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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-15 · Heft 42 (15.10.1915) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 42 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
Seite 494 (sequence 2)
Language
German
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494 der tote Fisch mehr als der lebendige?" Sv soll einmal das Verhandlungsthema einer Zoologenversammlung gelautet haben, über das man mit trefflichen und geistreichen Arguinenten tagelang stritt. Als aber gar keine Einigung zu erzielen war, nahm einer einen Fisch, den er lebend und nachher tot abwog, und siehe da: Es stimmte überhaupt nicht. Tot wog er gar nicht mehr! Antisemitismus entsteht nach Maarabis Erklärung aus den Gegensätzen der Nationen an den Peripherien. Wir wiegen, anstatt zu argumentieren, und gestatten uns dann die bescheidene Anfrage: Hassen sich d e n n d i e V ö l k e r a n ihren Grenzen wirklich? Prüfen wir doch einmal die Schreibtischweisheit Maarabis an der Hand der Erfahrung! Sind zunächst, uur die Geschichte zu befragen, Hatz und Verachtung gegen die Juden geringer gewesen, als sie noch ihren nationalen Mittelpunkt besaßen? Praktisch ist natürlich ein Volk mit dem festen Rückhalt eines starken Staates insofern besser daran, als der Fremde sich in allen A u s b r ü ch c n des Hasses zügeln wird, wenn er auf Vergeltung rcehnen kann. Aber mit der pshchologischen Begründung hat das nicht das mindeste zu tun. Was die „Randspannungen" anbetrifft, lehrt eben die Geschichte genau das Gegenteil von dem, was Maarabi so gut in sein System Paßt. Der durch irgendwelche Umstände erregte und geschürte Nationalhaß tritt an sich nirgends so milde ans wie gerade an den Grenzen, sowohl an den wirklichen wie an den Berührungsflächen mit Minoritäten, und bei allen dort feststellbaren Exzessen ist die leitende Hand, die fern vom Schuß die Geschicke lenkt, sehr wohl zu spüren. Wie unbedeutend wäre die Irredenta in den eigentlichen Grenzbezirken, wenn nicht die Hetzer in Rom und Mailand immer neues Oel ins Feuer gossen! Wer lange unter polnischer Bevölkerung gelebt hat, weiß genau, wieviel Seufzer den Herzen derer entsteigen, die von den beiderseitigen Führern in Lemberg, Warschau oder Wien immer wieder zum Kampf gegen Leute getrieben werden, mit denen sie ganz gern im Frieden leben möchten. Wäre nicht in Elsaß-Lothringen längst der Friede eingekehrt, wenn man nicht von Paris aus immer wieder durch bezahlte Agitatoren für das Wohl und Gedeihen der Randspannungsgefühle gesorgt hätte? Was die Logik lehrt, daß nämlich durch enge Berührung die Völker einander kennen und schätzen lernen, wird durch die Erfahrung keineswegs widerlegt, sondern durchaus bestätigt, und für den oft vorhandenen Haß — die Juden sind und bleiben hier das beste Beispiel — sind andere Ursachen verantwortlich. Es sei nur noch kurz auf die bei Annahme der „Randspannungsgefühle" ganz unerklärliche Tatsache verwiesen, daß ganz judenfreie Länder, wie England zur Zeit Shakespeares es lvar, einen sehr heftigen Antisemitismus aufweisen. Und die Geschichte der Türkei, die mit ihrer bnnt zusammengewürfelten Bevölkerung unendlich viele Berührungsflächen aufweist, dabei aber gerade vom Judenhaß weniger weiß als alle Kulturstaaten des Westens, verrät jedem Historiker sofort, daß die Erklärung, die Maarabi für den Antisemitismus gibt, fast grotesk ist. Ebenso anfechtbar ist aber auch, was er über Haß und Verachtung sagt. Verachtung, io dekretiert er wieder, entsteht neben dem selbstverständlichen Hasse dort, wo c ine Gern e i n s ch a f t nicht i h r e n S o n d e r w e r t betont, sondern nach Assimilation strebt. Hätte er doch nur einen Leitfaden der jüdischen Geschichte studiert! Ist denn im Mittelalter nicht die Verachtung gegen die Inden viele Tausende von Malen größer gewesen als heute! Oder ist es kein Zeichen von Verachtung, wenn man ihnen Judenabzeichen aufzwang, sie in das Ghetto sperrte, sie wie räudige Hunde behandelte? Vielleicht erhebt sich Maarabi einmal und läßt sich aus einer Bibliothek des Eisenmenger, des Pfefferkorn, ja selbst des großen Luther Werke geben, und er wird staunen, wieviel tiefe und ehrliche Verachtung in ihnen enthalten ist. Und haben diese Juden, die den Tieren gleich geachtet wurden, etwa nicht Eigenwert und Eigenart des Judentums erkannt und betont? Waren sie etwa die haltlosen und scheu tastenden Assimilanten? Haben sie „dauernd vor dem Antisemitismus kapituliert" oder „feige Mimikry" geübt? Waren sie nicht echte und ganze Juden? Wir wollen das Judentum des „leidenschaftlichsten" Zionisten keineswegs kritisieren, aber das Judentum derer, die für seine Eigenwerte auf den Scheiterhaufen gingen und sich lieber morden ließen, als daß sie sich auch nur in Kleinigkeiten assimilierten, wird ihm doch — bei milder Beurteilung — an Wert gleich sein. Man erkennt also klar, daß auch — nielleicht gerade — bei stärkster Betonung des Eigenwerts die Verachtung unerträglich werden kann und daß alle grauen Theorien in nichts zusammensinken, da die Geschichte das Gegenteil lehrt. Das; allerdings die „leidenschaftlichsten" Zionisten bei der antisemitischen Welt weit höher geachtet und weit besser gelitten sind als jene Juden, die aus ihr Recht pochen und ihr Deutschtum betonen, soll nicht bestritten werden. Stolz darauf zu sein, hat aber der Zionismus keinen Anlaß, denn die Gründe hierfür dürften in Tatsachen liegen, von denen man in der Zeit des Burgfriedens lieber schweigt. Diese Sehreibtischphantasien sind nun aber keineswegs ungefährlich. Denn sie wollen feststellen, daß der Judenhaß eine N a t u r g e w a l t ist, eine unausrottbare Eigentümlichkeit der menschlichen Gesellschaft, gegen die anznkämpfen zwecklos ist. „Zur Liebe kann man niemanden zwingen," sagt Maarabi und will damit zum Ausdruck bringen, daß man gegen solchen Naturhaß gar nicht erst aufzutreten braucht. Denn Ueberflüssiges ist Zeitverschwendung: Kräfte und Zeit, die im Kampfe gegen den Antisemitismus vergeudet werden, können für andere Aufgaben viel besser verwertet werden. Nur A ch t u n g soll man sich verschaffen, und gegen rohe Auswüchse wie offenes Bekunden der Verachtung allein gestattet Maarabi zu streiten. Darüber hinaus ist aber jedes Bemühen vergebens und darum zu verurteilen. Und der Hieb, den er damit der A b w e h r b e w e g u n g versetzt, dürfte wohl die Quintessenz und der Hauptzweck seiner Ausführungen sein. Nun gibt es ja — Maarabi darf es wirklich glauben — auch unter den bösen Liberalen Leute, die da meinen, daß Beschwerden über antisemitische Inschriften in Toilettenräumen allein noch nicht geeignet sind, den Antisemitismus völlig zu vernichten. Aber wenn auch die Mittel des Kampfes zuweilen eine Kritik vertragen, wenn auch die Aufgabe so groß ist, daß sie vielleicht in Jahrhunderten noch nicht restlos gelöst ist, wäre es doch ein Verbrechen gegen die Lehre und die Tradition des Judentums, Haß in irgendeiner Gestalt als selbstverständlich und natürlich, als ewig unabwendbar anzusehen. Es wäre das gegen alle Ethik und Religion. Haß bedeutet Zank, Unfrieden und Laster, Haß ist schlecht und darum bekämpfenswert. Antisemitismus aber ist Haß, roher und feiger Haß! Daß er seine Wurzeln in die Tiefe der Volksseele gesandt hat, daß es unermeßlich schwierig ist, ihn auszurotten, und daß Enkel und Urenkel sich mit dieser Aufgabe noch werden abmühen müssen, ist gewiß sehr traurig. Es ändert aber weder etwas an seiner unsittlichen Natur noch an unserer Pflicht, ihn in jeglicher Gestalt und mit allen Mitteln zu bekämpfen. Wäre dem nicht so, könnten wir getrost mit allen unseren ethischen und religiösen Anschauungen und Hoffnungen aus der Welt verschwinden. Maarabi macht den gewiß verzeihlichen Fehler, den bloße Theoretiker — zumal wenn ihnen historische Schulung fehlt — stets begehen, daß sie nämlich für weit verzweigte und schwierige Erscheinungen, die mit einem erheblichen Teil der Menschheitsgeschichte zu den verschiedensten Zeiten und in den verschiedensten Ländern verknüpft sind, einheitliche Erklärungspringipien annehmen zu können glauben. Begriffe wie

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