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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-08 · Heft 41 (8.10.1915) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 41 (8.10.1915)
Date
1915-10-08
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Behörden vor ihrem WiUl^iio die meisten Arrestanten nach dem Innern des Reiches geschasst; es blieben nur die kranken Häftlinae, unter diesen zirka 70 zu Katorga Verurteilte, zurück. Bon den deutschen Militärbehörden wurden bisher 40 politische Häftlinge entlassen, lebe m wurde vor einigen Monaten vom Warschauer Gerichtshof nach zweijähriger Untersuchungshaft für Zugehörigkeit zum „Bund" zu vier Jahren Katorga mit nachfolgender lebenslänglicher Zwangsansiedelung in Sibirien verurteilt. Medem ist hervorragend begabt in gleicher Weise als Schriftsteller wie als Redner. Er ist einer der besten Kenner der Nationalitätenprobleme Rußlands — in der russischen Oeff-entlichkeit ein in diesen Fragen gefeierter Referent —, im besonderen ein geistreicher Kritiker der reaktionären Strömungen im Judentum (des Zionismus, Poalezionismus uswJ, ein Mann, der im Wirrwarr der russischen Fraktionszersplitterung immer einen klaren Kopf behalten und stets auch das Herz auf denn rechten Fleck gehabt hat. Er schien wie von der Natur auserkoren für die Parlamentstribüne — die Ochrana hatte, es aber zunächst anders gewollt. Medem entstammt dem Judentum, ist aber als Christ aufgewachsen, indem sein Vater -- Jude von Geburt — sich freiwillig eine „bessere" Konfession gewählt hatte, um nn Lande der Metzeleien und Ritualnwrdbeschuldigungen leichter fortzukommen: und er brachte es auch uürklich zum Staatsrat, zu hohen Aemtern und Würden. Ebenfalls freiwillig, aber aus Beweggründen ganz anderer Natur, suchte sich später der junge Medem seinen Lebensweg, und sein Tun und Trachten widmete er ganz dem 5 t a m ni e der Geächteten, dem er sich unumwunden auschloß. Und so wurde er — der „Christ" — zum stolzesten Bannerträger der aufsteigenden jüdischen Demokratie Rußlands. Lein Name hat in Rußland einen ganz besonders guten Klang, und seine Befreiung aus dem Kerker wird von Zehntausenden -- besonders jetzt in Warschau mtb Lodz — mit jubelnder Freude begrüßt. Von Aah und Fern. Der Einjährige Kriegsfreiwillige Walter Zadig, 18 Jahre alt, seit Januar d. I. Inhaber des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse, Sohn des Herrn I. Zadig, Berlin, Schönhauser Allee 10/11, ist zum Leutnant d. R. befördert worden. Den Charakter als Sanitätsrat haben erhalten die Aerzte Tr. Jakob Taendler, Tr. Paul E r d m a n n , Dr. Georg R o s e n t h a l, Tr. Heinz W o h l - g e in u t h , Dr. Siegfried F r i e d l ü n d e r in Groß-Berlin. -. Das Vereinslazarett Heilstätte Lankwitz, das unter der Leitung der Sanitätsräte Dr. I. Fränkel und Dr. A. Oliven steht, konnte jüngst ans eine einjährige Tätigkeit zurückblicken. Aus diesem Anlaß fand in dem schön mit Blumen und Tannenreisern geschmückten K'rankensaal eine Feier statt, der außer den zahlreichen verwundeten Feldgrauen eine Menge geladener Gäste beiwohnte. In dem Saal u>ar auch ein ,,Eisernes Kreuz" aufgestellt, dessen Ragelungsertrag dem Roten Kreuz zusließen soll. Dos Lazarett beherbergt gegenwärtig, wie Dr. Fränkel in einer Ansprache betonte, 24 Offiziere und 204 Mannschaften. Seit seinem Bestehen haben 828 Verwundete dort Unterkunft gefunden, von denen 600 entlassen werden könnten. Tie Feier nahm einen äußerst harmonischen Verlauf. Gesang-, Musik- und Gedichtvorträge wechselten ab. Die Vortragenden waren zum größten Teil die Berwundeteten selbst. — Die jüdische Gemeinde in Königsberg i. Pr. betrauert das Hinscheiden des Herrn Joseph Simon lohn. Mehr als 25 Jahre hat der Verblichene dem Vorstände angehvrt und stets hat er die Interessen der Gemeinde und des Judentums nach besten Kräften zu fördern sich bemüht. Namentlich als stellvertretender Synagogen- und Friedhofsvorsteher hat er sich sehr verdient gemacht. — Aus Elbing wird uns geschrieben: Herr Rieß aus Striegau in Schlesien, der hier ehrenhalber an den hohen Feiertagen das Amt eines Vorbeters ausgeübt hat, hat 100 Mark, die ihm von der hiesigen Gemeinde zur freien Verfügung gestellt wurden, durch den Ortsrabbiner Dr. Auerbach dem Feldrabbiner Tr. Sonderling zur Verwendung für jüdische Soldaten, zugesandt. — Aufsehen erregten während der jüdischen hohen Festtage in den Straßen von Lissa i. P. drei jüdische russische Kriegsgefangene aus dem Tharlanger Lager, die von einem Landsturmmann zur Synagoge geführt wurden, damit sie am Gottesdienst des Versöhnungssestes teilnehmen sollten. Nach dem Gottesdienst wurden die Gefangenen aus Kosten der Synagvgengemeinde gespeist und dann für die Nacht in militärischen Gewahrsam gebracht. Tags darauf erschienen sie erneut in der Synagoge. Abends kehrten sie wieder nach Tharlang zurück. — bk Rittmeister d. R. Siegfried S t r a u ß und David Thor m a n n in München wurden zu bayerischen Majoren befördert. Der Oberleutnant Siegmund Wertheimer ist zum Hauptmann und der Leutnant Wilhelm O f f. e n b a ch e r zum Oberleutnant befördert worden. — Herr Salomon L ö b in Zweibrücken hat acht Söhne, die sämtlich unter der Fahne stehen: der Vater selbst hat den Feldzug 1870 als Jägerunteroffizier mitgemacht. — Sanitätsunteroffizier Willi Lew l n g e r - Konstanz wurde zum Unterarzt befördert, Lehramtspraktikant Leopold W e i l - Schmieheim zum Professor am Realgymnasium Villingen ernannt. — Zu den israelitischen Gemeinden Badens, in denen die Funktionen des Synagogenrates einer einzigen Person vom Oberrat der Israeliten übertragen wurden, sind hinzugetreten Oestringen, Bezirkssynagoge Bruchsal und Obergimpern, Bezirkssynagoge Sinsheim. — Dr. Georg Cohn in Zürich ordentlicher Professor für deutsches Recht, eine Größe aus seinem Gebiet, beging den 70. Geburtstag. Er wurde in Breslau geboren, war erst preußischer Kreisrichter, dann Dozent an der Heidelberger Universität und doziert seit 1892 in Zürich. In der Meisterschaft, wissenschaftliche Fragen gemeinverständlich darzustellen, ist Prof. Cohn innerhalb seines Faches schwerlich erreicht, sicher aber nicht übertroffen worden. — Aus Wien wird berichtet: Am 1. Oktober beging Hofrat Professor Adam Politzer seinen 80. Geburtstag. - - Ter Kaiser hat dem Revidenten der österreichischen Staatsbahneu Markus P o m e r a n z in Anerkennung besonders geistesgegenwärtigen und aufopferungsvollen Verhaltens gelegentlich einer Explosionskatastrophe das goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen. — Die österreichische Militärverwaltung macht überall in den besetzten Gebieten gründlich Ordnung. Ein Heer von Staatsbeamten ist bemüht, Post-, Telegraphen-, Steuer-, Gemeindeämter usw. in Funktion zu bringen, damit der neue Verwaltungsapparat klappt. Darüber berichtet die dortige Zeitschrift „Ziemia Lubelska" und nach ihr der Wiener „Kuryer Polski": „Alle städtischen Aemter sind in Tätigkeit. In den Magistrats-, Post-, Telegraphen- und ähnlichen Aemtern arbeiten ausschließlich österreichische Beamte, und darunter sehr viele dortige Juden." Das scheint den Polen nicht zu passen. — Unter den englischen Fahnen kämpfen nach Meldungen der von den Schlachtfeldern zurückgekehrten Feldrabbiner Chief-Rabbi Joseph Hermann Hertz und Reverend Michael Adler schätzungsweise 10 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Englands, über 20 000 Juden. Außerdem würden noch 5000 als Rekruten ausgebildet. Die beiden Rabbiner wußten von vielen Zügen des Heldenmuts jüdischer Soldaten zu berichten, die sie aus dem Munde des Feldmarschalls Sir John French und anderer hoher Offiziere vernommen hatten. Der Feldmarschall halc dem Mute jüdischer Krieger hohe Anerkennung gezollt. — Die Not der galizischen Juden in Sibirien ist unbeschreiblich groß. Dem „Djen" zufolge hat die jüdische Gemeinde in Tomsk eine Bittschrift an das Jrkutsker Hilfskomitee gesandt, die wie nachstehend lautet: „Es leben hier nicht Hunderte, sondern Tausende von Juden, die inan auf administrativem Wege aus Galizien und Russisch-Polen vertrieben hat und die bis zum Kriegsende hier interniert bleiben. Die größte Zahl der Unglücklichen ist mittellos, ohne Hoffnung, etwas aus ihrer Heimat zu erhalten. Nach langer Reise halb bekleidet und halb beschuht in Tomsk angekommen, mit der Verzweiflung im Herzen und flehenden Bitten um Hilfe auf den Lippen, haben diese Tausende Tomsk passiert. Was konnten wir mit unseren kleinen Mitteln tun? Man müßte viele tausend Rubel haben, wir haben kaum hunderte. Unbefriedigt mußten wir sie weiterziehen lassen, kaum daß wir ihnen die nötige Wäsche für eine Woche verschaffen konnten. Die Tausende von Unglücklichen flehen um Hilfe. Es kommt der strenge sibirische Winter, und sie haben nichts, womit sie sich nachts bedecken können." Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Floraftratze 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe.

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