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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-15 · Heft 42 (15.10.1915) · p. Seite 495

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 42 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
Seite 495 (sequence 3)
Language
German
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495 „Antisemitismus" werden oft bloße Formen, in die eine jede Epoche einen neuen Inhalt gießt. Weder durch „Randspannungsgefühle" noch irgendeine andere Theorie ist der Judenhaß restlos zu erklären. Viele seelische Stimmungen und Verstimmungen, bunt gemischt mit örtlichen Umständen und solchen der Zeit, wirken zusammen, und so ist es auch zu verstehen, warum es im Antisemitismus nicht nur Schwankungen der Stärke gibt, sondern daß er dem Forscher bei jedem Auftreten ein anderes Gesicht weist. Die Einheit in ihm wird nur hergestellt durch das Objekt, nicht aber durch die E n tst e h u n g! Viele Grundgefühle sind in ihm nachweisbar. Das Bewußtsein der Ueberlegenheit, die der Starke dem Schwachen gegenüber verspürt, die ihn übermütig und angriffslustig macht, wirkt ebenso wie das Empfinden, daß hinter dem Geheimnis fremder Sitte und Sprache die Gefahr lauere. Tie unerklärliche Tatsache, daß Deutschland in der Kriegszeit überall nur Haß, Verkennung und Verachtung erfuhr, hat den Blick auf einen anderen Quell des Völkerhasses gelenkt, auf die Dankbarkeit. Die Einsicht, daß man anderen Wohltaten verdankt, macht leider — die Alltagserfahrung bestätigt es — Menschen und Völker nicht edler und großzügiger, sondern sie erweckt im Gegenteil oft die häßlichsten Gefühle. Daß nun die Welt dem Judentum unendlich viel verdankt, wird man auch dann zugeben müssen, wenn man persönlich über den Wert der Religion nicht allzu hoch denkt. Es sei freilich dieser Gedanke ebenso kurz gestreift wie jener andere, daß auch im Neide der Judenhaß — übrigens auch der gegen Deutschland — begründet sei. Gewiß gilt das nicht vom Neide auf den E r - folg, denn Christentum und Islam haben offensichtlich Praktisch weit mehr erreicht als das Judentum, und ebenso verhält es sich mit Engländern und Franzosen im Vergleich zu unserem deutschen Vaterlande. Es handelt sich eben dabei nicht um den Neid auf das Erreichte, sondern auf das Erreichbare, aus die innere Kraft, auf die Zukunft! Und solcher Ursachen wird man noch viele finden; sie sind so inannigfaltig wie die Stimmungen der menschlichen Seele. Nur die „Randspannungsgefühle" wird man vergeblich suchen! Mit Maarabi stimmen wir gewiß darin überein, daß der Judenhaß nicht durch rein negative Arbeit, durch Abwehr und Bekämpfung der Symptome, aus der Welt geschasst werden kann. Wenn wir freilich an Positive Arbeit denken, werden er und wir allerdings sehr weit auseinandergehen. Wir ineinen, daß allein durch innerliches, religiöses Judentum, das zu Festigkeit und zu echtem Selbstbewußtsein führt, dasjenige am Antisemitismus bekämpft werden kann, was unsere Arbeit zu unterdrücken vermag. Was bleibt, kann allein durch Selbsterziehung der Völker, die wir ja nur indirekt beeinflussen können, allmählich schwinden, und diesem Ueberschuß an Haß, an dem wir unschuldig sind, durch Pflichterfüllung, durch doppelte Sorgfalt bei der Ausübung aller sittlichen und sozialen Gebote, durch doppelte Opferfreudigkeit für Vaterland und Glauben, also durch einen Ueberschuß an sittlicher Arbeit zu begegnen, dürfte trotz der gegenteiligen Meinung Maarabis ein Weg sein, von dem das Judentum zum allermindesten keinen schaden hat. M i s r a ch i. Sir Mache. Berlin, den 12. Oktober 1915. n kriegerischen Ereignissen war die abgelaufene Woche ärmer als die vorausgegangene. Es hat freilich an heftigen Kämpfen im Westen und Osten nicht gefehlt, aber ne waren nicht von der Heftigkeit wie in den vergangenen Zeiten. Im allgemeinen kann man sagen, daß der Durchbruch der Engländer und Franzosen durchaus mißglückt ist und daß im Osten unsere Angriffe gut und sicher fortschreiten. Als neues Kampfgebiet ist Serbien hinzugekommen. Die verbündeten deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen haben den Uebergang über einige Flüsse erzwungen, und es wird gewiß bald zu größeren Kämpfen kommen, an denen sich vermutlich das in Saloniki gelandete französisch-englische Hilfskorps beteiligen wird. Schon ist Belgrad erstürmt, und es wird gewiß länger den vereinigten deutschen und österreichischen Truppen angehören, als es im vergangenen Jahre von den letzteren allein besetzt war. Der geringen Zahl der kriegerischen Ereignisse steht die größere der diplomatischen Aktionen gegenüber. Das Ultimatum, das Rußland an Bulgarien gerichtet hat und das von Erklärungen der übrigen Mächte des Vierverbandes unterstützt wurde, ist entschieden abgewiesen worden. Die Gesandten der Viermächte haben Sofia verlassen, der König von Bulgarien hat einen Generalissimus seiner Armee ernannt und stellt sich entschieden auf die deutsch-österreichische Seite. Die gröbliche Verletzung der griechischen Neutralität durch den Vierverband, die in der schon erwähnten Landung der Truppen in Saloniki ihren Anfang genommen hat, ist von der deutschen Regierung durch eine kräftige Note gerügt worden. Man sieht daraus wiederum von neuem, mit welcher Verlogenheit unsere Gegner Vorgehen. Dieselbe Macht England, die unseren Einmarsch in Belgien, der für uns eine Lebensfrage war, für sich als Kriegsfall betrachtete, scheut sich jetzt, 15 Monate nach Ausbruch des Krieges, gar nicht, in frevelhafter Weise ein neutrales Land, Griechenland, zu betreten und zu durchziehen. Freilich ist seitens des Vierver'bandes die Rechnung ohne den Wirt gemacht worden. Denn während er hoffte, daß Griechenland nicht bloß infolge der Ueberrumpelung, sondern aus eigenem Willen den Durchmarsch seiner Truppen dulden, ja sogar sich ihm anschließen würde, hat Griechenland anders gehandelt und sich nicht mit dem schon in der vorigen Uebersicht erwähnten Protest begnügt. Vor einer Woche mußte man befürchten, daß dieser Protest nur eine lahme Erklärung sei und daß Herr Venizelos, der diesen Protest erhob, im Grunde seines Herzens auf seiten derer stand, gegen die er protestierte. Nun aber hat der König von Griechenland diesen unbequemen Ratgeber abgeschüttelt. Der Minister, ein Ententefreund, hat für seine Kriegswilligkeit den König von Griechenland nicht gewinnen können, obgleich er über die Majorität in der Kammer gebot; er mußte seinen Abschied einreichen, ein der Neutralität geneigtes Kabinett ist an seiner Stelle ernannt worden, und der König von Griechenland, mit ihm sein Volk, scheinbar gewillt, die strikte Neutralität aufrechtzuerhalten und Griechenland nicht in die unübersehbaren traurigen Folgen eines Krieges stürzen zu wollen. Da auch Rumänien, wie es den Anschein hat, in seiner Neutralität verharrt, so ist, wie man annehmen muß, das Balkanspiel für die Ententemächte verloren und ihre Truppen müssen allein an der Seite Serbiens kämpfen, während sie geglaubt hatten, daß die Balkanmächte entweder auf ihrer Seite stehen oder, wie sie wahrscheinlich hofften, an ihrer Statt in ihrem Interesse tätig sein würden. Immer mehr bricht sich bei den Neutralen die Ueberzeugung Bahn, daß die englisch-französische Offensive, die, wie man neuerdings hört, auf Drängen Rußlands, das dadurch Luft für sich erhoffte, übereilt, jedenfalls früher unternommen wurde, als die Westmächte wollten und nach ihren Vorbereitungen für angemessen hielten, resultatlos verlausen ist. Man kann nur wünschen, daß die Westmächte endlich zu der Ueberzeugung kommen, daß sie trotz ihrer Riesenmunitionsvorräte und trotz aller in England geschehenen Werbungen am Ende ihrer Kraft sind, daß es ihnen nicht gelungen ist und nicht gelingen kann, die deutschen Mauern zu erschüttern, geschweige zu vernichten.

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