Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- Seite 496 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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496 Bricht sich diese U-eberzeugung Bahn, setzt sich die Einsicht durch, daß das Balkanspiel endgültig für sie verloren ist, befreien sie sich von dem Wahn, daß sie Deutschland, das sie eingekreist haben, durch diese Abschließung von der übrigen Welt materiell zugrunde richten können, und verschließen sie ihren Blick nicht vor der Tatsache, daß sie, die sogenannten reichen Länder, durch ihre kolossalen Ausgaben und die ungemein opfervollen Anleihen, die sie in fremden Ländern abschließen müssen, mehr leiden als das von ihnen für arm verschriene Deutschland, so sind die Hoffnungen auf Frieden, über den immer wieder neue Gerüchte auftreten, stärker, als die an allen Orten geführten erbitterten Kümpfe ahnen lassen. Unsere Beziehungen zu Amerika, die einige Tage lang, freilich meist nach Meldungen des unzuverlässigen Reuterbureaus, sich unfreundlicher zu gestalten schienen, entwickeln sich friedlich. Daß in Amerika Unzufriedenheit, ja'Erbitterung herrscht über den Untergang amerikanischer Bürger, die auf torpedierten englischen Schiffen sich aushielten, ist wohl begreiflich, wenn es auch schwer einzusehen ist, daß die deutsche Regierung von denl Unterseebootskrieg Abstand nehmen soll mit Rücksicht auf das Leben amerikanischer Bürger. Weit mehr Grund hätte die deutsche Regierung zur Klage über die Munitions-, Pferde- und Geschützlieferungen seitens amerikanischer Firmen an unsere Feinde und über die Gewährung einer Anleihe an die Westmüchte. Gewiß, diese Lieferungen von Geld und Material gehen nicht von der Bundesregierung aus, aber uns will scheinen, daß selbst die Regierung einer Republik, wenn es ihr Ernst wäre mit einer vollen, gewissenhaften Beobachtung der Neutralität, Macht genug besäße, 'ihre Bürger von solcher Unterstützung kriegführender Mächte zurückzuhalten. Für uns bleibt namentlich bei diesen Anleihezeichnungen das Peinlichste, daß große Firmen, deren Begründer und Inhaber deutscher Abstammung und jüdischen Glaubens sind, sich in hervorragendem Maße beteiligt haben; es ist wahrhaft beschämend, daß diese Männer, die doch wahrlich Millionen genug besitzen, mit Verleugnung ihres Ursprungs auch hier ein gutes Geschäft zu machen sich nicht entblöden, obwohl sie sich sagen müßten, daß sie durch diese pekuniäre Unterstützung des Feindes den unheilvollen Krieg nur verlängern. Ist auch Amerika vielleicht das einzige Land in der ganzen Welt, das aus dieser entsetzlichen Katastrophe, die allen anderen furchtbarsten Schaden bereitet, Nutzen zieht, so hätten Männer deutscher Abstammung doch die Pflicht, den privaten Nutzen zum Schweigen zu bringen, wenn es die heiligsten Interessen, ja, das Dasein des Vaterlandes gilt, das sie niemals vergessen dürften. * Gegenüber diesen großen Ereignissen verliert alles andere seine Bedeutung. Es wäre ja sehr schön, wenn für alle Zukunft der Kampf gegen den Antisemitismus aus unseren Spalten verschwinden könnte. Einem allzu großen Optimismus ergeben wir uns in dieser Beziehung nicht, fürchten vielmehr, daß der Antisemitismus nach den Kriegen eher erstarken als abnehmen wird. Immerhin mögen wir uns freuen, daß sich diese Bewegung augenblicklich nicht recht hervorwagen darf, und geben daher der folgenden Notiz gern Raum: Tie „Deutsch-völkischen Blätter", das Orgcm der früheren deutschsozialen, jetzt deutsch-völkischen Partei, geben ihren Lesern die Mitteilung, daß das Erscheinen des Blattes „aus uns unbekannten Gründen bis auf weiteres untersagt ist". — Diese „unbekannten Gründe" dürsten ziemlich nahe liegen. Tie deutsch-sozialen Blätter haben während des ganzen Krieges nicht aufgehört, im alten Stil antisemitische Propaganda zu treiben und dadurch in der Zeit des Burgfriedens, die Gefühle weiterer Kreise zu verletzen. * Daß in Engl a n d die jüdischen Soldaten eine hervorragende Rolle spielen, wird aus der nachstehenden Notiz klar: In einem Aufsatz im „Daily Telegraph" über das jüdische Neujahr finden wir unter anderem die folgende Betrachtung: „. . . In der Uebersicht über das Jahr 5675 beansprucht der Krieg beinahe die volle Aufmerksamkeit, denn sowohl den Juden als auch den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft hat er großes Leid, große Taten und schwierige Aufgaben gebracht. Die englisch-jüdische Jugend hat in vorbildlicher Weise dem Aufruf für den Heeresdienst entsprochen und ihre Zahl kann den Vergleich mit der allgemeinen Ziffer für das ganze Land glänzend bestehen. Ueberdies haben die jüdischen Jünglinge sich in allen Heeresabteilungen sehr verdienstlich gemacht und dafür Auszeichnungen erhalten, die den Stolz ihrer Glaubensgenossen bilden. Zwei haben das Bictoriakrenz erworben, und sehr viele werden ehrenvoll gemeldet ..." * Die „Deutsche Tageszeitung" läßt sich aus Rotterdam folgendes melden: Einer Meldung ans Paris zufolge erklärte die Alliance Jsraelite von Frankreich in einem Aufrufe an d i e I u d e n s ch a f t in den neutralen Ländern n. a. folgendes: Die Revolution brachte den Juden des Westens die Befreiung aus der Knechtschaft, und nur ein Sieg des Vierverbandes vermag das Judentum in dem übrigen Europa zu erlösen. Wir warten daher mit Vertrau e n aus einen Sieg des V i e r v e r b a n d e s! Eine solche Nachricht mußte jedem, der die Dinge kennt, befremdlich erscheinen; denn so kann die „Alliance Jsraölite universelle" schon mit Rücksicht auf ihre deutschen und österreichisch-ungarischen Mitglieder nicht geschrieben haben. In Wirklichkeit rührt, wie wir dem „Journal de Lausanne" vom 4. Oktober entnehmen, dieser „Appell an die neutralen Israeliten" gar nicht von der Alliance, sondern von dem Z e n t r a l k o n s i st o r i u m d e r I u d e n i n F r a n k r e i ch her. Daß diese für ihr Vaterland und gegen dessen Feinde auftreten, ist ihr gutes Recht; der Aufruf ist aber so merkwürdig, daß wir das nächste Mal darauf zurückkommen. * Am wichtigsten, aber freilich auch am traurigsten bleiben in dieser Epoche immer die Nachrichten ausRußland. Ein Bericht der „Berliner Volkszeitung" lautet: Kopenhagen, 2. Oktober. Ein soeben aus Rußland zurückgekehrter sehr hoher dänischer Beamter, der durch seine philosophischen Bestrebungen bekannt ist, macht dem Korrespondenten der „Telegraphen-Union" über die Lage der russischen Juden folgende Angaben: Die Behauptung der russischen Offiziellen, daß Maßregeln ergriffen worden seien, das furchtbare Schicksal der russischen Juden zu verbessern, ist unwahr. Es ist richtig, daß die liberalen Parteien sich in den letzten Neonaten etwas mehr mit der Judenfrage beschäftigt haben als in Friedenszeiten, doch hat die Auflösung der Duma den Bemühungen von dieser Seite ein jähes Ende bereitet. Die Kreise, die jetzt allein maßgebend in Rußland sind, bestärken beit Antisemitismus in der unerhörtesten Weise. Nicht allein, daß mit offiziellen Geldern längst e i n g e g a n g e n e Hetzblätter, wie der traurige „Weiße Adler" und andere, i n s L e b e n zu rück gerufen worden sind, ist auch noch speziell für Petersburger Zwecke eigens eine neue Zeitung gegründet worden, die „Semstschina", ultrakonservativ, ultraantisemitisch, die ausschließlich von den Unterstütznngsfonds der echtrussischen Leute lebt. Die Leitartikel dieses Blattes sind derartig infam gefaßt, daß selbst Blätter, wie die gewiß nicht allzu sentimentale „Nowoje Wremja", die Redak tivu der „Semstschina" um Mäßigung gebeten haben, mit dem Hinweis auf den üblen Eindruck, den eine derartige Hetze im neutralen Ausland Hervorrufen muß. Die „Semstschina" fordert täglich in ihren gratis verteilten Exemplaren zumPogromauf und erklärt, daß alle Juden Vater-