Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- Seite 504 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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604 flüstere ich ihnen unter Tränen nach, „kommt alle wieder! Singt auf dem Rückweg auch alle, alle wieder mit!" Vor einzelnen Schaufenstern staut sich die Menge. Ein neues Extrablatt? „Die Fünfmilliardenforderung im Reichstag einstimmig bewilligt." Die Sozialdemokraten, alle, alle Parteien einig. Das Kaiserwort: „Ich kenne keine Parteien mehr, nur Deutsche." Vom Turme läuten die Glocken. Ist es ein Sieg? Läuten sie das gewaltige Kaiserwort ein, das vielleicht — mag nun kommen, was da wolle — unser größter, allumfassendster Sieg, der Sieg aller Siege ist? Das Zeichen, in dem wir alles überwinden? „Noch nie ist Deutschland besiegt worden, wenn es einig war." Als die Kriegsglocken klangen, da sind alle Streit- und Parteifragen, die mißtönig durch das Land gellten, still geworden. Und da ist es auch im Herzen der kleinen Esther Lamm still geworden; denn die kleine Esther Lamm hat eingesehen, daß es aus so ein einzelnes, kleines Menschlein gar nicht ankommt in der Welt, in der jetzt so viele Tausende, Bessere und Gescheitere, ihr Leben in die Schanze schlagen, und daß es gar nicht so wichtig ist, ob ein winzig Menschenherzlein seinen Willen bekommt oder nicht. Und sie hat eingesehen, daß sie sich nur dadurch verdienen kann, die große Stunde mitzuerleben, daß sie sich mit Herz und Verstand das Wort zu eigen macht, das ihr als Kind so schuldhaft-unangenehm, so freudlos-streng in die Ohren klang: „Bete und arbeite!" Sie will versuchen, ihren Pflichten gerecht zu werden, den Kranken, und fürs erste auch den Gesunden, gegenüber. Daß sie ihren Eltern eine bessere Tochter werde — sie weiß, sie hat da viel versäumt in ihres Herzens Bitterkeit —, milder und geduldiger über ihrer Mutter Schwächen denke und dem Vater ein wenig zur Seite stehe. Vielleicht kann er sich doch einmal etwas mit ihr überlegen. Jedenfalls soll er merken, daß jemand da ist, der es gut mit ihm meint. Und damit schließt Esther Lamm ihr Tagebuch, denn sie wird — hoffentlich — keine Zeit mehr zum Schreiben haben. Sie wird „beten" und „arbeiten". Ihr Gebet soll ihre Arbeit, ihre Arbeit ihr Gebet sein. Amen! Sv! Und nun will ich anfangen. Literarische Mitteilungen. — E ourad Simonsen: G e o r g B r a n de s : Moderner G c i st in Däne m a r t Vom Verfasser bearbeitete und autorisierte deutsche Ausgabe in Uebertragung von Alfred Voigt. Leipzig, Hammer-Verlag (Th. Fritsch). 1914. Wie der Verlag beweist, in dem diese Schrift erschienen ist, handelt es sich um eine gemeine Schmähschrift gegen einen hochverdienten Mann jüdischen Ursprungs, der uns, obgleich er konfessionslos geworden, also einer anderen Glaubensgemeinschaft nicht beigetreten ist, da er seines Ursprungs wegen -angeklagt und geschmäht wird, als einer der Unserigen doppelt wert geworden ist. Das Buch Zerfällt außer einer Einleitung m sechs Abschnitte: Lebensgang, Freiheitsapostel, Auffassung von Kunst und Literatur, Religionshaß, Dänenhaß, die liberaldänische Periode, ist eigentlich aber nur eine zusammenhängende Reihe bösartiger Schimpfereien. Das großartige Verdienst von Georg Brandes, das darin besteht, die dänische Literatur Europa näher gebracht, den Einfluß des Auslandes auf Dänemark und die Wirkung Dänemarks auf Europa dargetan, die allgemeine neuere Literaturgeschichte nach großen Gesichtspunkten erörtert, die Idee der Freiheit in ihrer allmählichen Entwicklung nachgewiesen, in glänzenden Bildern die Persönlichkeiten und literarischen Erscheinungen aller europäischen Nationen dargestellt zu haben, wird einfach übergangen. Dagegen ist die Absicht des Verfassers: darzutun, daß der Einfluß von Brandes als eines kosmopolitisch und irreligiös gesinnten Mannes für Dänemark unheilvoll gewesen sei und daß die eigentliche Kulturentwicklung Dänemarks nur vom engbegrenzten nationalen Standpunkte aus möglich sei. Der letzte Abschnitt des Buches, der unser ganzes Interesse zu erheischen scheinen möchte, überträgt die Schimpfereien, unter denen sonst nur Georg Brandes selbst zu leiden hat, auch auf seine Brüder, ferne auf Gustav Eßmann und Peter Nansen und setzt auseinander, daß nu diejenigen etwas Bedeutendes leisteten, die sich bald vom Brandesianrs mus lossagten, wie Holger Drachrnann und Karl Gjellerup, oder die jenigen, die mit diesem Anführer gar nichts zu tun hatten. Zwei Ab schnitte seien hier mitgeteilt, obgleich es mich ekelt, aus der schmutzi gen Schrift überhaupt etwas abzudrucken. Der eine lautet (S. 187): „Weder die, die sich jederzeit fern vom Brandesianismus hielten, noe, die, die sich von ihm losrissen, waren sich dessen völlig bewußt, daß de Gegensatz zwischen ihnen und dem Brandesianismus weit weniger an' einem Unterschied in literarischer Auffassung als auf Rassenunterschie > beruhte. Jüdischer Geist war es, der darauf lauerte, mit Hilfe de' Sozialdemokratie zur Macht zu kommen, nicht allein in merkantiler, auch in kultureller Hinsicht, nicht jüdischer Geist in seiner ehrenhaften Form, sondern sein Zerrbild: das liberal-atheistische Judentum, von dem auch alle Juden, die sich zu ihrer Rasse bekennen, Abstand nehmen. Der andere, der Schluß des Ganzen, hat folgenden Wortlaut: „Di Befreiung vom Brandesianismus tritt ein, sobald wir uns unsere Germanentums bewußt, sobald wir des Besseren belehrt werden, dw dre Zusammenschmelzung mit einer so fernstehenden Rasse wie de semitischen zur Auslöschung unserer besten Eigenschaften führt. D l wir bis jetzt naiv diese Tatsache ignorieren, sogar zuvorkommend all Pforten des Landes den Juden geöffnet haben, müssen wir es erleben, daß dieses Volk unsere Oberschicht, unsere Elite bildet, daß wir selbst zu untergeordneten Arbeitern herabzusinken beginnen und nur de jüdischen Parole zu gehorchen haben." Solche Uebertreibungen, die mit dem Schmählichsten zusammen zustellen sind, was die deutsche antisemitische Presse sich geleistet ha: richten sich selbst. Die ganze Schrift ist nicht nur einseitig, sonder gänzlich verkehrt: es ist dem Verfasser weder gelungen, Brandes Weset durch seine jüdische Abstammung zu erklären, noch seine große uni heilsame Einwirkung auf das dänische Geistesleben und dessen An erkennung in Europa zu leugnen. Mit wüsten Schimpfereien kan: man die Lebensarbeit eines bedeutenden Mannes nicht leugnen um vermag nicht einen wichtigen Abschnitt aus der Literaturgeschicht eines Landes zu streichen. L. G. Lprrchlaal. Verehrliche Redaktion! Was Herr Oberkantor Zivi in seinem Artikel zum „Gemeinde gelang" in Nr. 39 Ihrer geschätzten Zeitschrift ausführt, ist in de: Hauptsache den tatsächlichen Verhältnissen nicht entsprechend. Her- Zivi hält unsere Gemeinden für einen „geordneten Gemeindegesang noch nicht reis. Die Argumente, die Herr Zivi für seine Behaup tnng ins Feld führt, mögen für die eine oder andere Landgemeinde noch zutreffen, im -allgemeinen aber herrschen selbst in kleinen Ge meinden, die einen Lehrer an ihrer Spitze haben, geordnetere Ver hältnisse, als Herr Zivi sie uns schildert. Sooft ich Gelegenheit hatte, dem Gottesdienst der verschiedensten Gemeinden beizuwohnen habe ich die Beobachtung gemacht, daß Ruhe, Ordnung und Anstand insbesondere da herrschten, wo die Gemeinden gesanglich am Gottes dienste sich beteiligten. Weder „Brüllen" noch „Poltern und Lärmen' habe ich da vernommen, und mein Ohr ist für solche Unarten sehr empfindlich. Sobald die Gemeinde mitbeschäftigt wird, sich nämlicl aktiv am Gottesdienst beteiligt, hört auch das störende „Schwatzen usw. von selbst auf, das Herr Zivi mit Recht als mit der Würdemes Gottesdienstes unvereinbar hält. Und die Gemeinde ist dankbar ihrem geistlichen Führer, der für die Hebung des Gottesdienstes {-ein ganze Kraft einsetzt. Hier in unserer Gemeinde singen wir an ge wohnlichen Sabbaten: Es sellem. hoel liamelech . . Kodosch . . . Schmäh jisroel, Keduschoth — Aus- und Einheben —, En Keloheni mit Unisono-Chören. Was hier möglich ist, sollte in anderen Ge meinden unmöglich sein? Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg — Nichts freilich liegt mir ferner, als dem Gemeindegesang aus schließlich das Wort zu reden. Die Führer der Gemeinden müsset! am besten die religiösen Bedürfnisse ihrer Gemeinden kennen. Eins schickt sich nicht für alle, ist nirgendwo mehr am Platze als hier: es läßt sich nicht alles nach Schema F modeln. Hier wünscht man Gemeindegesang und dort ist er verpönt. Mir scheint der Mittelweg der geeignetste: neben künstlerischem Chorgesang einfacher feierlicher Gemeindegesang. — Sollte uns für den Letzteren in absehbarer Zeit ein geeignetes „Gesangbuch" erstehen, dann wäre wohl der Streit um den Gemeindegesang erledigt. Meschede Hochachtend Alex Herz.