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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-15 · Heft 42 (15.10.1915) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 42 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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503 vielleicht geht es auch heute, wo ich die größte, die feierlichste,! ie heiligste Stunde meines Lebens erlebt habe. Aber nein, nach der Reihe! Bald kommt das Margotle von ■ ausdorffs zurück. Soll sie die große Schwester so sassungs-! >s, so unbeherrscht finden? Sie hat ja einen Anspruch auf i >ein Schicksal, der wackere, kleine, goldene Kamerad. Alles . all ich ihr sagen, nur muß ich es selber erst wissen. Wie war es doch? Langsam, langsam, Esther! Den Kopf i die linke Hand genommen, die Augen eine Minute gehlossen — so, siehst du, so geht es schon. Also um 5 Uhr warst du schon am Denkmal. Da kam dir iner entgegen, der Josua war und doch nicht Josua. Nicht der, i dessen bleichem Antlitz tausend unruhvolle Fragen zehrten, ein, einer mit heißgeröteten Wangen, mit flammenden Augen,! denen es wie eine heilige Erfüllung glühte. Und der Josua, er andere, der neue, kam auf dich zugestürzt: „Esther, warum rst jetzt? Esther, wie kannst du mich jo warten lassen!" Seine llimme bebte vor innerer Hast und Ungeduld. Ich ließ mich ichelnd von ihm in den Park ziehen, ich zeigte nur stumm nach er Turmuhr zurück, von der es zum Ueberfluß auch noch erade fünf schlug. Er sah und hörte es nicht. Wir waren schon n der Bank, und er merkte nicht, wie er meinen Arm mit eiden Händen immer von neuem drückte. „Esther, was sagst » zu meinem Glück! Esther, weißt du schon mein Glück?" „Nein, Josua, wie soll ich denn?" gebe ich in leiser Angst urück. Er hört auch das nicht. Aber sein Glück muß ihm zu groß sein, als daß er es so hnell herausbringen kann. „Esther, ich bin — sie haben mich genommen. Hörst du, sther? Du weißt doch, ich war zu schmalbrüstig, ich bin ainals für dauernd dienstunfähig erklärt worden. Sie haben rich genommen, Esther — Menschenkind, sitz doch nicht so steif nd starr da —, sie — haben — mich —genommen." Er schreit ür mit fast zorniger Betonung jedes Wort zu. „Und du bereifst das gar nicht? So freu dich doch mit mir, Mädchen! etzt daheim sitzen und zusehen, wie die anderen das Vaterland erteidigen — Esther, sei nicht böse, du kleines, bleiches Mädchen, aber ich glaube, ich hätte mir etwas angetan, ich ätte" — er merkt nicht mehr, daß so etwas wie eine Lähmung ber mich gekommen ist, daß ich ihn anstarre, wie entgeistert, llie ein Wunder erscheint mir das alles, wie ein ersehntes, errliches, heiliges Wunder. Er merkt nicht, daß seine Worte sich berstürzen, daß er sie bald so leise, daß ich sie nicht hören, ald so mitten aus seinen Gedanken heraus, daß ich sie nicht erstehen kann, sagt. „Am zwölften können sie vielleicht schon n —" Er fährt weiter mit dem Finger über die kleine Landarte, die er jetzt auf seinen Knien ausgebreitet hält. Er acht einen Weg für die Freunde aus Palästina, er rechnet aus, aenn sie in der Heimat sein können, die Oesterreicher und die deutschen. Nicht einen Augenblick denkt er daran, daß sie 'gern könnten, ihr mühsam erkämpftes tägliches Brot aufageben, die weite, beschwerliche Reise anzutreten. „Esther, wir aben — gestern abend um zehn bin ich hier angekommen, die lüge gehen ja jetzt wenig, ich ging gleich in die Versammlung. Vir haben — es ist Vereinsbeschluß: alle Nichtgedienten und lle Minderjährigen haben sich freiwillig zu melden." „Josua!" Ich schreie es durch den Park. Ein Glück daß jetzt üner außer uns beiden Lust hat, einsame Promenadenwege u gehen. Das Leben spielt sich vor den Redaktionen und itfaßsäulen ab, vor denen man auf Extrablätter wartet, oder n den Straßen, in denen man Spionen nachrennt, die nachher ■ax keine sind. Wir haben unsere Vaterlandsfeier für uns. Kein menschlich )hr hört meinen Jubelschrei, kein Auge sieht unseren ersten, esegneten Kuß. Ich weiß, mein Josua, er galt nicht mir, er alt Größerem, einem Gefühl, das weit hinausragt über die Neigung zu einem armen, kleinen Mädchen, er galt deiner hohen, inbrünstigen Freude, deinem Vaterland zu dienen, es wahrhaft und in echter Weise lieben zu dürfen. Wir haben das Wort „Liebe" und „Verlobung" nicht erwähnt, und doch, mein Josua, mit diesem Kuß habe ich mich dir anverlobt fürs ganze Leben; komme nun über uns, was da wolle. Was hindert noch den Weg von mir zu dir? Was kann uns noch auseinanderhalten? Der Tod? Er droht jetzt allem, was jung und begeisterungsfähig ist. Uns kann er nur vereinen, nicht trennen, komme er auch über den einen in Wochen und über den anderen vielleicht in Jahrzehnten. Streitfragen gibt es nicht zwischen uns. Was sind all die Nebenfragen, ob der eine seinen Glauben so ansieht und nennt und der andere so? In der Hauptfrage sind wir ja doch einig, einig gegen euren Willen, gegen euer Wissen. Siehst du, Josua, wer hat nun recht gehabt: das friedfertige, kleine „Weib mit dem Weiberverstand" oder der weitschauende Mann, der streitbare Kämpe? Er drückt mir von neuem leise die Hand, er ahnt nichts von meinen Gedanken. „Ich denke, in acht Tagen werde ich mich dir schon in der Uniform zeigen können, da schicke ich dir mein Bild." „Und dein langer Rock?" Es ist mir entschlüpft. Ich erschrecke inmitten meiner hochgemuten Stimmung. Es war Leichtsinn von mir, diesen Gegenstand des Streites zu berühren. Und er hört gar nicht den Nebensinn, ganz harmlos, mit seinem friedvoll verklärten Lächeln sagt er: „Ja, der muß nun vor dem Waffenrock fallen, wie so vieles andere." Er hat ganz arglos etwas rein Praktisches, Alltägliches sagen wollen und doch damit so unermeßlich Umfassendes ausgesprochen. „Josua! " Nein, nein, er hört nicht den Triumph in meiner Stimme. Nichts, nichts stört unsere Weihestimmung. Ich könnte ihm jetzt nichts von Dr. Barth erzählen, es müßte ihn ja herabstimmen. Was hat Dr. Barth und seine enge Sorge, ob die weltgeschichtlichen Ereignisse dem Zionismus schaden oder nützen, mit denen zu tun, deren einstimmiger Beschluß es ist, als Freiwillige sich zu melden? Ich möchte ja auch nicht, daß man uns den Mühlenbesitzer Salomon anhinge. Faselhelden und Drückeberger gibt es wohl überall. Und die Jwria und der K.C. haben „einstimmig beschlossen" — So bedichtet der Mann die Fremde, das „Gohluß". „Und was tust du nun, Mädel?" fragt Josua, als ich das Gedicht gelesen. „Ich werde Verwundete pflegen, Josua, morgen beginnt der Kursus." „Recht so, Esther. Hier im Ort?" „Ich weiß es nicht. Wo ich gebraucht werde. Ich habe mich auch für das Feld verpflichtet." Da geht eine Wandlung vor in dem Gesicht, das für mich allzeit so merkwürdig durchsichtig ist für alle Empfindungen. Fast zornig in seiner Angst schüttelt er meine beiden Arme: „Ich will dich wiederfinden, wenn ich zurückkomme. Hörst du, Mädchen? Ich will dich wiedersinden." »Ja, Josua, so Gott will. Ich will auch auf dich warten, überall. Gott schütze und behüte dich!" Ganz fromm ist uns zumute geworden, ganz fromm. Ich gehe still nach Hause. Der Lärm in den Straßen hat mich sonderbar angemutet, als ich allein aus dem stillen Park trete. Eine Kolonne Feldgrauer marschiert an mir vorbei dem Bahnhof zu, eine Blume am Gewehr oder an der Helmspitze. Sie singen: „Heute noch auf flinken Rossen, Morgen durch die Brust geschossen." Mir stürzen die Tränen hoch. Die jungen, jungen Kerle! In jedem einzelnen sehe ich Josua, in jedem, dessen Wunden ich verbinde werde, werde ich Josua sehen. „Kommt wieder,"

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