Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 489 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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48g an die Dreysus-Asfäre- „Libre Parole" begann am 24. Mai 1892 eine Kampagne gegen die jüdischen Offiziere, die Frankreich im Augenblicke der Gefahr verraten würden; die Duelle Cremieu-Foa und Mayer folgten; die Stimmung war vorbereitet, und am 15. Oktober 1894 war Dreysus verhaftet. Die amerikanische Parallele hat aber eine eigenartige Seite, wenn man bedenkt, daß die öffentliche Meinung, die dort einen Eszterhazy schützte, etwas anderes ist, als es bedeutet, in Atlanta einen Neger, der ein Gewohnheitsverbrecher ist und eines unsittlichen Attentates auf ein weißes Frauenzimmer beschuldigt ist, zu beschützen. In demselben Atlanta, wo ein blutdürstiger Pöbel nach dem Blute eines unschuldigen Juden verlangte, begann am 22. September 1906, einem Samstag, - Samstag ist ein besonders kritischer Tag für Pöbelerzesse —- eine förmliche Hetzjagd auf Neger. Mehrere Tage hintereinander sollen Attentate von Negern auf weiße Frauen vorgekominen oder versucht worden sein. Etwas davon wird unzweifelhaft wahr gewesen sein; mehr mag übertrieben oder eingebildet gewesen sein unter dem Eindrücke der in solchem Falle fruchtbaren Suggestion. Sicher ist, daß der Pöbel Neger aus Straßenbahnwagen herauszerrte, die mit dem Verbrechen in keiner anderen Beziehung standen, als daß sie Neger waren, sie mißhandelte und tötete. Wie viele Opfer damals sielen, weiß man nicht. Es kam nicht darauf an; ein „Nigger" mehr oder weniger ist ja keine Sache von Bedeutung. Wie viel die Geographie damit zu tun hat, kann man hier in Cincinnati sehr gut beobachten. Cincinnati liegt am Ohio, an dessen südlichem User der Staat Kentucky, einer der Südstaaten, beginnt. Ich kann von dem Mittelpunkte des Geschäftslebens in Cincinnati schneller nach dem Mittelpunkte der. auf dem südlichen Ufer des Ohio gelegenen Stadt Covington in Kentucky gelangen als nach meinem Hause, doch herrscht in Kentucky ein anderes Gesetz. Neger dürfen nicht in demselben Eisenbahnwagen mit Weißen fahren noch dieselben Wartesäle benutzen. Weiter im Süden, wie etwa in Atlanta, sind ihnen sogar in den Straßenbahnwagen besondere Sitze angewiesen. Ehen zwischen Negern und Weißen sind ungültig oder strafbar. Was hat nun in dem Falle Franks den Neger geschützt, während der Weiße der Volksraserei zum Opfer fallen mußte? Das kann nur in dem oben geschilderten Vorurteile gegen Verwendung weißer Frauen zur Fabrikarbeit, gegen Zugewanderte und gegen Juden liegen. Die allererste Schuld trug die Polizei. Es waren innerhalb von einigen Monaten etwa fünfzehn Morde in Atlanta vorgekommen, deren Urheber nicht entdeckt waren. Die Polizei inußte, um die öffentliche Meinung zu beruhigen, recht schnell einen Schuldigen finden. Verhaftungen wurden vorgenommen lind die Vertreter der Presse mit schwerwiegenden Verdachtsgründen für „exfrrries“ besorgt. Im Augenblicke, wo Leo Frank, der Arbeitgeber, der „Northerner“, der Jude, verhaftet >var, hatten die Zeitungen die nötige Lesertemperatur für „exfrrries", und die zwei Tage später erfolgte Verhaftung des Negers Conley konnte ja nur als eine Enttäuschung wirken. Conleys Schuld hatte dem Falle die ganze Kinoromantik geraubt. Das konnte man sich doch nicht bieten lassen. Sv ging es Frank wie dem armen Leopold Hilsner in Polna. Gerade wie in Polna der eine ein Schlachtmesser gesehen, der andere ein Gespräch belauscht hatte, in dem geklagt wurde, daß Agnes „freie“ gewesen sei, hatte man in Atlanta allerlei gesehen und gehört; der Staatsanwalt machte allerlei vieldeutige Andeutungen, und die antisemitische Presse besorgte den Rest. Als ganz besonders gefährlich tat sich Thomas Watson, Herausgeber der Zeitung „Jeffersonian" in Thomson hervor. „Tom" Watson — der Amerikaner liebt es wie der polnische Chasid, seinen Helden Kosenamen zu geben. Wie der polnische Chasid von Reb Srulze Ryzhiner, von Reb Nochem Bereniu, von Reb Dowidel Talner spricht, so liebt es der Amerikaner, von Teddy Roosevelt oder Tom Jefferson zu sprechen. Tom Watson, der verschiedene Stellungen im öffentlichen Leben bekleidete und sogar als Präsidentschaftskandidat der inzwischen schon entschlafenen „People’s Party“ — allerdings eine aussichtslose Zählkandidatnr — nominiert wurde, besitzt eine glänzende Feder, deren Erfolg nicht zum wenigsten dem Fanatismus zu verdanken ist, mit dem er an die Leidenschaften des Pöbels appelliert. Watson war es, der von allem Anfang Frank verfolgte und in seinem Fanatismus immer wilder wurde, als die hervorragendsten New Porker Blätter sich der Sache annahmen. Das war erst recht eine Einmischung der „Draußigen", ein Herrschaftsgelüste der Juden, das man unter keiner Bedingung dulden durfte. An dem Abend des 17. August, an welchem Frank ermordet wurde, sagte Watson in seinem „Jeffersonian", der offenbar auf das Ereignis vorbereitet war, unter anderem: „Das Aufsichtskomitee (Vigilance Committee) hat, indem es den Mörder hinrichtete, das getan, was der Scharfrichter getan hätte, wenn Slaton nicht von dem Typus Benedikt Arnolds (ein notorischer Verräter aus Washingtons Zeit) gewesen wäre. Jüdische Wüstlinge («lew libertines) sollen sich in acht nehmen. Der Staat Georgia ist nicht für reiche Verbrecher feil." Man könnte einen Band mit den Ausbrüchen des wütendsten Rassenhasses füllen, die der „Jeffersonian" in den letzten Jahren gebracht hat. Auch andere Zeitungen des Staates, wie der schon erwähnte „Telegraph" von Macon, schlossen sich dieser Kampagne an und machten einen Appell an den Lokalpatriotismus gegenüber dem Einflüsse der New Parker Judenblätter, „Times" und „World", dem ungeheuren Korruptionsfonds, den die Juden des Landes, besonders der Bne Brich Orden aufgebracht habe, und am kräftigsten drückte sich der „Telegraph" aus, wenn er sagte: „Lieber ein Menschenleben opfern, als die Gerechtigkeit der Gerichte unseres Staates bezweifeln zu lassen"; ganz wie im Dreysus- Falle, wo der Zweifel an der Gerechtigkeit des ersten Urteilsspruches als Beschimpfung der französischen Armee niedergeschrien wurde. Das allerschlimmste Stückchen hat doch Watson geleistet, als er im „Jeffersonian" am 12. August, also wenige Tage vor dem Morde, pathetisch ausrief: „Plätte dein weißes Kleid, kleines Mädchen, plätte es sorgfältig und träume davon, daß du es morgen — Mary Phagan wurde am Samstag ermordet — zur Kirche tragen wirst! Breite es aus dem Bette aus, um es bei der Heimkehr zu finden! Das Geschick und der Jude haben andere Pläne mit dir, mein Kind!" Eine wohlorganisiertc Bande, mit Geldmitteln ausgerüstet, hat vier Tage später den Kommentar zu diesem Aufrufe geschrieben. Von der Unwahrscheinlichkeit der indirekten Beweise habe ich schon gesprochen. Sie sind handgreiflich. Die Vertretung Franks vor dem obersten Gerichtshöfe der Vereinigten Staaten hat Louis Marfhall aus New Pork übernommen, einer der geachtetsten Anwälte des Landes, den sicherlich materielle Aussichten nicht zur Vertretung einer ungerechten Sache hätten veranlassen können. Durch die ganze Zeit stand der Rabbiner der führenden Gemeinde Atlantas, David Marx, Frank zur Seite; er war von seiner Unschuld überzeugt. Marx bekleidet seine Stelle seit zwanzig Jahren; ich kenne ihn seit seinen Studienjahren, kenne seinen Vater, Salomon Marx, einen gebürtigen Mainzer, einen mir seit Jahren befreundeten Führer im deutschen Gesellschaftsleben von New Orleans. Ich bin fest überzeugt, daß Marx seine Hand zur Irreführung der Justiz nie geboten hätte. Louis Marshall hatte mit Recht gesagt: der eigentliche Mörder Franks ist „Tom" Watson, der Herausgeber des „Jeffersonian". Welcher Mißbrauch mit Namen! Thomas Jefferson (1743 bis 1828), der dritte Präsident der Vereinigten Staaten, der eigentliche Autor der Unabhängigkeits-