Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229221--71707-3284063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
508 ablehnend beantwortet, will auch den Durchzug russischer Truppen durch sein Land nicht gestatten. Die Russen halten hartnäckig in dem kleinen Teile Ostgaliziens, das sie noch immer seit 14 Monaten und länger besetzt halten, stand und leisten auch bei Dünaburg erbitterten Widerstand. Hoffentlich kann man bald melden, daß sie aus Galizien endgültig verjagt werden und daß ihr Widerstand in den Ostseeprovinzen gebrochen ist. Aber nicht allein auf der militärischen Schwäche Rußlands, an die wir trotz aller ihrer Hartnäckigkeit glauben, beruht unsere Zuversicht, wir gründen diese auch auf Rußlands Geldmangel. Denn es wird nun allgemein zugegeben, daß der russische Finanzminister von seiner zu den Verbündeten unternommenen Reise wohl mit Versprechungen, nicht aber mit einer Anleihe heimgekehrt ist. Das Telegramm, durch welches Rußland sich die jüdische Geldaristokratie gefügig machen wollte, indem es den Juden für die Zukunft Verbesserung ihrer Lage versprach, hat unterdessen eine sehr eigentümliche Beleuchtung erfahren. Das „Berliner Tageblatt" nämlich schreibt: . D i e beschränkte E r w e i t e r u n g b e r R echte der russischen I n b e n. Das fals ch e T e l e g r a m m W i s ch n e g r a d s k i s an Baron R o t h s ch i tl d. Die „Rjetsch" hatte in ihrer Nummer vom 10. (28.) September bas auch in der deutschen Presse vielfach erörterte Telegramm des Direktors ber Petersburger Internationalen Bank Wi schnell radski au Baron Rothschild in Paris veröffentlicht, das sich, anscheiuenb um bie Lonboner Hochfinanz den russischen Anleiheplänen geneigter zu machen, mit der angeblich von der russischen Negierung geplanten Erweiterung der Rechte der Juden befaßte. Das Telegramm enthielt die Absichten in ganz prägnanter Form, wonach den Inden bas Aufenthalts- und Grunderwerbsrecht für alle russischen Städte mit Ausnahme der Residenzstädte und außerdem das Recht zur Benutzung der öffentlichen Nnterrichtsanstalten eingeränmt werden sollte. Nunmehr sieht sich dieselbe Zeitung, „Rjetsch", genötigt, in ihrer Nummer von: 18. (26.) September darauf hinzuweisen, daß der darauf bezügliche Z i r k u l a r e r l a ß des M i n i st e r s des Innern andere Angaben enthielte, und sie schreibt daun: „Wir erhalten eine Reihe von Zuschriften nüt dem Hinweis auf die U u g e n a u i g k e i t des Telegramms. In der Tat, im Telegramm Wischnegradskis wird gesagt, daß den Juden in allen Städte u und kleinen Plätze n das Wohnen, mit Ausnahme der Haupte und Residenzstädte, gestattet sei, und daß ihnen das Recht, inrmobilen Besitz zu erwerben, für alle Plätze ihres neuen Aufenthalts eingeräumt sei; indessen ist int Zirkular des Ministers des Innern eine A u s n a h m e, nicht nur für die Haupt- und Residenzstädte Vorbehalten, sondern auch für die Orte, die dem Ressort des Kriegsministeriums unterstehen. Außerdem ist in dem Zirkular nichts davon g e s a g t, daß das Grunderwerbsrecht sich auch aus die Orte bezieht, für die sie erst von jetzt Ein Aufenthaltserlaubnis erhalten. Zur Aufklärung dieser Ungenauigkeit muß man die Aufmerksamkeit noch auf folgende Besonderheit lenken: Uns ist tatsächlich bekannt, daß im Telegramm Wischnegradskis, wie es von den „Times" veröffentlicht ist, ein ganz bestimmter Hinweis darauf enthalten war, daß die getroffenen Maßnahmen auch nach dem Kriege in Kraft bleiben sollten. Es war wörtlich in dem Telegramm gesagt: ..Otw mesure restera inconstablement cn vigiieur pour Favcnir.“ Es versteht sich von selbst, daß Herr Wischnearadski niemals dem Baron Rothschild Mitteilungen gemacht hätte, für deren Zuverlässigkeit er sich nicht hätte verbürgen können: noch weniger würde er sich erlaubt haben, Voraussagungen für die Zukunft zu machen, wenn er nicht dafür ganz begründete Unterlagen gehabt hätte. Wenn er also Rothschild versichert, daß die Erweiterung der Aufenthaltserlaubnis nicht nur für die Kriegszeit, sondern für immer bewilligt sei, so muß er zu solcher Mitteilung von autoritativen Personen ermächtigt worden sein. Wenn es sich andererseits herausstellt, daß im Zirkular weitere Beschränkungen enthalten sind als im Telegramm, so kann inan wohl ohne Fehler annehmen, daß zunächst die Erlaubnis in den Umfange vor geschlagen war, in dem Wischnegradski sie er wähnt und daß erst nach der Absendung dieses Tele ara m m s die Maßregel einer Veränderung nach der Seite der Beschränkung hin unterworfen worden ist." - Ob Baron Rothschild mit dieser Vorstellung sich absin-den wird, kani man füglich ihm überlassen. Jedenfalls geht sowohl aus dieser wi.' ans so mancher anderen Veröffentlichung hervor, daß die russisch? Bureaukratie eifrig bestrebt ist, die Versprechungen gegenüber de i Juden nicht zur Erfüllung kommen zu lassen. * In diesen Tagen (21. Oktober) wird die Erinnernn; an den Tag begangen, da vor 500 Jahren die Hohen zoll er n in den Besitz der Mark Brandenburg gelang ten. Von großen Feierlichkeiten wird natürlich bei i Ernst der Zeit entsprechend Abstand genommen. Abedie großen Zeitungen erwähnen des Ereignisses, dl? Direktor der Universität hat den Beginn des Wintersemester? (15. Oktober) mit einer diesem Ereignis gewidmeten Rede bl grüßt. Auch wir wollen nicht unterlassen, auf dies Ereigni? hinzuweisen. Durch die Hohenzollern ist die Mark Brandenburg groß geworden; ihr Einzug in die Mark, die Bezwinguni der widerspenstigen Adligen bedeutet einen großen Wendepun". in der deutschen und den Anfang der eigentlich preußische; Geschichte. Auch als Juden sind wir dem Hause Hohenzoller; zu Dank verpflichtet, wenn wir freilich in den vergangenen Jahr Hunderten durch sie manche Schädigung erlitten. Denn wir wollen in ewiger Dankbarkeit des großen Herrschers gedenke;, der den Aufklä'rungsgedanken in Preußen kühn aussprach, da? Andenken Friedrich Wilhelms III. segnen, der uns im Jahn? 1812 die Gleichstellung gewährte, den greisen Kaiser Wichel: : feiern, der im Jahre 1869 jede bisher noch existierende geseO liche Schränke niederwarf, das leuchtende Bild Kaiser Friedrich? vor unsere Seele stellen, der wie ein ritterlicher Verteidiger der Gerechtigkeit überhaupt auch ein grimmiger Gegner antisem - tischer Bestrebungen war und dem gegenwärtig regierende; Hohenzollern Kaiser Wilhelm II. das Gelöbnis unverbrüchlich; r Treue erneuern. Ihm, der bei Beginn dieses Krieges, in be i ihm und seinem Volke hoffentlich glorreicher Sieg beschrieben i , jeden Unterschied verwischte, der ehedem zwischen Juden un> Ehristeit gemacht wurde, und der wie alle anderen Parteien au i die Juden nur als Deutsche angesehen und behandelt wisst:! wollte. Möge es unserem Herrscher, dem treuen Erben iti i Bewahrer echt hohenzollernscher Traditionen, noch lange gegön t sein, seines Ehrenamtes zu walten, des Amtes, Deutschlcu D groß und stark zu machen, für alle Zukunft, und auch d;n Juden die würdige Stellung zu geben, die sie beansprucht u können. * In der vorigen Uebersicht ist eines Rundschreibens des Z e n t r a l k o n s i st o r i u m s der Israeliten in F x a nkre i ch an die neutralen Israeliten gedacht worden. I li versprach, darauf zurückzukommen. Hier ist sein Wortlaut: „Wir Israeliten, die wir Jahrhunderte hindurch Opfer d r Unbilligkeit und der Rechtsverkennung waren, haben stärker n Anlaß als andere, um im Namen der durch die Propheten ve - kündigten ewigen Gesetze die unserem Lande angetane GettnA zu verdammen. Der gegenwärtige Krieg ist dem friedlich n Frankreich aufgezwungen worden. Dieses Land hat, iun seinen auf Frieden und demokratische Arbeit gerichteten Idealen treu zu bleiben, die Drohungen und die wiederholten Provokationen eines unversöhnlichen Gegners erduldet, der sich vorbereitete, Frankreich aus der großen Reihe der Völker A streichen. Nachdem es in brutaler Weise angegriffen worden,