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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-15 · Heft 42 (15.10.1915) · p. Seite 497

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 42 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
Seite 497 (sequence 5)
Language
German
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497 landesverräterische Spione in deutschemSolde seien und die alleinige Schuld am Unglück Rußlands tragen. Die Hetzereien dieser Art Presse haben denn auch ein namenloses Unheil angerichtet. Die Juden, die das Unglück hatten, an Orten zu wohnen, die das r u s s i s ch e H e e r auf seinem Rückzüge passierten, wurden geradezu unmenschlich behandelt. Hunderte von ihnen wurden gekreuzigt. Es ist als eine Seltenheit anzusehen, wenn eine jüdische Witwe irgendwelche staatliche Unterstützungen erhält. Bei der großen Flucht aus Warschau wurden die Juden einfach aus den Zügen, in die sie sich gerettet hatten, herausgestoßen und in den unendlichen Sümpfen ihrem Schicksal überlassen. Die meisten Stadtverwaltungen wehrten flüchtigen Juden Unterkunft in der Stadt, so daß die Bedauernswerten seit Monaten außerhalb des Weichbildes in Erdhütten kampieren müssen. Den jüdischen Zeitungen ist das Erscheinen entweder verboten oder sie dürfen mit keinem Worte Anspielungen auf diese entsetzlichen Verhältnisse machen. * Trotz solcher schauderhaften Ereignisse macht der russische Finanzminister in England alle Anstrengungen, um den englischen Juden die russischen Zukunftspläne mit den Juden in rosigstem Lichte darzustellen. Dies geht aus folgender merkwürdigen Notiz hervor: Entgegen den Reutermeldungen, ist der Erfolg von Barks Bemühungen zwecks Erlangung englischen Geldes immer noch zweifelhaft. Da Bark infolge der ablehnenden Haltung Lord Rothschilds sich nicht noch einmal an diesen persönlich wenden wollte, hat er den V o rsitzerrden des großen Vereins zur Befreiung der Juden, Appleton, wenige Stunden vor seiner Abreise aus London zu sich gerufen und ihm folgende Erklärungen gemacht: „Die russische Regierung ist ernsthast bemüht, das Problem der Juden in Rußland zu lösen. Zweifellos haben die Juden Ursache zu klagen, und die russische Regierung ist dringend aufgesordert worden, Gesetze einzureichen, um den Juden weitere Rechte zu verleihen. In Anbetracht des Umstandes jedoch, daß derlei Gesetze falsch aufgesaßt werden könnten und unnötige Feindschaft erwecken würden, erscheint es der russischen Regierung weiser, die Lage der Juden in eigene Hand zu nehmen und denselben Freiheiten und Privilegien auf administrativem Wege zu verleihen, in der Hoffnung, daß ihre Handlungsweise bereits bis zur Beendigung des Krieges Früchte getragen haben wird. Es ist bereits den Juden an verschiedenen Stellen erlaubt worden, ansässig zu werden und mit der übrigen Bevölkerung zusammenzuleben. Allerdings sind noch verschiedene Distrikte den Juden verschlossen, besonders diejenigen, wo Kosaken wohnen, jedoch geschieht dies nur im Interesse der Juden selbst. Rußland braucht Kapital und Unter n ehm un g s gei st. R uß l and wei ß, da tz d i e I ud e n beides liefern können. Wenn Die liberalen -Juden ihre Unterstützung Leihen würden, würde das nene Rußland glücklicher und stärker sein, als es unter dem alten Regime gewesen ist. Die russische Negierung wird sich ihrer Pflichten bewußt sein, und die Tatsache, daß sich Rußland mit dem republikanischen Frankreich u n d d e m demokratischen England zusammengetan hat, um für Freiheit und höhere Zivilisation zu kämpfen, ist der Beweis ihrer löblichen Absichten und kann denjenigen, deren Herzen noch immer sorgenvoll sind, als Ermunterung dienen." Bark bat Appleton, von diesen Worten denjenigen Gebrauch zu m achen, de r i h m g n t d ü n k e. * Erfreulicherweise hat das Haus Rothschild diesen Appell unerhört gelassen. Die russische Anleihe in England ist gescheitert. Man kann also hoffen, daß Rußland aus Mangel an Mitteln bald ein Ende machen muß. Wie lügenhaft die Versprechungen des russischen Finanzministers waren, geht aus folgender Zeilttngsmeldung hervor: Petersburg, 9. Oktober. „Rjetsch" meldet, der jüdische Abgeordnete Friedmann erhalte von allen Seiten Klagen von Juden, daß die R u nd v e r f ü g u n g e n aes Ministers des Innern nicht befolgt würden; insbesondere in Taganrog und Baku würden weder jüdische Fabrikanten noch jüdische Arbeiter geduldet, da die Runderlasse für diese dem Generalstabe unterstellten Provinzen angeblich nicht maßgebend seien. Immerhin ist es gut, daß auch von deutscher Seite Mahnungen erschallen, daß bei Friedensverhandlungen mit Rußland Forderungen für bessere Behandlung der Juden aufgestellt werden. Aus diesem Grunde begrüßen wir die nachstehende Mitteilung mit Freuden. Der H a n d e l s v e r L r a g s v e r e i n, der Hansabund und der V e r e i n d e u t s ch e r F a b r i k a n t e n und Exporte u r e für den Handel mit Rußland haben in einer gemeinsamen Eingabe an den Reichskanzler gebeten, im künftigen Friedensvertrage mit Rußland Klauseln aufzunehmen, welche die Befreiung der Juden von den bisherigen Beschränkungen in Rußland ein für allemal sicherstellen, und zwar sind es namentlich folgende drei Punkte, bei welchen Gleichstellung der Juden verlangt werden muß: 1. Geltungsdauer und Kosten des Passes, 2. Erteilung der Gelverbelegitimationskarten, 3. Einwanderung, Niederlassung und Erlverb von Jmmobiliarrechten. Aus Kopenhagen wird gemeldet: Die russischen Blätter stellen fest, daß mit dem Odessaer Weinstein der e r st e Jude in den R e i ch s r a t e i n z i eh t. * Man schreibt und spricht von Friedensbestrebnngen und muß sich doch sagen, daß diese noch in weitem Felde stehen. Wer hätte am Anfang des Krieges glauben mögen, daß wir fünfzehn Monate lang von nichts anderem als von Krieg reden, als an Krieg denken könnten. Wie soll dieses furchtbare Ringen zu Ende gehend Und doch müssen wir unser Geschick preisen, daß uns trotz aller Not und Pein, die wir erdulden, trotz der schrecklichen Verluste, welche die Gesamtheit und die einzelnen zu beklagen haben, die herrlichsten Siege beschieden waren, daß unsere Nation die wunderbarste Kraft und Ausdauer gezeigt hat. Wir wollen nicht aufhören, zu ertragen und zu hoffen und zu wünschen, daß uns bald ein Friede beschieden sein möge, der unserem Vaterlande für lange Zeit Ruhe gewährt und einen Preis verschafft, der der ungeheueren Anstrengungen und der unvergleichlichen Erfolge würdig ist. Lron Grünbsum. Eine Episode aus dem letzten Polen auf st and. Bon F r. R a w i t a - G u w r o n s k i. ls unser letzter Aufstand die Fahne mit der Devise: Für Freiheit und gleiches Recht aller Bürger! entfaltete, eilten in die Reihen der Kämpfenden die edelsten Personen verschiedener Volksschichten der polnischen Nation. Einer dieser Helden war Leon Grünbaum, ein Jude der Religion nach und Pole mit Seele, Ueberzeugung und Tat. In der ehemaligen polnischen Republik herrschte nie an solchen Bürgern Mangel, aber nach Einbuße der Unabhängigkeit hielten nur die Allerbesten zu Polen treu. Wer war jener Grünbaum? Woher stammte er? Wir wissen wenig von ihm, das aber, was wir wissen, gestattet, seinen Namen in unsere Annalen einzutragen. Solche Rechte erkauft man nur durch Blut und Opfer. Bei Ausbruch der Insurrektion war er Student der technologischen Akademie in Petersburg. Dort aber, wo die ganze Nation um die Freiheit kämpft, bleiben nur die Allerjüngsten in der Schule. Grünbaum, der aus Photzinen stammte, eilte nach der Heimat mit dem Vorhaben, seine Studien zu unterbrechen und sich am Waffengange zu beteiligen. Er sollte nicht lange auf diesen Moment warten. Als in der Gegend von Slawuta Machczynskis Korps sich organisierte, trat er als Kombattant in dessen Reihen. Machczynskis Lager befand sich im Minkoimcer Walde und war beinahe sechshundert Mann

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