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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-08 · Heft 41 (8.10.1915) · p. Seite 488

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 41 (8.10.1915)
Date
1915-10-08
Page
Seite 488 (sequence 8)
Language
German
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488 persifliert: (vid. Parliamentary history and review etc. etc. pag. 252): Anno 1753, sagte er, brachte man ins Parlament eine Bill für die Naturalisierung der Juden: eine Maßregel, wogegen heutzutage in diesem Lande nicht einmal irgendein altes Weib etwas einwenden würde, die aber doch zn ihrer Zeit den heftigsten Widerspruch fand xtnb eine Menge von Bittschriften aus London und anderen Plätzen, von ähnlicher Art, wie wir sie jetzt bei der Bill für die Katholiken Vorbringen sehen, zur Folge hatte. In der Bittschrift der Londoner Bürger hieß es: „Tollte die besagte Bill für die Inden die gesetzliche Sanktion erhalten, so würde sie die christliche Religion erschrecklich gefährden, sie würde die Konstitution des Staates und unserer heiligen Kirche untergraben (man lacht) und würde den Interessen des Handels im allgemeinen itnb der Stadt London insbesondere außerordentlich schaden" (Gelächter). Indessen, ungeachtet dieser strengen Demlnziation, fand der nachfolgende Kanzler das Ercheqeur, daß die bedrohten, erschrecklichen Folgen ansblieben, als man die Juden in die City von London und selbst in Downingstreet aufnahm (Gelächter). Damals hatte das Journal „Der Kraftsmann" bei der Denunziation der unzähligen Unglücke, welche jene Maßregel Hervorbringen würde, in folgenden Worten sieh ausgelassen: „Ich muß um Erlaubnis bitten, die Folgen dieser Bill auseinanderzusetzen. Bei Gott ist Gnade, aber bei den Juden ist keine Gnade, und sie haben 1700 Jahre der Züchtigung an uns abzurüchen. Wenn diese Bill durchgeht, werden mir alle Sklaven der Juden, und ohne Hoffnung irgendeiner Rettung durch die Güte Gottes. Der Monarch würde den Juden untertan werden und der freien Landbesitzer nicht mehr achten. Er würde unsere britischen Soldaten abschaffen und eine größere Armee von lauter Juden errichten, die uns zwingen würde, unsere königliche Familie abzuschwören und gleichfalls unter einem jüdischen König naturalisiert zu lverden. Erwacht daher meine christlichen und protestantischen Brüder! Nicht Hannibal ist vor euren Pforten, sondern die Juden, und sie verlangen die Schlüssel eurer Kirehtüren!" «Lautes, anhaltendes Gelächter). Bei den Debatten, welche über jene Bill im Unterhause stattfanden, erklärte ein Baron aus dem Westen (man lacht), daß, wenn man die Naturalisierung der Juden zugestehe, so gerate man in Gefahr, bald von ihnen im Parlamente überstimmt zu werden. „Sie werden unsere Grafschaften", sagte er, „unter ihre Ttänuue verteilen und unsere Landgüter den Meistbietenden verkallfen" «man lacht). Ein anderes Parlamentsmitglied war der Meinung, „wenn die Bill durchgehe, würden sich die Juden so schnell vermehren, daß sie sich über den größten Teil Englands verbreiten und den: Volke sein Land ebenso, wie seine Macht, abriugen würden". Das Parlamentsmitglied für London, Sir John Bernard, betrachtete den Gegenstand aus einem tieferen, theologischen Gesichtspunkte:. . . „Die Juden feien die Nachkommen derjenigen, welche den Heiland gekreuzigt haben, und deshalb bis auf die spätesten Enkel von Gott verflucht worden." -- Er (Spring Rice) bringe jene Auszüge zum Borschein, um zu.zeigen, daß jenes alte Lärmgeschrei ebenso begründet gewesen fei tüte der jetzige neue Lärm in betreff der Katholiken (Hört! Hört!). Zur Zeit der Judenbill ward auch eine scherzhafte „Judenzeitung" ausgegeben, worin man die folgende Ankündigung las: „Seit unserer letzten Nummer ist der Postwagen von Jerusalem angekommen. Vergangen^ Woche wurden im Entbindungshospital, Brownlow-Street, fünfundzwanzig Knaben öffentlich beschnitten. Gestern abend wurde im Sanhedrin durch Stimmenmehrheit die Naturalisierung der Christen verworfen. Das Gerücht eines Aufruhrs der Christen in Nordwales erfand sich als ganz unbegründet. Letzten Freitag wurde die Jahrfeier der Kreuzigung im ganzen Königreiche sehr vergnüglich begangen". — In dieser Art und zu allen Zeiten, bei der Judenbill sowohl als bei der Bill für die Katholiken, wurde der lächerlichste Widersetzungslarm durch die geistlosesten Mittel erregt, und wenn wir den Ursachen eines solchen Lärms nachforschen, finden wir, daß sie sich immer ähnlich waren. Wenn wir den Ursachen der Opposition gegen die Judenbill im Jahr 1753 nachforschen, finden wir als erste Autorität den Lord Chatham, der im Parlamente aussprach: „Er sowohl als die meisten anderen Gentlemen seien überzeugt, daß die Religion selbst mit dieser Streitfrage nichts zu schaffen habe und es nur dem Verfolgungsgeiste der alten erhabenen Kirche (the old high church persecuting spirit) gelungen sei, dem Volke das Gegenteil weiszumachen" . . . Ebenfalls, in betreff der Judenbill, befindet sich in der damaligen Hardwicke-Zeitung ein Brief des Doktor Birch an Herrn Philipp Uork, worin jener sich äußerte: „daß all dieser Lärm wegen der Judenbill nur einen Einfluß aus die nächstjährigen Wahlen beabsichtigt" (Hört! Man lacht). Es geschah damals, wie dergleichen auch in unserer Zeit geschieht, daß ein vernünftiger Bischof von Norwich zugunsten der Judenbill aufgetreten. Dr. Birch erzählt, daß dieser bei seiner Zurückkunft in feinem Kirchsprengel jener Handlung wegen insultiert worden, „als er nach Ipswich ging, um dort einige Knaben zu konfirmieren, ward er unterwegs verspottet,, und man verlangte von ihm, beschnitten zu werden"; auch annoncierte man: „daß der Herr Bischof nächsten Samstag die Juden konmirmieren und tags darauf die Christen beschneiden würde" (man lacht). So war das Geschrei gegen liberale Maßregeln in allen Zeitaltern gleichartig unvernünftig und brutal (Hört ihn! Hört ihn!) . . . Die Zeit wird kommen, wo man den Widerstand des Parlaments gegen jene Rechtseinräumungen nicht bloß mit Verwunderung, sondern auch mit Verachtung ansehen wird. Die religiöse Weisheit eines früheren Zeitalters war oft Gegenstand der Verachtung bei den nachfolgenden Generationen (Hört! Hört!)." Ich glaube, die Leser dieses Blattes werden diesen. Scherz in ernster Zeit willkommen heißen. Die vermeintliche Gefahr, die England durch eine Gleichstellung der Juden droht, wird hier so ergötzlich dargestellt, daß man dem Herausgeber der neuen Ausgabe von Heines Werken wirklichen Dank schuldet, sie der Vergessenheit entrissen zu haben. £tn M. frank gekoren in Paris (Texas) am 17. April 1887, ermordet bei Marietta (Georgia) 17. August 1915. Ein amerikanischer Dreyfus oder das Opfer eines Ritualmordes. Von Gotthard Deutsch. (Schluß.) ic Zeitungen haben auch einen großen, man kann sogar ruhig sagen, den größten Anteil an dem Morde dieses Opfers der Volkswut. Atlanta ist eine Stadt von 154 000 Einwohnern, für eine südliche Stadt sehr lebhaft und industriereich, aber wie alle südlichen Städte, infolge der großen Negerbevölkerung nicht so lebhaft wie eine nördliche Stadt desselben Umfanges. Die Stadt hat drei Zeitungen. Wie überall sind sie Rivalen. Der sensationelle Mord eröffnet eine reiche Gelegenheit für jede Zeitung, „die letzte sensationelle Neuigkeit" zu bringen, und Atlanta wird „ein Klein-New Dorik", wo die Zeitungsjungen von zehn Uhr morgens an jede Stunde „Extrrrri" ausrufen können. Wäre der Mörder ein halbvertierter Neger mit einem Dutzend Vorstrafen, aus der Klasse, welche die Lustmorde und die Lynchsports liefert, wäre die Sache nicht halb so interessant als die Anklage gegen einen gebildeten, wohlhabenden jungen Fabrikbeamten, und einen Inden dazu, denn wir sind nicht so häufig in den Annalen dieser Klasse des Verbrechertums zu finden. Man erinnert sich

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