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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-22 · Heft 43 (22.10.1915) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 43 (22.10.1915)
Date
1915-10-22
Page
Seite 516 (sequence 12)
Language
German
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516 liegen! Denke dir bloß, du mit deiner ganzen stadtbekannten Weisheit bist schwächer als jeder Muschik." „Herr, Sie irren sich. Ich unterliege dem Weiseren. Sie sind es, denn Sie haben die Macht, die den Muschik bewehrt." „Spottest du über in ich?" brauste der General auf. „Ach nein", sagte der Rabbiner, und um seine Lippen schlich ein mildes Lächeln. „Wie werde ich das wagen! Aber Sie haben mich hergerusen, Herr General, damit ich spreche, und alle diese", er wies aus die Offiziere des Stabes, „warten doch darauf. Da ivürde es mir schlecht anstehen, zu schweigen!" „Genug des Geredes! Nenne mir die Reichsten deiner Gemeinde!" Der Rabbiner dachte einen Augenblick nach. „Markus Rothstein," sagte er dann, „er hat neun Söhne und vier Töchter." Ter General schlug mit der Faust auf den Tisch. „Hab' ich dich danach gefragt? Von Geld und Besitz sollst du -mir sprechen." „Wer Geld hat, ist doch darum nicht reich. Besitz vergeht. Gin Zündholz — und er ist gewesen. Reich und stark ist ein Haus nur durch die Kinder, und darum ist Markus Rothstein der Reichste, wenn er auch nur mit einem dürftigen Kleinhandel sein Leben fristet!" „Sage mir, Jude, der du für alles eine Erklärung hast, was glaubst du, werde ich mit euch hier machen?" „Ganz bestimmt weiß ich es nicht, aber zwei Möglichkeiten gibt es, die aus der Menge der anderen hervortveten." „Sprich!" „Die erste ist, daß unsere kleine blühende Stadt zum Trümmerhaufen wird. Es gehört ja so wenig dazu, einem Mann einen Feuerbrand in die Hand zu drücken und ihm zu sagen: Senge, morde! Ihm einzureden, das da, das sind ja keine Menschen, es ist ein Verdienst, sie zu martern, zu töten. Ein paar Worte gehören dazu, und es genügt, daß ein Muschik sie ausspricht, es braucht keine zum Befehlen geborene Persönlichkeit zu sein." Er sah sinnend vor sich hin, dann fuhr er fort: „Aber es gibt noch eine zweite Möglichkeit, und die könnte sein, daß über dieser in jedem Hauch hin und her schwankenden Menge ein Mann stände, der zu ihr sagte: Menschen seid ihr und nicht eine Horde wilder Tiere. Schont die Männer, denn sie taten nichts, als friedlich ihr karges Besitztum zu hüten,- und mischten sich nicht in den Lärm des Kampfes. Schonet die Frauen, es sind Mütter wie die eueren und haben ihre Kinder mit Schmerzen geboren wie eure Mütter euch! Schonet die Kinder, denn es ist keines so arm und gering, daß es nicht für seine Mutter ein Heiligtum bedeutet, und auch weil sie ein fremder Wille ins Leben drängte und sie noch nicht einmal sein Ziel nnd seinen Zweck erfassen konnten. Schonet die Mädchen, denn in ihnen ist die Hoffnung jedes Volkes geborgen. Vergiftet nicht upr einer flüchtigen Minute der Lust willen die Quellen, die künftigen Geschlechtern Kraft spenden sollen! Zu dieser zweiten Möglichkeit aber braucht es die Stimme des Mächtigen, der Herr wird über wilde Instinkte, die in jedem schlummern, und die der heiße Atem und die Zügellosigkeit des Krieges hervorlocken aus blutdunstumwallten Gehirnen." Er schwieg. Der General sah ihn lange nnd fest an. Jede Spur von Spott war aus seinem Gesicht gewichen, tiefer Ernst lag darauf. „Sie haben recht, Herr Rabbiner, und die Leute, die Sie uiir als klug priesen, haben nicht zu viel gesagt. Was an mir liegt, Ihr Städtchen zu schützen, soll geschehen!" Er wandte sich zu seinen Offizieren und gab halblaut einige Befehle. „Sie aber, Herr Rabbiner, bitte ich, einen kleinen Imbiß mit uns zu nehmen!" Der Greis verbeugte sich, die tiefliegenden Augen glänzten. „Herr General, ich danke Ihnen für Ihre Großherzigkeit meiner armen Gemeinde gegenüber, mir aber verzeihen Sie, wenn ich Ihre Einladung nicht annehme, denn Trank und Speise von Ihrem Tisch sind mir versagt!" „Ach so, ich vergaß!" sagte der General hastig. „Gehen Sie denn und beruhigen Sie Ihre Glaubensgenossen! Es wird keinem ein Leid geschehen." Und der Rabbiner schritt mit erhobenem Haupte unbehelligt durch die Straßen des Städtchens der Synagoge wieder zu, aus der ihn rauhe Hände gerissen. Die Gläubigen umringten ihn, angstvolle Mienen flehten, fragendes Gemurmel umbrandete ihn. Er aber lächelte nur, und das stumme Lächeln goß Ruhe und Frieden in die erregten Herzen. Und mit lauter, fester Stimme sprach er inbrünstig das Dankgebet. M5. 0 ieb' nichts zu heiß auf Erden, Es kann genommen werden Bon dir zu jeder Zeit. Und all dein bitter Weinen Wird nimmermehr vereinen Dich ihm in Ewigkeit. Halt' weit dein Herze offen. Dein Fühlen und dein Hoffen Verschenke es der Welt. Mit deinen schwachen Armen Ueb' Mitleid und Erbarmen, Dann bist du wohlbestellt. Wenn einstens sie dich legen In kühler Erde Segen, Wo schon dein Liebstes ruht: Was du in deinen Tagen Für andre hast getragen. Bleibt unverlierbar Gut. Ottilie Franzos. Mchrreinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Walther Heymann. Kriegsgedichte und Feldpostbriefe. 1915. München, bei Georg Müller. 8. Schechter, Seminary Adresses and other Papers. Cincinnati, Ark Publishing Co. 1915. Der Weltkrieg im Lichte des Judentums. Von Dr. I. Wohlgemuth. Berlin, Verlag des Jeschurun. 1915. Erez Israel. Mitteilungen des Hauptbureaus des jüdischen Nationalfonds. Wolfssohn-Gedenknnmmer. Herausgegeben vom Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds im Haag. Report of the Anti-Defamation-League together with Principles of League and Correspondence, submitted to the Constitution Grand Lodge Convention I. 0. B. B. May, 1915, San Francisco (Calif.). Philosophisch-soziologische Bücherei XXXIV: Rasse und Kultur. Von Dr. Friedrich Hertz. Zweite, nenbearbeitete und vermehrte Auslage von „Moderne Nassentheorien". Verlag: Alfred Kröner. Leipzig 1915. Galizien. Der Wall im Osten. Kriegserzählungen. Von Herrn. Blumenthal. Verlag: Georg Müller. München 1915. König Salomo. Ein Drama in drei Akten. Von Ernst Hardt. Im Insel-Verlag zu Leipzig. 1915. La Revue Ukranienne. Ir. Aniiee. No. 3. Septembre 1915. Mensuel edite par Arthur Seelieb. Lausanne, Imprimerie Coopörative la Concorde«

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