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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-08 · Heft 41 (8.10.1915) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 41 (8.10.1915)
Date
1915-10-08
Page
Seite 486 (sequence 6)
Language
German
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486 angesehener Kaufmann, und zwar einer jener alten jüdischen Kausleute, die trotz des Lebenskampfes, der auch damals nicht allzu leicht war, nicht ausschließlich in ihrem Beruf aufgingen, sondern noch Zeit und Muße fanden, dem Judentum und dem Studium feiner Wissenschaft zu leben. Louis Kalischer war ein vorzüglicher Kenner des rabbinischen Schrifttums, auch in der deutschen Literatur gut bewandert und in jeder Beziehung ein würdiger Sohn seines berühmten Vaters. Er lebte in glücklicher Ehe, aus der unser Jubilar entsproß, mit Friederika geb. Wehl, einer Tochter des Landcsrabbiners Meyer Wehl in Berlin, und starb, von den Seinen und so vielen, die ihn kannten und schätzten, tief betrauert, im Jahre 1900 in Thvrn. Der Vater dieses ausgezeichneten Mannes war der zu einem Weltruf gelangte Thorner Rabbiner Rabbi H \ x j ch -ft a l i s ch e r , der am 28. März 1795 in Lissa geboren ward lind am 16. Oktober 1875 in Thorn gestorben ist. Man darf auf diesen seltenen Mann das talmudische Wort anwenden: Die Frommen und Gerechten leben auch nach ihrem Tode zum Segen der Nachwelt fort. Die von ihm in seinen Propagandaschriften für die Kolonisation Palästinas aufs neue entfachte Liebe zu Zion und Jerusalem hat Wunder bewirkt, hat viele verdorrte Gebeine aus Israels Mitte neu belebt und dem Judentum lviedergewonnen. Wer über das Leben und Wirken des Rabbi Hirsch Kalischer Näheres wissen will, verweise ich auf seine ausführliche Biographie, die im hebräischen Jahrbuch „Knesset Israel" (Warschari, 1886) erschienen ist. Seine sonstigen, rabbinischen Schriften sind in Fürsts Bibliotheca Judaica ziemlich vollzählig anfgeführt. Was aber das Andenken dieses Großen in Israel der Nachwelt besonders erhält und wert und teuer macht, das ist seine vorzügliche Schrift „EmunaJeschara" (Spekulative Untersuchung ülwr jüdische Philosophie »der Dogmatik des Judentums, 2 Teile, 1843/71), die uns einen Einblick in die reiche Gedankenwelt dieses Gelehrten gewährt und schon aus diesem Grunde noch heute gelesen und verbreitet zu werden verdient. Unter den Augen dieses hohen Idealen nachstrebenden Mannes wuchs Salomon Kalischer heran. Von seinem gelehrten Vater in Bibel und Talmud unterrichtet, besuchte er in Thorn das Gymnasium und ging 1862 nach Breslau, wo er auf dem dortigen Rabbinerseminar bis 1866 Theologie studierte und so das von seinem Vater und Großvater erworbene talmudische Wissen bereicherte und vertiefte. Sodann ging er nach Berlin, studierte hier Philosophie und promovierte 1868 mit einer Preisarbeit der Berliner philosophischen Fakultät über „Die nicomachische Ethik des Aristoteles". 1869 war er in Amsterdam Erzieher des Sohnes des Bankherrn E l z b a ch e r. Von 1870 ab lebte er wieder in Berlin, studierte Naturwissenschaften, insbesondere Physik und Ehemie, habilitierte sich 1876 an der früheren Bau- und Geiverbeakademie am Schinkelplatz, und als diese im Jahre 1894 in die Technische Hochschule zu Charlvttenburg überging, wurde er 1894 Dozent an dieser, wo er noch jetzt wirkt, und zwar seit 1896 mit dem Charakter als Professor. Neben einer Reihe spezialwissenschastlicher Arbeiten aus der Chemie und Physik schrieb er wissenschaftliche Aufsätze über Theologie und Darwinismus, über die Farbenblindheit, über Goethe und Darwin, kam dadurch mit der Verlagsbuchhandlung Gustav Hempel in Berlin in nähere Beziehung und gab in den Hempelschen Klassikern Goethes naturwissenschaftliche Schriften mit umfassenden Einleitungen und Anmerkungen heraus. In der Bielschowskyschen Goethe-Biographie schrieb er den Abschnitt „Goethe als Naturforscher", und unterzog sich der Neubearbeitung von Zimmermanns „Weltall" im Verlage Hempel. Unter den wertvollen Abhandlungen, die Salomoü Kalischer in verschiedenen jüdischen Zeitschriften und in früheren Jahren auch in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlicht hat, verdient besondere Erwähnung der von ihm im Berliner Verein für jüdische Geschichte und Literatur gehaltene Vortrag über die „Arbeit im Talmud", eine tiesgründliche Studie, die später (1902) in der Festschrift für Hermann Cohen zum Abdruck gelangt ist. Hand in Hand mit seiner wissenschaftlichen und literarischen Tätigkeit geht auch sein Interesse für das jüdische Gemeindeleben wie überhaupt für alle Bestrebungen, die die Kräftigung und Hebung des Judentums und seiner Institution bezwecken. Davon zeugen zunächst die vielen Ehrenämter, die er innerhalb der Berliner jüdischen Gemeinde bekleidet. So gehört er dem Repräsentantenkollegium an seit dem Jahre 1905, dem Schul- und Talmud-Thora-Vorstand seit 1900, der Bibliothekskommission seit 1902, der Festgottesdienst- und der Subventivnskommission seit 1909, als stellvertretender Vorsitzender der Synagoge Fasanenstraße seit September 1912, der Redaktionskommission des „Gemeindeblattes" seit 1911, schließlich neuerdings der Rabbinerwahlkvmmission. In allen diesen Ehrenämtern hat sich Salomon Kalischer als ein Mann von glühender Liebe zum Judentum bewährt, auf dessen Erhaltung und Fortbildung sein Sinnen und Denken gerichtet ist. Und um dem Judentum und seinen Interessen zu dienen, getreu dem Worte: „Du bist nicht frei, dich ihrer zu entledigen," entschloß er sich vor drei Jahren, nach dem Rücktritt Martin Philippsons das verantwortliche Amt eines ersten Vorsitzenden der ältesten und größten Organisation der deutschen Juden, des D. I. G. B., zu übernehmen. Er ist der Fünfte in der Präsidentenreihe dieses Bundes und — man darf es aussprechen — ein würdiger Nachfolger dieser um den D. I. G. B. hochverdienten Männer. Schon in diesen drei Jahren seiner Leitung hat cs sich gezeigt, daß er für dieses höchste Ehrenamt der deutschen Judenheit geradezu prädestiniert war. Das bezeugt auch der Gemeindetag vom 6. Dezember 1913, dessen über alles Erwarten glänzender Ausgang als ein hervorragendes Ereignis in der Geschichte des Blindes und — als ein besonderes Verdienst seines jetzigen Präsidenten bezeichnet zu werden verdient. Salomon Kalischer legt in gleicher Weise wie sein Vorgänger, der nunmehrige Ehrenvorsitzende des Bundes, Martin Philippson, den höchsten Wert auf den Frieden innerhalb der Gemeinden und aus ein gutes Verhältnis der Beamten zum Bunde, wie er denn auch ein warmes Herz für das Wohl und Wehe der jüdischen Beamtenwelt bewährt und seit Ausbruch des Krieges seine Kraft und seinen Einfluß für die Linderung der immer mehr zunehmenden Kriegsnöte einsetzt. Der Ausschuß des D. I. G. B. erkennt die segensreiche Wirksamkeit des Herrn Professor Dr. Kalischer für den unter seiner Leitung stehenden Bund uneingeschränkt an und benutzt freudig die Gelegenheit seines 70. Geburtstages, um ihm in nachfolgender Glückwunschadresse sowohl den eigenen wie auch den Dank der Gemeinden des Reiches auszusprechen: „Hochverehrter Herr Jubilar! Am heutigen Tage ist es uns, Ihren Kollegen und Mitarbeitern vergönnt. Ihnen unsere herzlichsten Glück- und Segensivünsche zur Vollendung Ihres 70. Lebensjahres darznbringen. Vor drei Jahren sind Sie unserem Rufe gefolgt und.haben die mühe- und verantwortnngsreiche Führung des Deutsch-Israelitischen Gemeindcbundes in einem Alter übernommen, in dem manch anderer sich von öffentlichen Aemtern zu entbürden beginnt. So gilt von Ihnen das Psalmwort: Er gleicht einem Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht zur rechten Zeit gibt; sein Laub welkt nicht und alles, was er tut, gedeiht. Bei Ihrer Einführung hat unser Ehrenvorsitzender die Gründe erläutert, die uns bewogen. Sie zu unserem Führer zu erwählen. Ihr hohes Ansehen und vor allem Ihre Liebe zum Judentum, dessen

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