Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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514 mit einem Bruchteile der rnssischerseits für die Entukrainifierung Gaiiziens während der Oktupierung des Landes verwendeten Energie —, so würde es heute anders sein, ganz anders." Daß Galizien ein Zankapfel zwischen Rußland und Oesterreich war, ist bekannt; es ist nicht ausgeschlossen, daß es ein solcher bleiben wird. Ein weltpolitischer Ueberblick hätte, so dünkt uns, die Aufgabe gehabt, zu zeigen, wie Oesterreich in seiner Beherrschung Galiziens verfahren ist, was freilich ein Privatdozent der Universität Lemberg nicht mit aller Offenheit sagen kann. Wäre dies geschehen, so würde die Schüdernng des Ganzen durchaus anders ausgefallen sein. In diesem Zusammenhang ist auch eine neue Zeitschrift 6) zu erwähnen, von der mir das erste Heft zugeschickt worden ist. Den Grund dieser Zusendung vermag ich nicht einzusehen, da Jüdisches in diesem ersten Hefte nicht vorkommt. Aber da auch unser Blatt für die -Freiheit streitet, so sei die neue Zeitschrift, die die Befreiung der Ukrainer von den Russen auf ihr Programm setzt, freundlich empfohlen. Ich bewundere den Mut des Herausgebers, eine neue Zeitschrift in diesen schweren Zeiten 31t beginnen, glaube freilich, daß, wenn er ein Heftchen von knapp vier Bogen zu einem Preise von 2 Francs 50 Centimes vertauft, er nicht viel Abnehmer finden wird. Die Abhandlungen sind französisch geschrieben, eine der beigegebenen Karten trägt eine deutsche Ueberschrist. Die Dinge, die hier behandelt werden, entziehen sich meist völlig meiner Kompetenz; ich begnüge mich daher damit, das Erscheinen dieser neuen periodischen Schrift zu konstatieren. In dein ungeheuren Kampfe, der noch immer ohne irgendwelche Aussicht auf das Ende fortdauert, ist es sehr schwer, zum Frieden zu reden. Und darum ist die Ausgabe der „Internationalen Rundschau"/) die schon einmal au dieser Stelle genannt worden ist, und Von der mir zwei neue Hefte vorliegen, eine außerordentlich heikle und ziemlich undantba-re. Das Zweite Heft löst seine Ausgabe etwas besser als das frühere; besonders froh sind darin die Dokumente der Menschlichkeit zu begrüßen, eine große Anzahl Beispiele, aus denen hervorgeht, daß die kriegführenden Nationen doch in vielen Fällen wirklich die Pflichten der Menschlichkeit üben. Das Wichtigste scheint mir der Einleitungsanfsatz zu sein: „Der Weg zum Frieden." Er besteht aus drei 'Aufsätzen, von denen der dritte von einem Privatdozenten aus Greifsrvald recht platte Dinge enthält. Bemerkenswert ist darin die Studie eines Russen, der vierzig Jahre lang im russischen Staatsdienst gestanden und der seine Betrachtungen mit den Worten schließt: „Wenn Großbritannien die Freiheit des Seehandels anerkennen würde, wäre es nicht schwer, zu einem Friedensschluß zu kommen, und Deutschland wurde gewiß seine Ansprüche auf Belgien aufgeben. Nur befürchte ich, daß die Vorstellung: Britannien müsse immer Alleinherrscherrn der Meere sein, i>irrd> lauge Gewohnheit in den Augen ihrer Söhne zu einer Art Naturgesetz geworden ist, während es doch nur ein Ergebnis der Geschichte ist. Und Geschichte bedeutet Wandel." Wirklich bedeutend ist die Studie von Lujo Brentano. Er führt aus, daß Deutschland kein anderes Land begehre, sondern nur wünsche, „seine Seemacht frei entfalten zu können, um eine Lebensbedingung, die freie Entwicklung seines Seehandels gegenüber feindlichen Angriffen sicherzustellen" und stellt am Schluß die Forderung auf: „Falls England siegen will, würde die erste Bedingung, zu der es sich verstehen muß, die Anerkennung der Unverletzlichkeit des Privateigentum zur See und damit der Freiheit der Meere sein." Gewiß ist das der Weg zum Frieden, aber wie weit sind wir noch von diesem Wege entfernt. Auf diese Studie von Lujo Brentano antwortet im dritten Heft ein Engländer: aber man sieht aus dieser Antwort, wie aus anderen Beiträgen desselben Heftes, daß eine Verständigung unendlich schwer, wenn nicht unmöglich ist. Das ist auch ungefähr der Inhalt einer sehr hübschen Ausführung von August Messer und die Antwort, die Romain Roland darauf erteilt. Der letztere verzichtet geradezu auf eine Berständigung und schließt mit der Bemerkung: „Ich ziehe mich zu meiner Kunst zurück in das einzige noch unverletzte Asyl, und ich will warten, bis der Wahn der Welt geschwunden ist." Das ist nun freilich sehr bequem, aber wir kommen damit keinen Schritt weiter. Freilich hat Herr Romain Roland, den wir nicht für den geeigneten Mann halten, eine Verständigung anzubahnen, im Grunde recht. Nicht die Schriftsteller, sondern die Waffen haben zu entb) La Revue Ukranienne. Mensuel Mit6 par Arthur Seelieb. Imprimerie Cooperative La Concorde, Lausanne, 1915. 7) Internationale Rundschau. 1. Jahrgang. 2. Heft. 1915. Äerlag Artistisches Institut Orell Füßli, Zürich. scheiden, und wir müssen leider, abwarten, wem diese den', Sng verleihen. ' Nur kurz sei noch einer Schrift gedacht, die von einem Schweizr herrührt und der gegenwärtigen Lage in Frankreich gewidmet ist. (h ist kein Feind Frankreichs und auch kein einseitiger Bewundern Deutschlands, obgleich er mehr auf deutscher als aus französischer Sei!- zu stehen scheint. Er schildert sehr anschaulich provinzMe und Parsie. Zustände, qibt Betrachtungen über das Verhältnis Frankreichs z, England, über die Spionenfurcht, über die wahnsinnigen Ideen de-- Nachbarlandes, Deutschland zu teilen, und erzählt auch von eigene; Schicksalen, wie er eine Zeitlang als deutscher Spion verhaftet Wal. Den Grund zu Frankreichs Kriegsgelüsten sieht er keineswegs auh schließlich in der Revancheidee, auch nicht bloß in der Beeinflufsun durch Rußland und in der Abhängigkeit von Rußland, sondern vo allem — und das ist meines Wissens bisher noch niemals so deutln! gezeigt worden — in der Anhäufung der Deutschen in bei französischen Bankgeschäften, der Vorherrschaft der deutscher Elektrotechnik und der Abhängigkeit Frankreichs von Deutsch land in den chemischen Betrieben. Dem republikanischen Ge danken in Frankreich steht er sympathisch gegenüber, fürchtet nichi daß Frankreich sich von der Republik abwenden und der Monarchie za neigen möchte, hegt nur den Wunsch, daß Frankreich die republikanisch. Idee vertiefen und verinnerlichen möge. Es ist eine gutgeschriebeii Schrift, und wir heißen sie deswegen willkommen, weil sie den Har gegen das Nachbarland nicht verstärken will. Damit aber sei das Feld der hohen Politik verlassen, und wi besprechen daher im folgenden eine Anzahl von Veröffentlichungen teil literarischer, teils literarhistorischer Art. Bon den ersteren sei zunächst einer Sammlung von Kriegsnovellei gedacht. Die „Kriegsnovellen" ö) bilden zmn Teil eine wirkliche Be reicherung der Literatur. Es sind glücklicherweise nicht lauter Schlachten bilder, sondern Vorführungen einzelner grausiger, aber auch heroische und rührender Szenen. Ganz besonders schön ist die Novelle Kurt Küchlere „Hoch überdem Sturm", ungemein rührend M-ax Jungnickels „Der Schuljohannes", eine Darstellung, wie der Traum eines Kantors „Dein Sohn Johannes wird auf einem Throne sterben", in wunder samer Weise in Erfüllung geht. Einzelne andere Geschichtenfiiii etwas konventionell, zum Beispiel die von Franz Helwig: „Die Sieben kinderzigarre", die Erzählung der Schicksale eines Leutnants, der durü leichtsinniges Leben und Schuldenmachen seinen Dienst quittiere! muß, aber sich durch wackere Kriegstaten rehabilitiert und durch seine,. Tod den Vater versöhnt. Die Krone des ganzen Buches ist aber dir Skizze „Adolf" von Ernst Zahn. Sie berichtet von einem junge,- Schweizer, dem Sohne einer Deutschen, der sein einziges Besitztum, ein Dutzend Hasen und Kaninchen, seiner an einen Deutschen ver heirateten Tante übergibt, damit die Felle an die deutschen. Truppen geschickt werden, der sich dann bei einer nächtlichen Wanderung und beim Stehen in der Külte — er wird von dem erzürnten Vater aus dem Hause ausgeschlossen — eine tödliche Krankheit zuzieht und als Märtyrer, als ein wirklicher Held stirbt, der sein Vaterland, du Schweiz, liebt und doch von Mitgefühl für die heroischen Deutschei erfüllt ist. Freudig begrüßen wir zwei neue Schriften des unermüdlichen Rudolf Presber8 * 10 und u), dessen neue Kriegsgedichte, erster Teil von uns schon früher gewürdigt, bereits in neunter Auflage erschienen sind. Presber hat, was mit besonderem Ruhm hervorgehoben werden muß, den Ertrag sowohl seiner früheren Kriegsgedichte als den gleich zu nennenden zweiten Teil derselben Sammlung dem Zentralkomitee der deutschen Vereine vom Roten Kreuz zugewiesen und bestimmt, daß das andere hier zu erwähnende Büchlein dem Schutzverband deutscher Schriftsteller zur Verfügung für seine Kriegshilfskasse gestellt werde. Das Büchlein, in dem er seine Fahrt zum deutschen Kronprinzen, die Feier von dessen Geburtstag und die Tage schildert, die er in der 8) Das kriegerische Frankreich. Erlebnisse und Betrachtungen. Von Eduard Behrens. 1915. Rosenlaui-Verlag, München. o) 1914/15. Kriegsnovellen 1. Deutsche Sturmflut. Gesammelt von Heinrich Goebel. Verlag Morawe n. Scheffelt, Berlin, 1915. 10) An die Front zum Deutschen Kronprinzen. Mit 8 Photographin scheu Aufnahmen und einem Titelbild nach einem Gemälde von Professor H. Funker. Von Rudolf Presber. 1915. Deutsche Verlagsanstalt,! Stuttgart und Berlin. . xl) Neue Kriegsgedichte: Der Tag des Deutschen. Zweiter Teil. Don i Rudolf Presber. 1915. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin.