Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 2nbe die Thorarollen in Empfang und trugen sie zunächst in ein Zimmer des Schulgebäudes, neben dem die neue Synagoge liegt. Am nideren Morgen versammelten sich die Gemeindemitglieder um 1 0 Uhr im Schullokal und begaben sich im Zuge in das neue Gotteshaus. Voran schritten singende Schulkinder und der Vorsänger, ihnen folgten die Thorarollenträger. An der Tempelpfort-e sang Der Vorsänger: „Oeffnet mir die Pforten des Heils, daß ich durch sie amziehe und dem Herrn danke." Dann öffnete sich der Gemeinde die Pforte. Nach einem Wechselgesang betrat der Geistliche den Almenar und verlas Bibelverfe. Die Thoraträger hielten darauf unter psalmengesängen einen Umzug in der Synagoge. Der älteste Gemeindevorsteher zündete die ewige Lampe an. Dann hielt der Geistmhe die Festrede. Auster der jüdischen Gemeinde waren bei der gier Mitglieder des Staatsministeriums, die Obersten der hiesigen Regimenter, der hannoversche Oberlandesrabbiner, Spitzen der Behörden, die evangelischen und katholischen Geistlichen zugegen. — Köln- 29. September. Trotz der durch den Ernst der Zeit bedingten mannigfachen Pekuniären Opfer haben die jüdischen Wohllatigkeitsvereine unter Leitung der Nheinlandloge auch in diesem Jahr ihrem Programm, gemäß eine eigene Ferienkolonie eingerichtet und außerdem einer großen Anzahl von Kindern die Beteiligung an der Milchstation des Kindersparvereins ermöglicht. Der diesjährigen Einrichtung lag insbesondere der Gedanke der Kriegs- 'iirsorge zugrunde, und so siel die Auswahl meist auf Kinder, Deren Väter im Felde stehen oder die eine starke Unterernährung mifwiesen. Es waren zumeist Zöglinge der hiesigen jüdischen Volks- ' eh ule. Vergangenen Freitag ist nun die Schar von vierzig jugendlichen Kolonisten nach einem 25tägigen Aufenthalt in Ems hierher -.urückgekehrt mit frischem, gesundem Aussehen und einer erheblichen Gelvichtszunahme. Der gute Erfolg war auf all den leuchtenden Gesichtern zu lesen. Solche Werke edler Menschlichkeit gehören zu den hellsten Lichtpunkten in dieser Zeit und bilden mit eine Gewähr nir ein glückliches Kriegsende. Sie zeigen aber auch, daß die jüdischen Bürger Kölns an der Erreichung dieses Zieles auch in üzialer Beziehung hervorragend Mitwirken. .1. A. München, 3. Oktober. Nach langem schweren Leiden >tarb am 26. September in einer chirurgischen Klinik der letzte bayerische jüdische Offizier, der als aktiv dem Heere angehört hat, Herr Major Max Holle r b äum. Er war im Jahre 1850 in München als Sohn eines Kaufmanns geboren, trat 1870 in das Jnfanterie-Leibregiment als Freiwilliger ein, in dem er den Feldwg mitmachte und sich das Eiserne Kreuz sowie den bayerischen Militärverdienstorden erwarb. Im Jahre 1873 wurde er zum Leutnant und im Jahre 1889 zum Hauptmann und Kompagniechef im 12. Infanterieregiment in Neu-Ulm befördert. Seit 1895 .ebte Major Hollerbaum im Ruhestand in München, wo er sich großer Beliebtheit erfreute. Bei Beginn des Feldzuges im vorigen Jahre stellte er sich wiedernn den Dienst des Vaterlandes und ward 'um Kommandeur des Landsturm-Infanterieregiments Passau II .'mannt, an dessen Spitze er ins Feld rückte. Im Namen des Bataillons widmete Hauptmann Freiherr v. Pechmann dem Entrhlafenen folgenden ehrenvollen Nachruf: „Das Bataillon steht in iefer Trauer an der Bahre seines ersten Kommandeurs. Durch nid durch Soldat, ein vornehmer, ritterlicher, zuverlässiger Eharaker, durch Willenskraft und warmherziges Wohlwollen gleichmäßig msgezeichnet, war er uns allen vorbildlich auch durch den Heroismus, den er im Kampfe gegen ein langwieriges, schweres Leiden nS zuletzt bewährt hat. Es war ihm nicht vergönnt, wie au dem Kriege um die Gründung des Reiches so an dem Kriege um dessen Behauptung bis zum ehrenvollen Abschluß teilzunehmen. Aber er lat Treue bis zum Tode gehalten, und sein Gedächtnis wird in when Ehren bleiben. — Nürnberg, 29. September. Unter der Ueberschrift „Rürn- 'erger in der Bayerischen Ehrenhalle" bringt der „Fränkische Kurier" vom 13. d. M. folgende Notiz: Am 22. Februar abends ellte ein in der Frühe von den Franzosen genommenes Graben- 'klick bei A. von der ersten Kompagnie des 14. Infanterieregiments wrückerobert werden. Obgleich revierkrank, bat der bereits mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnete Unteroffizier der Reserve Otto Seckendorf aus N ü r n b e r g, nunmehr Landwirt in Argeninien, am Sturme teilnehmen zu dürfen, und trug in der Tat mrch tapferes, rücksichtsloses' Draufgehen wesentlich zum raschen Gelingen des Angriffs bei. An der Spitze der Sturmgruppe über die einer seitlichen Ausbreitung des Feindes hinderliche Sandsackpackung springend, zwang er unter heftigstem Feuer durch Handgranaten die Franzosen zum Weichen und machte trotz der vielen Opfer, die ihre schwere Artillerie forderte, den Graben, worin man eine reiche Menge von Waffen und Ai1srüstungsge genstäuden erbeutete, in fliegender Eile wieder verteidigungsfähig. Seine Tatkraft und Umsicht wurde mit der Silbernen Medaille belohnt. Grprrrrich-Anggrn. z. Budapest, 29. September, lieber die T r a g ö d i e ei n e r jüdischen Familie, welche eines der traurigsten glänzenden Blätter der Geschichte der ungarischen Juden in biefcnt Weltkriege darstellt, berichtet der „Egyensösog": Bier Brüder Pajzs zogen in den Krieg. Ihr Vater, der ehemalige Bahnhossrestaurateur in Lipto-Szt. M'iklos, ist unter tragischen Umständen, als er von dem im Wochenbette erfolgten Tode seiner Tochter erfahren hatte, Plötzlich gestorben. Die von ihrer Hände Arbeit sich nur mühsam erhaltende Witwe blieb mit ihren vier Söhnen zurück, deren ältester Arpad damals 19 Jahre alt war. Arpad Pajzs kam nach Budapest mit der glühenden Sehnsucht im Herzen, zu lernen und zu arbeiten. Er wurde Bankbeamter, unterstützte von seinem Ansangsgehalt seine Mutter und Geschwister. Mit unermüdlicher Energie, ohne Aussehen, bemühte er sich mit die wirtschaftliche und soziale Verbesserung der | Lage seiner Berufs genoffen. Er wurde bald Sekretär des Landesverbandes der Bankangestellten und später Direktionsmitglied des Kaufmännischen Franz - Josef - Spitals. Von seinen ausgedehnten nationalökonomtschen und sozialpolitischen Kenntnissen zeugen seine in den Tagesblättern erschienenen Artikel sowie das unter seiner Redaktion erschienene nationalökonomische Wochenblatt. Sein Einkommen wurde trotz dieser vielseitigen Arbeit wohl noch immer nicht übermäßig groß, nichtsdestoweniger teilte er dasselbe mit seinen beiden im Jahre 1913 zu gleicher Zeit als Einjährig-Freiwillige eingerückten Brüder. Mit stolzer Freude erfüllte es ihn, als er vor zwei Jahren in Budapest sich so einrichten konnte, um mit seiner geliebten Mutter beisammen leben zu können. Aber das Schicksal war ihm nicht gnädig. Nach kurzem dreimonatigen Beisammensein ist die arme, alte Frau, welche, wie es scheint, den neuen Lebensbedingungen in Budapest nicht gewachsen war, gestorben. Vielleicht war es eine Gnade Gottes für sie, denn der furchtbare Schlag, daß drei ihrer Söhne auf dem Kriegsschauplätze den Heldentod gefunden haben, hätte ihr Herz einige Monate später in tausend Stücke gerissen. Im vorigen Jahre verbrachte Arpad Pajzs seine Ferien in den Balkanländern. Als er in Konstantinopel von den gespannten diplomatischen Beziehungen erfuhr, eilte er nach Hause, denn er fühlte es, daß das Vaterland auch seiner bedürfen werde, und kam einen- Tag vor Einstellung der diplomatischen Beziehungen -unter vielen Schwierigkeiten ans Belgrad nach Budapest. Am Tage der Mobilisierung rückte er als Reserveleutnant ein, und kurze Zeit daraus, am 17. August 1914, beschloß er im Alter von 28 Jahren bei Lublin mit dem Heldentod sein junges, arbeitsreiches Leben. Einige Monate später siel sein Bruder Armin Pajzs, Privatbeamter, gleichfalls Reserveleutnant. Der dritte Bruder, Eugen Pajzs, ein künstlerisch äußerst begabter junger Mann, opferte als Reservekadett auf dem italienischen Kriegsschauplätze sein edles Leben in der heiligen Verteidigung des Vaterlandes. Der vierte Bruder Robert sieht irgendwo auf dem nördlichen Kriegsschanplatze stündlich dem Tode ins Gesicht. Eine Positive Nachricht über sein Befinden liegt gegenwärtig nicht vor. Mit Recht schließt „Egyenlösog" seine Mitteilung mit der Bemerkung, daß dieser Fall ein traurig-stolzes Beispiel der aufopfernden jüdischen Vaterlandsliebe ist. Vier tapfere ungarische Juden zogen in den Krieg, mtb drei von ihnen opferten ihr Leben für das elvi ge Leben des Vaterlandes und für dessen schönere Zukunft. KußlMÄ. 61. Warschau, int September. Die Presse teilte in diesen Tagen bereits kurz mit, daß die deutschen Vhlitürbehörden in Warschau auf Vorschlag des Bürgerkomitees die von der russischen Administration Zurückgelassenen politischen Gefangenen befreiten, darunter den bekannten Führer des Allgemeinen jüdischen Arbeiterbuudes („Bund"), Modem. 'Wie jetzt näher bekannt wird, hatten die russischen