Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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498 stark. Hier organisierte sich die Truppe und stand untätig. Es war dies ein günstiger Konzentrierungspunkt; der Wald, in welchem das Lager aufgeschlagen wurde, war von Slawuta anderthalb Meilen, von Minkowice eine halbe und von Szepetowka und Kamionka zwei Meilen entfernt. Die Edelleute der Umgegend versorgten das Lager reichlich, vielleicht allzu reichlich, mit Proviant usw. Nach Ansicht der Fachoffiziere war dies aber kein geeigneter Punkt, um eine Schlacht anzunehmen. Auf dem ganzen Territorium Polens tobte bereits der Kampf, an manchen Stellen, wie in der Ukraine, hatte er bereits ein blutiges und trauriges Ende genommen. In Wolhynien hielt Chranicki noch stand, Rozycki machte Kreuz- und Ouermärsche, die den Russen rätselhaft und geheimnisvoll erschienen. Nach Ehranickis Schlappe erreichten die Neberreste das Lager bei Minkowice. Machczynski wurde durch Ciechonski ersetzt. Im Lager herrschten Unordnung, Disziplinlosigkeit und ein ganz und gar nicht feldlagermäßiger Luxus. Tie Führer hielten Rat, wer mit dem Kommando zu betrauen sei. Die Majorität war für Chranicki, der bereits die Feuertaufe bestanden hatte und die so notwendige Mannszucht zu halten verstand. Aber der im Lager versammelte Adel war dagegen. An Disziplin und Strenge nicht gewöhnt, fürchtete er Chranicki. Die Seuche der Insubordination teilte sich auch Ehranickis Abteilung mit, so daß Ochvcki aus Zytomierz vor ein Kriegsgericht gestellt werden mußte. Sein Verschulden muß wohl ein schweres gewesen sein, da er zum Tode verurteilt wurde. Aber auf Fürsprache der Kollegen und des ganzen Korps wurde ihm das Verschulden verziehen. In solch einein kritischen Moment, am 21. Mai, als Chranicki sich bereits entschlossen hatte, das Lager zu verlassen und auf eigene Faust zu operieren, wurde gemeldet, daß die Russen im Anzuge seien. Ich werde hier nicht die Schlacht schildern. Sie war für die Polen ungünstig. Die nicht sowohl durch das Herannahen des Feindes, sondern mehr noch durch seine numerische Ueberlegenheit hervorgerusene Panik trug nicht wenig zur Niederlage bei. Man darf nicht vergessen, daß dieser ein beinahe strenger Soldat war, dem es nicht an Mut und Kampfeslust gebrach, aber einfach an militärischer Uebung. Aber bei jeder Schlappe kann der Historiker jener Epoche trostreiche Tatsachen verzeichnen — heldenmütige Aufopferung und Mut. So geschah es auch bei Minkowice. Der Kaplan Tarkvwfki und der Offizier Kraszenski brachten beinahe die Wagschale des Sieges auf unsere Seite. Der Feldgeistliche mit dem Kreuze in der Hand und Kraszenski mit gezogenem Säbel warfen sich an der Spitze der Mannschaft mit dem Losungsworte: Siegen oder sterben! der russischen Infanterie entgegen und begannen, ihre Reihen zu durchbrechen. Die Infanterie begann bereits zu weichen, und ein Sieg hätte vielleicht die Tapferkeit der braven Männer gekrönt, wenn nicht beide in diesem blutigen Gefecht gefallen wären. Ebenso tapfer und umsichtig erwies sich Grünbaum. Als der Sieg endgültig auf seiten der Russen war, verstand es Grünbaum, gegen hundert Mann um sich zu scharen, und mit Vieser Schar schlug er sich mit seinem Kameraden und Freunde Lobieniecki durch die feindlichen Linien durch. Die Russen verloren ihn aus den Augen. Grünbaum, der einen Bauer zum Führer hatte, schlug ein Lager in den Waldungen beim Dorfe Pluzne, 20 Kilometer von Ostrog entfernt, aus, mit der Absicht, die Versprengten zum weiteren Kampfe an sich heranzuziehen. Unterdessen aber verriet der Führer den Jnsurgentenschlupfwinkel den Russen. Die Russen wußten nicht, daß dies Ueberreste des Minkowicer Korps waren, und waren vielmehr überzeugt, vor sich eine neue Schar zu haben. So lauteten auch die offiziellen russischen Rapporte. Auf die Kunde von einer Jnsurgentenabteilung bei Pluzne rückte am 24. Mai 11 Uhr vormittags der Stabskapitän der zwölften Rotte des Orlowskiregiments, Czuprunowski, unter Assistenz des Polizeichefs Nechajew, eines Revierbeamten, mit einem entsprechenden Aufgebot von Bauern aus. Sie marschierten gegen Miakota und Siekierzynce. Nach eingehender Terrainrekognoszierung stellte es sich heraus, daß Grünbaums Schar sich im Walde nördlich von Miakota befinde. Und so rückte die ganze Rotte mitsamt dem Bauernaufgebot auf Vorspannwagen ins Dorf ein. Tags darauf brachte Czuprunowski in Erfahrung, daß das Jnfurgentenkorps aus einer kleinen Insel kampiere, die mit Gestrüpp bedeckt und von Sümpfen und einem Flusse umgeben sei. Nach jenem Jnselchen waren die Aufständischen über einen schmalen, mit Zweigen ausgelegten Steg gelangt. Czuprunowski beschloß also, Grünbaum von dieser Seite anzugreisen. Die Bauern, froh, daß ihnen die Gelegenheit zu rauben nicht aus den Händen schlüpfe, machten Czuprunowski darauf aufmerksam, daß von der Seite des Dorfes Chotnia ein Uebergang vorhanden sei, über welchen die Insurgenten entweichen möchten. Der Kapitän dirigierte also einen Teil seiner Mannschaft nach dieser Richtung, um den Uebergangspunkt abzusperren. Nachdem sie die Position rekognosziert, überzeugten sich die Russen, daß die Polen sich gut befestigt hatten, und daß die Eroberung des Lagers kein leichtes sein werde. Der Kapitän machte also von der in ähnlichen Fällen üblichen Weise Gebrauch: er forderte Freiwillige auf. Ein Leutnant Jezowski bot seine Dienste an. Ein Häuflein Soldaten zusammenstellend, rückte er kriechend vor, einige Bauern als Führer mitnehmend. Hinter ihm marschierte Czuprunowski mit der übrigen Mannschaft. Es entspann sich ein Kampf, zu welchem Grünbaum sich gehörig vorbereitet hatte, indem er Verhaue angebracht und die Uebergänge verrammelt hatte. Die Russen bedrängten mit Hilfe der Bauernhaufen mit erdrückender Uebermacht das Jnselchen und durchbrachen die polnischen Reihen hintereinander. Der Kampf war ein erbitterter und endete beinahe mit der vollständigen Vernichtung der Jnsurgentenschar. Diejenigen, welche nicht von einer russischen Kugel fielen, fanden den Tod in den Sümpfen oder im Flusse, und die Russen und Bauern gaben ihnen den Gnadenstoß. Aber der größte Sieg, mit welchem Jezowski sich brüstete, war die eigenhändige Ermordung Grünbaums. Der tapfere Leutnant rühmte sich in einem Rapporte an den Generalstab in Kiew nicht nur dieser Tat, sondern legte auch ein eorpus delicti vor, einen beim Leichnam Vorgefundenen, am 14./26. September 1862 Z. 1060 ausgestellten Reisepaß für Grünbaum. Indem er diesen Reisepaß abschickte, ahnte er nur nicht, daß er von Grünbaum geschickt hinters Licht geführt wurde. Da er wußte, daß jeder von den Russen gefangengenommene Jnsurgentenführer sein Haupt am Galgen lassen müßte, zog Grünbaum es vor, weiter zu kämpfen und den Tod im Kampfe zu suchen. Deshalb legte er in die Taschen eines gefallenen Kameraden seinen Reisepaß, und er selbst schlug sich durch die Reihen der Soldateska und Bauern kämpfend durch. Das gelang ihm: er rettete sein Leben und verwischte hinter sich jede Spur. Nachdem er sich mit einer Handvoll Leute aus dieser Falle befreit, gelang es ihm, nach dem Kampfplätze in Kongreßpolen zu gelangen, wo er wieder als Kämpfer in Lelewels Schar im Lubliner Gouvernement eintrat und noch lange kämpfte. In einem der zahlreichen Gefechte schwer verwundet, flüchtete er sich in irgendein Bauerngehöft, und hier aus einer Strohschütte hauchte er infolge der erhaltenen Wunden sein junges Heldenleben aus. ——