Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-22 · Heft 43 (22.10.1915) · p. Seite 515

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 43 (22.10.1915)
Date
1915-10-22
Page
Seite 515 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229221--71714-3284070
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

5lS Gesellschaft des jungen Fürsten zugebracht hat, ist eine ungemein erquickliche Idylle. ES ist erfüllt von Liebe und Verehrung für den jungen Fürsten und bringt ihn und seine Umgebung uns menschlich näher. Es ist überdies ganz entzückend -ausgestattet, eines der liebenswürdigsten, anschaulich geschriebenen, auch mit sehr hübschen Gedichten versehenen Bücher, die diese furchtbare Zeit hervorgerusen hat. Die neue Sammlung von Kriegsgedichten Rudolf Presbers enthält eine große Zahl trefflicher Poesien: laute, aber nicht lärmende Verherrlichungen der Begeisterung, lebhafte Verkündigungen wahrhaften Patriotismus, Schilderungen einzelner Ereignisse und bedeutender Persönlichkeiten. Auch manches Humoristische und Satirische kommt darin vor gegen Frankreich, gegen Rußland, gegen die Uebergrifse der Mode, gegen die Ausländerei. Lebensfreude und Siegeshoffnung kommen zum Poetischen Ausdruck. Der Kaiser wird gerühmt, die Frauen vom Roten Kreuz werden verherrlicht, die Verwundeten beklagt; der Heldenmut unserer Krieger wird gefeiert. Um wenigstens eine Probe der schönen Gedichte zu geben, sei das folgende mitgeteilt: Die Witwe. Ter in kühlen Erdentiefen Stumm du liegst, vorn Ruhm umkreist, Sieh, in deinen tapsern Briefen Lebt mir noch dein Heldengeist. Und das wunde Herz wird freier. Und die Blicke werden licht. Wenn in stiller Totenfeier Deine Seele zu mir spricht. Wenn du jubelst: daß dem Schwerte Gott der Herr den Segen gab. Daß dein Sohn auf deutscher Erde Suche seines Vaters Grab. Literarhistorisch ist der schöne Vortrag von Weißenfels12). Der Vortrag hält die Mitte zwischen einer Sammlung von Volksliedern und geschichtlichen Betrachtungen, die von der Reformation bis zu dem gegenwärtigen Weltkrieg, diesen eingeschlossen, gehen. Aber der Verfasser begnügt sich nicht mit einer bloßen Zusammenstellung, sondern charakterisiert einzelne Dichter in sehr seiner Weise und deutet die wiederkehrenden und neuen Motive und Figuren an. Gerade dies ist das besonders Wertvolle an der gehaltreichen, ruhig kritisch abwügenden Schrift. Auch Weißenfels kommt zu dem Resultat, das schon manchmal in diesen Uebersichten geäußert worden ist, nämlich daß „wir heute im allgemeinen keine große deutsche Originalpoesie haben, wie wir sie vor hundert Jahren hatten". Trotzdem gibt es sehr reichliche Proben (auch von Bab, Lissauer, Zuckermann; der letztere wird besonders gepriesen), an denen man teilweise Freude haben kann. Die ganze Schrift atmet echt wissenschaftlichen Geist und ist verständlich und gut geschrieben. Die Fortsetzung einer schon erwähnten Bildersammlung ^) verdient alles Lob. Den einzigen Tadel, den wir bei der ersten Erwähnung der Sammlung ausznsprechen hatten, nämlich die Undeutlichkeit der Unterschriften^ kann bei diesem zweiten Hefte nicht mehr erhoben werden, der Fehler ist wenigstens einigermaßen abgestellt. Von großen Porträts enthält unser Heft unseren Kronprinzen und Weddigen, sonst im wesentlichen Schlachtenbilder, einzelne Szenen: Brücken und Schützengräben, Landschaftliches, Schiffe, z. B. „TJ 9" und manches andere. Die Ausführung der Bilder ist vortrefflich. Den Schluß mag die Erwähnung einer Rede") machen, die streng genommen vielleicht nicht in diesen Zusammenhang gehört und die doch erwähnt werden kann, weil die Erinnerung an Bismarck, dessen hundertster Gebutstag in die Kriegszeit fiel, gerade in diesen schweren Zeiten aufgesrischt zu werden verdient. 12) Deutsche Kriegslieder und vaterländische Dichtung. Von Dr. Richard Weißenfels, Professor an der Universität Göttingen. Erweiterte Vorträge und Lieder-. Sach- und Personenverzeichnis. Der Ueberschuß ist zum Besten der Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen bestimmt. Göttingcn, Vandenhoeck u. Ruprecht, 1915. 13) Kriegsbilder 1914/15. Nach Original-Kohle-, Feder-, Kreide- und Blei-Künstlerzeichnungen und Photographien in Kupserhochdruck und -tiesdruck. 2. Lieferung. Kriegsinvalidenhilfe, Vorlags-Aktien-Gesellschast, Berlin W 9, Siechenhaus. Preis 1 Mark. 14) Die akademische Gedenkfeier des hundertsten Geburtstages des Fürsten Bismarck am 31. März 1915. Straßburg 1915, Universitätsbuchdruckerei von I. H. Ed. Hertz (Heitz u. Münde). H. Breßlaus Rede, die den wesentlichsten Teil der Schrift über die Straßburger akademische Gedenkfeier bildet, unterscheidet sich sehr zu ihrem Vorteile von den üblichen Gedächtnisreden. Sie ist aus gründlichen Studien hervorgegangen, von beiten die reichen Anmerkungen Zeugnis ablegen, die nicht bloß auf die benutzten Stellen Hinweisen, sondern vielfach gegen die von früheren Bismarck-Forschern, wie Busch, Lenz, Marcks, Meinecke, vorgetragenen Anschauungen polemisiert. Sehr interessant ist besonders Anmerkung 25, aus der hervorgeht, wie der Redner auch die im Text selbst ausgesprochenen Ansichten einer neuerlichen Revision unterzieht. Der Redner behandelt unter den vielen Problemen, die die gewaltige Gestalt und das einzigartige Wirken des eisernen Kanzlers ausgibt, das seiner preußischen und deutschen Gesinnung. Er zeigt sehr schön, wie die rein-preußische Anschauung, die Bismarck bis 1848 erfüllte, schon während seiner Tätigkeit als Bundestagsgesandter sich mehr zu einer deutschen ummodelte, und daß der Kanzler vor: diesem Standpunkte aus daran arbeitete, den König von Preußen für den Dienst der nationalen Sache zu gewinnen. Er legt ferner dar, wie Bismarck zuerst den Gedanken hatte, daß Preußen im Verein mit Oesterreich Deutschland leiten solle, allmählich aber zu der Ansicht gelangt, daß Preußen als alleiniger Führer Deutschland vorstehen müsse. Mit einem Wunsche für den endlichen Sieg Deutschlands in dem furchtbaren Kriege und einer Würdigung von Oesterreichs Vundestreue schließt die formvollendete, gedankenreiche und durch selbständige Forschung ausgezeichnete Rede. Bn Nsbbiner non lkrsla . Von Fan. V^or bau General Sibjakin stand der alte Rabbiner des V/ kleinen galizischen Städtchens, das die Russen besetzt hatten. Vom Bittgottesdienst ans der Synagoge hatten sie ihn weggezerrt, mit Schlägen und Püffen ihn vor sich her getrieben, bis er endlich den Kommnndeur von Angesicht zu Angesicht sah. Noch schwankte er schwer atmend von dem hastigen Gang, er, den schon die Last der Jahre zu Boden drückte, aber er trug das ehrwürdige weiße Haupt, dem der lange Bart etwas Patriarchalisches gab, hoch und ungebeugt. Kein Murren, kein Wehklagen war über seine Lippen gekommen aus dem langen Leidensweg, und auch jetzt sah er stumm, mit einem ruhigen klaren Blick, den General an, der seiner Begleitung ein Schauspiel zn geben gedachte. „Sie sagen, du wärest weise . . . Von dir hängt es ab, was mit deiner Gemeinde geschehen soll. Ob wir einige erschießen oder uns mit Abgaben zufrieden geben, ob wir vielleicht einen kleinen Pogrom arrangieren, bei dem alt und jung dran glauben muß! Sag' uns, welche Mitglieder deiner Gemeinde dir besonders wert sind, damit wir sie schonen, und welche dich erzürnt haben, damit wir sie strafen!" „Herr General," antwortete der alte Jude gelaffen. „Haben Sie schon einmal gehört, daß eine Mutter entscheidet, welches von ihren Kindern sie dem Verderben überliefern will? Nimmt ihr Gott ein Kind, so wird sie weinen und jammern, aber sie wird es tragen wie eine Schickung, doch sie wird eher sterben als sagen: Herr, nimm dieses und laß jenes! Und wenn das eine ihr auch tausendmal Grund zum Zorn gegeben und das andere ihr nur Freude bereitet . . . Meine Gemeinde, das sind alles meine Kinder. Was sie trifft, muß ich tragen, aber selbst ihr Schicksal bestimmen kann ich nicht!" „Du bist schlau, Jude," sagte Sibjakin, „aber das wird dir nicht viel Helsen. Was nützt dir deine ganze Klugheit und Talmudwissenschaft gegen unsere Waffen! Denen mußt du unter- *) Aus der „Welt am Montag".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.