Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- Seite 510 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229221--71709-3284065- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m ihnen die mannigfachen Probleme besprochen werden. Jede Predigt ist ein Stück Wirklichkeit, das von einem religiösen Standpunkte aus gesehen oder gefunden wird. Der Sinn für das Wirkliche und Wesentliche ist in den Mannschaften, die im Felde stehen, immer schärfer entwickelt worden. Denn vor einem jeden steht die harte Wirklichkeit mit ihrem Ernst und ihrer Gewalt. Jede Stunde hat 'ihre Pflicht und ihre Not, und so bleibt für die Rührseligkeit und die Empfindsamkeit keine Zeit, kein Raum in der Seele. Der stärkste Ausdruck des Gemütes wird das Handeln, die treue Erfüllung der Pflicht. Das Gefühl, das in das Innere zurnckgedrüngt wird, ist wortkarg, aber darum um so echter. Jeder steht mitten in den Ereignissen; sie sind nichts, was ihm vorgesührt wird und was er mit seinen Empfindungen begleiten könnte, sondern sie sind ihm ein Teil seines Lebens. Sehr vieles von dem, was die ^Kriegsberichte" und Kriegsgeschichten für die Heimat erzählen, bleibt dieser harten Wirklichkeit fern und fremd. Denen, welche nicht ihren bestimmten Platz der mühevollen Pflicht haben, sondern bald hierhin, bald dorthin gehen, um irgend etwas zu sehen, erscheint alles als ein Schauspiel. Der harte, schwere Ernst voller Arbeit und Hingebung steht vor ihnen immer als ein bloßes Bild, um desseutwilleu sie hergekommen sind nnd das sie schildern wollen mit möglichst bunten Farben, bald mit den hellen, bald mit den dunklen. Tie Erlebnisse werden gesucht und betrachtet nnd sind darum nur die Erlebnisse des Schauspiels. Bor dieser Gefahr, ein bloßer Zuschauer zu sein, nmß der Feldprediger sich hüten; sie würde seiner Predig: die Wirklichkeit und den Ernst, dessen seine Zuhörer bedürfen, bald nehnren. Schon um dieses Ernstes willen, um von anderem zu schweigen, ist es notwendig, daß die Predigt von allen sentimentalen Phrasen und allen Wortergüssen befreit bleibe. Und ebensowenig darf sie sich in der bloßen Fülle des patriotischen Klanges ergehen. Es ist bezeichnend, daß eine Rede dieser Art meist nur ganz geringen Eindruck machte, auch bei den einfachsten und bildungsävmsten unter den Soldaten; auch sie empfinden, daß die Vaterlandsliebe sich von selbst versteht. Dagegen wirkt immer stark ein offenes ernstes Wort, ein Wort, das begründen und erklären, das einen Gedanken geben will, welcher in die Tiefe der Wirklichkeit hinabzusteigen suchte, ein Wort, wie es ein ernster Mann zu ernsten Männern, welche das Leben kennengelernt haben, spricht. Nur dadurch wird der Respekt vor der Predigt und damit ein bleibendes Bedürfnis nach ihr gewonnen. Es zeigt sich auch hier, im Felde, daß die Predigt nicht hinuntersteigen darf, sondern enrporheben soll. Vielleicht hat jeder hier draußen eines vor allem gelernt: allein zu sein und zu schweigen. Wer das gelernt hat, der fürchtet sich vor dem bloßen klingenden Wort, sei es, daß er es anhören oder daß er es sprechen soll. Das vergangene Jahr hat jedem, draußen wie daheim, manches gelehrt, nicht zum mindesten dem, welchem Aufgaben der Seelsorge anvertraut sind. Der Sinn für den Ernst des Lebens ist gestärkt worden und damit das Bewußtsein davon, daß, wer für andere arlxüten will, vor allem an sich arbeiten muß. Prof. Dr. Georg Galland gestorben am^8. September J9\5. Zum Schluffe mögen nur noch zwei Notizen ihren Plah finden. Der „Germania" entnehmen wir Nachstehendes: Die Juden Polens danken Deutschland. Eine der größten jüdisch-amerikanischen Zeitungen in New Uvr ist „Die Wahrheit", die in einer Auflage von über 120 000 Abzügen erscheint. Sie berichtet unter der oben wiedergegebenen lieber schrift in ihrer Ausgabe von: 29. August des Jahres über die Stellnn der deutschen Negierung zu den Juden Polens. Der „Wahrheit" zufolg hat der Direktor der Reichskanzlei, U n t e r st a a t s s e k r e t ä W a h n s ch a f f e, sich gegenüber dem Komitee für den Osten, das sie, mit der Lösung der Ostjudensrage beschäftigt, folgendermaßen gl äußert: Es ist ganz selbstverständlich, daß wir alle Teile de polnischen Bevölkerung gleich behandeln. Unsere Behörden wurde: angewiesen, die Juden nach -den Grundsätzen der Gleichberechti gung und der Menschlichkeit gleich den anderen Nationalitäten z' beschützen. Wer die deutsche Staatsverwaltung kennt, weiß, daß wi vor allen: Gegner der Ausnahmebehandlung und der unmensll lichcn Verfolgung sind, denen die Juden in Rußland ansgeseb sind. Wir haben au den besetzten Pro vinzen ferne Br schwerden,. erhalten im Gegenteil Tan sende von Dankbrü fen für die Loyalitä. und Unparteilichte: unserer Verwaltung Aus dem „Berliner Tageblatt sei folgende Mittellung hier abge druckt, die einschon früher vor uns angedeutet Nachricht autheu tisch beleuchtet: Die nachstehend Uebersetzung einerussischen Beleb l zeigt deutlich, wi die Unterdrückung^ bestrebungen gegen die russischen Jude: ihren Ausgangspunl auch heute noch i den Ministerie: haben. „Ministerium des Inner n. Streng vertraulich. Zirkular. Verwaltung des Wilna er Post- und Telegraphenbezi rks. Nr. 38 880. 7. Juli 1915. Wilna. (Eingangsstempel.) Kownoer Post- und Telegraphenburean eingegangen 11. (24.) Juli 1915. Nr. 9570. Ten Vorstehern der Post, Telegraphen- und Postanstalten des Witnaer Bezirks. Der Wilnaer Gouverneur hat mir mit Verfügung vom 5. Juli cr unter Nr. 20 586 mitgeteilt, daß laut Mitteilung des Oberkomman dierenden des Dünaburger Militärbezirks der Oberkommandierend der Armeen der Nordwestfront besohlen hat, das Erscheine:: und die Verbreitung der Z e i t u w g e n i n jüdische r Sprache ebenso wie Annahme und Ausgabe vor: Korrespondenzen in dieser Sprache zu verbieten.