Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Klsrrd Mrdmsmi ist am 26. Oktober 1845 in Frankfurt a. M. geboren, wo fein Vater ein angesehener Kaufmann war. Nachdem er in seiner Vaterstadt die Schule besucht hatte, erlernte er daselbst das Juwelen- und Goldarbeiterfach, weilte längere Zeit in Paris und London und wandte sich dann dem Studium zu, das er in Heidelberg und Zürich betrieb und vollendete, und promovierte zum Doktor (im Jahre 1870). Dann begann er zu schriftstellern, lebte seit 1870 in Wien, seit 1886 in Berlin. Er hat eine ungemein große Zahl meist kleinerer Schriften geschrieben: Dramen (Lust- und Trauerspiele), Novellen, Romane, auch einzelne Uebersetzungen aus dem Italienischen und Französischen. Seine Schriften sind ungemein verbreitet, einige der bei Reclam erschienenen Bändchen sind im Abdruck in zehnter, ja in zwölfter Auflage erschienen. Seine hauptsächliche schriftstellerische Tätigkeit fällt in die Jahrzehnte von 1873 bis 1902. Dann trat eine längere, durch Krankheit verursachte Pause ein; der Schriftsteller erfreut sich aber jetzt wieder voller Gesundheit und vermag rüstig zu schaffen. Zu seinem 70. Geburtstag erschien eine kleine Sammlung „Spätfrüchte" (Verlag von C. Naumanns Druckerei, Frankfurt a. M.). Friedmann hat das Glück gehabt, nie für den Erwerb zu arbeiten, war daher in der Lage, sein Talent ausreifen zu lassen und über das zu schreiben, wozu die Lust ihn drängte. Seine zahlreichen Romane und Novellen verdanken ihre Entstehung teils freier Erfindung, teils sind sie der Geschichte entnommen. Friedmann erzählt frisch, lebhaft und anmutig. Er gehört keiner bestimmten Schule an und verfolgt keine Tendenz. Er schildert das Leben, wie es ihm begegnet oder wie er es sich denkt. Da es sich hier weder um eine große literarische Darstellung noch um eine vollständige Würdigung eines vielseitigen Talents und am wenigsten um bibliographische Vollständigkeit handelt, so verzichte ich. auf eine Aufzählung und auf eine Inhaltsangabe der mannigfachen Schriften. Der Kriegszeiten halber, die wir noch immer durchleben müssen, sei erwähnt, daß eine seiner Geschichten „Die Erzählung des Henkers von Bologna", abgedruckt in der Reclamfchen Universalbibliothek Nr. 1871/72 in die Wirren der Hohenstaufen-Zeit führt und daß daS schon genannte, zu seinem 70. Geburtstag erschienene, „Spätfrüchte", im wesentlichen Sonette enthaltend, auch einzelne Kriegsgedichte bringt. Unter diesen Gedichten befinden sich Lieder gegen den Zaren und gegen Joffre. Zur Charakteristik des Dichters mögen zwei Sonette dienen: Einem Gefallenen im Kriege 1915. Nun hat ein Ende all dein Erdenwallen, Du siehst nicht mehr die Sonne und das Licht; Verlöscht ist, was dir auf der Welt gefallen. Was dir mißfiel, du trägst es fürder nicht. Kein Vogelpreislied hörst im Wald du schallen, Du siehst nicht, wie der Mond aus Wolken bricht, Du siehst nicht Rosen blühen, Blätter fallen, Nicht wie der Bruder vor dem Feinde ficht. Dich kann nicht mehr der Frauen Mund entzücken. Dich nimmermehr des Kindes Kuß beglücken. Vorbei ist, was dir — Erdenschönheit gab. Die Welle großen Meers wird dir nicht rauschen. Und keiner Symphonie wirst mehr du lauschen, Als der der Stille — in dem öden Grab. * Sonett des Krieges und der Kunst. Als in sich fiel Venedigs Campanile, Stolz vor San Marcos heiliger Kathedrale, Zerstört, wie von des Mörsers Donnerstrahle, Zerbrochen, wie in Mars-' gigant'schem Spiele, Da weinten von dem Po zur Wolga viele, Um Sansovins und Donatellos Male, Am Fuß errichtet! Aber eine Schale, Kristall'ner Gral, lag auf Venedigs Diele. Ganz, unverletzt, bewahrt, glanzvoll inmitten Der Trümmer, die Jahrhunderte umschritten., So, wie die Seele des zerfall'nen Turms! So glänzt die Seele kriegsumbraustem Volke Sich selbst klar, rein, in der geborst'nen Wolke, Inmitten all der Greuel und des Sturms. * Da ich mir nun -versagen muß, ein abschließendes Urteil über den Dichter zu geben, so sei es gestattet, Würdigungen bedeutender Dichter hier zusammenzustellen ^aus Briefen, die an Friedmann gerichtet und die mir zur Verfügung gestellt sind. Wenn Gottfried Kinkel ihm einmal schrieb: „Bis Ihre Rezensenten einen Naturkreis malen können, wie Sie uns dies zu malen verstanden, bleibt uns Poeten das Recht, in den Urteilen der Herren einigen Respekt für die Leute zu fordern, welche das Auge zum Schauen der Welt und die Mittel besitzen, um den Zauber dieser Welt ins Wort zu bannen," so darf man dies als Antwort auf die bisweilen wegwerfende Kritik betrachten, mit der moderne Beurteiler Friedmann wie andere ältere verworfen haben. Die besten unserer Poeten haben Friedmann anerkannt: Hamerling, Wildenbruch, Ebers und Anastasius Grün. Hamerling schrieb ihm 1885: „Ich zweifle nicht, die Ansicht, daß wir in Ihnen einen der begabtesten Dichter besitzen, nun - bald zu einer ganz allgemeinen werden zu sehen." Und Anastasius Grün schrieb von „der Wärme meines Dankgefühls, der innigen Freude an ihren tiefsinnigen und reizvollen Schöpfungen" und sagte von seinen Dichtungen, daß sie „sich der allgemeinen Anerkennung und mit Recht erfreuen". Diese Würdigung unserer bedeutendsten Dichter mag dem Poeten an seinem Jubeltage Rückschau und Ansporn sein. Auch wir schließen uns den Glückwünschen der Freunde und Bewunderer an und hoffen, daß dem Dichter noch ein reiches Schaffen vergönnt sein wird. L. G, firirgslitrratur. Von Ludwig Geiger. VII. rei jüdische Schriften mögen den Anfang dieser Uebersicht machen. Das Andachtsbüchlein *), so klein, daß es bequem in der Westentasche getragen werden kann, wird gewiß seinen Zweck erfüllen. Mit einem Bilde des Kaisers Franz Josef geziert, beginnt eS mit einem Gebet für den Landesherrn; daran schließen sich ein Gebet für das Heer und das Kaiserlied. Dann folgen Gebete in hebräischer Sprache mit deutscher und ungarischer Uebersetzung: Stücke aus dem Morgengebet, das Glaubensbekenntnis, das SHemone Esre, Gebete vor und nach dem Gefecht, Gebete eines Sterbenden und ein solches nach dem Tode. Gebete bei der Beerdigung und an einem Heldengrabe machen den Schluß. Gegen die Auswahl der einzelnen Stücke und auch gegen die deutsche Uebersetzung ist im ganzen nichts einzuwenden. Die zweite Schrift müßte uns ihrem Titel nach sehr interessieren. Wenn man die Ueberschrist des ersten Abschnitts „Die Deutschsprachigkeit der Juden" liest, bekommt man einen gelinden Schauder; die i) Imadsagos könyvecske. "Von Dr. Frankfurter Arnold. Magyarrä forditotta Dr. Deutsch Ernö, tabori rabbi. Verlag Schlesinger Jos., Wien, 1915. -) Juden und Deutsche. Eine Sprach- und Interessengemeinschaft. Von Davis Trietsch. Verlag R. Löwit, Wien, 1915.