Blumenthal und rühmte die echt kollegiale Gesinnung des Verstorbenen. Die Stadt- sowie die Kultusgemeinde Offenburg wurde durch den dortigen Rabbiner Dr. Hahn, den ersten Vorsteher Herrn O b e r b r u n ner sowie andere Herren bei der Beerdigung vertreten. Herr Rabbiner Dr. Hahn, der selbst Schüler des Dahingeschiedenen war, rühmte seine persönlichen Eigenschaften und den unauslöschlichen Eindruck, den er auf -alle gemacht hat, die mit ihm dienstlich und außerdienstlich zusammengekommen waren. Er rühmte besonders das durch das milde und versöhnliche Wesen des Dahingeschiedenen geförderte einträchtige Zusammenleben mit den anderen Konfessionen in seinem Amtsbezirk sowie die freundschaftlichen Beziehungen, die er zu den christlichen Geistlichen unterhielt. Mit dem Verstorbenen ist ein edler Mensch, ein wahrhaft Frommer, ein guter Sohn und Vater dahingegangen, einer von den Persönlichkeiten in Israel von geradem Charakter, an denen unsere Zeit wirklich nicht überreich ist. Berlin, 19. Oktober. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 14. d. M. der Redakteur des „Berliner Tageblatts" Herr Paul Block über das Thema „Die Juden in: Kriege". Dem Vortragenden kam es nicht darauf an, Selbstverständlichkeiten näher zu beleuchten und etwa die Pftichttreue jüdischer Soldaten in: gegenwärtigen Kriege oder ihre Tapferkeit bei der Verteidigung des Vaterlandes zu betonen. Er wollte vielmehr den besonderen Regungen der jüdischen Seele während dieses gewaltigen Kampfes in: einzelnen und im allgemeinen nachgehen. Aus seinen Worten sprach ein feinsinniges Verstehen, ein lebendiges Mitempfinden. So zum Beispiel, als er die Gestalten von zwei Kämpfern heraufbeschwor, die auf dem Felde der Ehre gefallen sind — des Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank und Gottfried Senders. Der eine, der freie große Mensch, mit den apollinisch leuchtenden Augen, der andere ein schlichter Lehrer, doch ebenfalls groß in seinen: überquellenden Gefühl für alles Wahre und Schöne. Aus Senders Briefen aus dem Felde, die als bescheidenes, aber bleibendes Denkmal für den Toten demnächst erscheinen werden, las der Vortragende einen außerordentlich eindrucksreichen Brief vor, die Schilderung einer Nacht, in der Sender für sein treues Ausharren an der Seite seines schwerverwundeten Majors sich das Eiserne Kreuz erster Klasse erwarb. Ebenso wußte der Redner dann aus der Gestalt des ostpreußischen Dichters Walter Hehmann, der ja auch zu den beklagten Opfern dieses Krieges gehört, das ewig Bleibende herauszuholen. Er sagte, daß die deutschen Juden als Soldaten ihre Pflicht um der Pflicht willen erfüllen, was als echte deutsche Eigenschaft bezeichnet werden müsse. Auch die russischen Juden kämpften ja für ihr Vaterland, obgleich dieses Vaterland ihnen bisher nur Schmach und unsägliche Leiden angetan hat und obgleich sie nur zu genau wissen, daß es ihnen nach dem Kriege dort nicht um ein Haar besser gehen wird. Die formvollendete und mit großen: Schwünge voraetragene Rede gipfelte in dem Ausdruck der Hoffnung, daß nach dem Kriege ein neues Deutschland erstehen möge, in dem es keine alten Vorurteile mehr geben solle, wohl aber ein allgemeines Sichverstehen, Sichvertragen, Sichdulden. Die zahlreich erschienene Zuhörerschaft spendete den: Vortragenden für seine interessanten und belehrenden Ausführungen lebhaften Beifall. Berlin, 19. Oktober. Unter großer Beteiligung aus kaufmännischen Kreisen wurde am 13. d. M. Kommerzienrat Louis Lev in -auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee zu Grabe getragen. Die Friedhosskapelle, in der die Trauerfeier stattfand, vermochte nur einen kleinen Teil der Trauergemeinde zu fassen. Von der Berliner Handelskammer waren die Herren Kommerzienrat Bamberg als Vorsitzender des Fachausschusses der Konfektionsindustrie und B r h erschienen, für die Aeltesten der Kaufmannschaft Willi Schlesinger; die Unterstützungskasse des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller vertrat Direktor Schnitze, den Gläubigerschutzverband Direktor C a h e n. Die Landesversicherungsanstalt hatte mehrere Vorstandsmitglieder entsandt, ebenso die Vereinigung Berliner Handelsrichter und die Allgemeine Ortskrankenkasse der Stadt Berlin. Auch mehrere Stadtverordnete wohnten dem Trauerakte bei. Eingeleitet wurde die Feier mit Gesang, worauf Rabbiner Dr. Weiße die Gedächtnisrede hielt. Nach einen: Schlußgesang erfolgte die Beisetzung im Erbbegräbnis. Der Entschlafene gehörte seit der Errichtung der Synagoge Lützowstraße (1898) deren Vorstand an, den er seit einiger Zeit auch in der Kommission für die sestgottesdienstlichen und musikalischen Angelegenheiten vertrat.