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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-15 · Heft 42 (15.10.1915) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 42 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 — Cannstatt, 8. Oktober. Der hiesige i s r a e l i t i s ch e F r i e d- [) o f auf der Steig hat in jüngster Zeit eine Erweiterung erfahren, und vor kurzem ist er in der neuen Form mit einer schlichten Feier it Betrieb genommen worden. Nach einem früheren Plan erhält?er anmutig aus der Hochebene der Steig gelegene Friedhof links ,tnb rechts Zuwachs an Belagfeldern, wovon nun der links her- ^erichtet worden ist. Eine neue, mannshoch voll aufgesührte Mauer, ulnvoll mit Pfeilern durchsetzt und mit einem schön geschmiedeten nngangstor versehen, schließt den alten und neuen Friedhof nach iußen ab. Die rechtsseitige Geländeerweiterung wird erst später rfolgen, und nach dieser Seite bildet einstweilen eine Bretterwand ^cn Abschluß. Den künstlerisch wichtigsten Teil der Erweiterung ildet sodann die Erhöhung und Neugestaltung der Friedhofsa p elle. Die Grundform derselben, ein bescheidener Vierungsbau mit Hinterem Ausbau der Apsis und mäßiger Kuppel, wurde beinhalten; es bekam lediglich die Kuppel außen einen achteckigen -leberbau, wodurch die äußere Wirkung der Kapelle von Grund aus verändert wurde. Diese Erhöhung soll dann später durch den seitichen Anbau eines niedrigen, langgestreckten Leichenhauses, welches nif das Gelände der geplanten rechtsseitigen Erweiterungen zu iegen kommt, eine Bindung erfahren. Jetzt wirkt die neue Kapelle ast übermächtig, weil die Grundlage der späteren Wirkung noch ehlt. Die Erneuerung bietet jedoch auch so ein erfreuliches Bild, nie Architekten, die Herren Negierungsbaumeister Bloch und muggenheimer in Stuttgart, haben es vorzüglich verstanden, die l9elheit und Zersplitterung des ehemaligen Eindrucks in Form und färbe aus eine würdige Einheit zu rückzu führen. Die Kapelle ist ninmehr ein wohltuend gegliederter Baukörper, und das einheitiche Putzkleid wie die warme Farbe der Dachbedeckung unterstützen uese Wirkung in vortrefflicher Weise. In der Tat ist hier mit ganz wenigen Mitteln eine reizvolle Veränderung vor sich gegangen, und venn auch die beabsichtigte spätere Wirkung noch nicht auskommt, o bietet namentlich der Blick aus der Friedhossallee -auf die Vordereite der Kapelle bereits ein so farbensicheres und klares Bild, daß uan jedenfalls mit freudiger Erwartung der Vollendung, der Baupsichten entgegensehen darf. Im Innern ist nur die Bestuhlung ieu. Die Raumbildung ist die alte und ist lediglich mit den Künsten 'er Farbe erneuert worden. Mit einem weichen Grau als Gründen, einem matten Blau und altschimmernden Gold für die Ornanentik wurde hier eine dem israelitischen Sakralbau besonders u'gene, gedämpfte und verhaltene Raumstimmung erzeugt. Der 3oden ist in Terrazo ausgeführt und gibt in seiner tiesgrauen lönung eine würdige Grundlage. Weitere Farbenwerte geben dann ue braunen Türen sowie die Stühle und die Kanzel. So haben ne romanisch-islamitischen Grundformen des Raumes eine zeitgemäße Erneuerung erfahren, und das gelungene Werk ehrt auch lier die Künstler, welche mit noch bescheideneren Mitteln als am äußern eine kleine Ausgabe in fürsorglichster Weise durchgeführt mben. tzollsnü. 2XD den Haag, 8. Oktober. Die Septembereingänge des I ü dich e n N a t i o n a l s o n d s beliefen sich mtf 4 0 7 6 2 M a r k. Zu ieser Spendeufumme haben beigetragen: Nordamerika 17 307 Mark, lesterreich 10 419 Mark, Deutschland 7273 Mark, Rumänien 1635 Nark, Südafrika 959 Mark, England 895 Mark, Argentinien ^9 Mark, Holland 508 Mark, südslawische Länder 422 Mark, Griechenand 403 Mark, Rußland 210 Mark und Dänemark 42 Mark. Es ist on Interesse, daß selbst in den aufs schwerste und.unmittelbar vom Kriege heimgesuchten Gebieten die Sammelarbeit für den Nationalonds nicht völlig aufgehört hat. So wurde zum Beispiel aus einer Festung in Russisch-Polen wenige Tage vor ihrer Eroberung durch ne deutschen Truppen ein größerer Spendenbdtrag an das Haupt- 'ureau des Jüdischen Nationalsonds abgeschickt. Die Lemberger lationalfondskommission wiederum hat kurz vor dem Einfall der lassen alle in der Stadt verteilten Sammelbüchsen des Nationalsonds inziehen lassen und sie zur sicheren Aufbewahrung gegeben. Nach me vor fließen dem Nationalfonds namhafte Spenden aus den Schützengräben aller Fronten zu. Sänrmsrlr. 2. Kopenhagen, 8. Oktober. Die hier erscheinende „Jiddische lolkszeitung" berichtet aus London: Ueber 25 000 Juden befinden sich n der englischen Armee. Diese Tatsache wird von Rabbi Herz und Rabbi Adler, die vor kurzem vom belgischen Kriegsschauplatz zurückgekehrt sind, sowie auch vom englischen Kriegsminister bestätigt. An der Front befinden sich jetzt nicht weniger als 20 000 Juden und in den militärischen Lagern in England selbst nicht mehr als 5000 jüdische Soldaten. Wenn man in Betracht zieht, daß es in England im ganzen 220 000 Juden gibt, so stehen jetzt 10 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Englands unter Waffen, eine verhältnismäßig sehr große Zahl. Ueberall gibt man zu, daß die Juden großen Patriotismus an den Tag legen. Sie waren die ersten, die dem Kriegsruf Folge geleistet haben. Aus den Schlachtfeldern bewiesen sie seltenen Opfermut. „Kein englischer Soldat hat bis jetzt mehr Tapferkeit und Fähigkeit bewiesen als der jüdische", war die Meinung, die French öffentlich sagte. Im englischen Kriegsministerium und überall erkennt man die Ergebenheit und Opferwilligkeit der jüdischen Soldaten an. Die Rabbis Herz und Adler stellten eine spezielle Untersuchung an und organisierten die jüdischen Soldaten, um für sie spezielle Gottesdienste abzuhalten. Aus diese Weise wurde genau festgestellt, wieviel Soldaten in der englischen Armee dienen. Unter den jüdischen Soldaten und Offizieren befinden sich Vertreter aller Schichten des englischen Judentums, von den reichsten bis zu den ärmsten; viele Söhne von Rabbinern sind schon gefallen. Die jüdischen Aristokraten, wie die Familie Rothschild und andere, schickten ihre Söhne in die Armee. Eine interessante Tatsache meldet der bekannte jüdische Schriftsteller Zangwill, daß zehn Prozent der Zuaven (aus Algier) Juden seien. Grsterrrich-Angsrn. 2. Wien, 8. Oktober. Der zurzeit älteste Oberkantor in Wien Alois K u l k a beging kürzlich den Gedenktag seiner fünfzigjährigen Amtstätigkeit als Oberkantor. Der Jubilar, der im 74. Lebensjahre steht, war ehemals Schüler des Wiener Konservatoriums und wirkte auch in den Jahren 1872 und 1873 als Vertreter der Oberkantoren Professor Salomon Sulz-er und Josef Goldstern. Aus dem reichen Vorne seines beruflichen Könnens und Wissens schöpften auch viele Schüler und bedeutende Kantoren, so unter den letzteren der Oberkantor der Kultusgemeinde in Budapest Professor Adolf Lazarus und Oberkantor E. B i r n b a u nr in Königsberg i. Pr. — Der vor kurzen: an einen: Herzschlage verstorbene Baron Hermann v. K ö n i g sw a r t e r war mit einer seinetwegen zum Judentum übergetretenen Christin verheiratet. Sein Vater hatte deshalb letztwillig verfügt, daß er von der Millionen- Erbschaft 1 Million an seinen Bruder zahle:: müsse, wenn er seine Kinder taufen lasse. Kurz nach dem Tode des Vaters ließ sich Baron Hermann mit Frau und Kind taufen und zahlte die 1 Million. Später wurde die Ehe geschieden und der Baron vergeudete sein Vermögen aus der Börse und beim Pferderennen. — Der Verein zur Errichtung von Volksküchen nach israelitischem Ritus in Prag erläßt folgenden Aufruf: Dem Verein ist es bisher, ohne fremde Hilfe in Anspruch zu ndhmen, unter unsäglichen Opfern gelungen, seinem hohen Ziele nachzukommen: den Kriegsflüchtlingen in Prag um ganz billigen Preis streng koschere Kost zu verabreichen. Das ist jetzt anders geworden: seit mehr als zwei Monaten ist die Zahl der — meist gänzlich mittellosen — streng frommen Soldaten, die als Verwundete oder Kranke in den Spitälern und als Gesunde in den Kasernen untergebracht sind und deren Verpflegung der Verein in Ermangelung anderer Faktoren selbst ohne Entgelt übernehmen mußte, ungemein gewachsen: unsere ohnehin geringen Mittel sind bald zu Ende und wir müssen, wenn nicht bald Hilfe kommt, unsere Tätigkeit einstellen. Wir wenden uns daher an die jüdische Oeffentlichkeit mit der innigen Bitte, dem Vereine durch möglichst ausgiebige Unterstützungen, sei es durch einzelne oder ganze Körperschaften, die Weiterführung seiner Aufgabe zu ermöglichen. Geldspenden werden erbeten an Dr. Lieben, Prag, V., Bilekgasse 3. —- Das österreichisch-ungarische israelitische Militärsorgeamt hat für seine Gläubigen und fi':r die ins Feld Ziehenden ein kleines Andachtsbüchlein vorbereitet, das vom Feldrabbiner Dr. Arnold Frankfurter verfaßt und vorn Feldrabbiner Dr. Ernst Deutsch ins Ungarische überseht wurde. Vierzigtausend solcher Büchlein sind bereits verteilt, aber noch unendlich viele Soldaten wären damit noch zu beteilen, wenn die Kosten aufgebracht würden. Sie sind nicht groß, der Verkaufspreis beträgt 24 Heller. Eine zweite Bitte geht dahin, die Kultusgemeinde, welche aus der israelitischen Abteilung des Zentralsriedhofes einen Heldenhain für die

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