Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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487 Dienst sie seit langen Jahren Ihre wertvolle Kraft gewidmet haben, waren uns Bürgschaft dafür, daß <Sie der Leiter sein würden, dem wir gern Gefolgschaft leisten dursten. Die vornehme Schlichtheit, die Sie bei der Uebernahnie des Amtes zeigten, ließen uns empfinden, daß wir den rechten Mann für die Fortführung des großen Werkes gewonnen hatten 31t einer Zeit, da unser Bund Hindernisse auf seinem Wege fand. Schon die kurze Zeit Ihrer Amtsführung hat bestätigt, daß wir die den jüdischen Gemeinden gestellten großen Gesamtausgaben Ihnen mit Recht anvertraut haben. Nie wohl waren diese bedeutungsvoller als in den schweren Tagen, die wir jetzt erleben. Wir gehen einer großen Zeit nicht nur für unser deutsches Vaterland, sondern auch für unsere Glaubensgemeinschaft entgegen. Dank Ihnen für Ihr sorgsames, kluges Walten! Wohl uns und der deutschen Judenheit, daß einer ihrer Führer sich an seinem Ehrentage so seltener Rüstigkeit und Frische erfreut! Möge Gott sie Ihnen und Sie uns lange erhalten zum Wohle der Gesamtheit und der im D. J. G. B. vereinigten jüdischen Gemeinden Deutschlands. Möge es uns vergönnt sein, noch Wertvolles unter Ihrer bewährten Führung zu vollbringen!" Wir schließen uns den in diesem Schreiben zum Ausdruck kommenden Wünschen gern an und rufen dem verehrten Jubilar für sein ferneres Leben, das sich licht- und freudvoll gestalten möge, ein herzliches „Glück auf" zu. Ulbert Katz heineltuMkn. Bon Ludwig Geige r. VII. enn die früheren unter diesem Titel vereinigten Aufsätze veranlaßt wurden durch neuere Veröffentlichungen von Heine-Forschern, so wurde das Material sür den hier wlgenden Aufsatz gewonnen durch die in diesen Blättern oft erwähnte und beurteilte große neue Ausgabe von Heines Werten. Es handelt sich diesmal nur zwei politische Aeußerungen Heines, von denen die eine unbeachtet geblieben, die andere in weiteren Kreisen bisher überhaupt nicht bekanntgeworden ist. Die eine könnte man eine Prophezeiung nennen, die Ahnung eines französisch-russischen Bündnisses, 50 Jahre bevor cs historische Tatsache wurde. In Heines „Gedanken und Einfällen" findet sich nämlich folgende Stelle (Bd. X S. 281 ff. Neue Ausgabe von Walzel): „Eine Allianz zwischen Frankreich und Rußland hätte, bei der Affinität beider Länder, nichts so gar Unnatürliches. In beiden Ländern herrscht der Geist der Revolution: hier von oer Masse, dort konzentriert in einer Person, hier in republikanischen, dort in absolutistischen Formen, hier die Freiheit, dort die Zivilisation im Auge haltend, hier idealen Prinsipien, dort der praktischen Notwendigkeit huldigend, an beiden Trten aber revolutionär agierend gegen die Vergangenheit, bie sie verachten, ja hassen. Die Schere, welche die Bärte der luden in Polen abschneidet, ist dieselbe, womit in der Coniergerie dem Ludwig Capet die Haare abgeschnitten wurden; cs ist die Schere der Revolution, ihre Zensurschere, womit sie nicht einzelne Phrasen oder Artikel, sondern den ganzen Menschen, ganze Zünfte, ja ganze Völker aus dem Buche des Lebens 'chneidet. Niklas war gegen Frankreich, weil dieses seiner Regierungsform, dem Absolutismus, propagandistisch gefährlich '.var, nicht seinen Regierungsprinzipien, ihm mißfiel an Ludwig Philipp das beschränkt Bürgerkönigliche, das ihnr eine Parodie der wahren Königsherrlichkeit dünkte, aber dieser Unmut weicht ui Kriegsfällen vor der Notwendigkeit, die ihm das höchste Gesetz — die Zaren unterwerfen sich demselben immer, und -Nüssen sie dabei auch ihre Persönlichen Sympathien opfern. Tas ist ihre Force, sie sind deshalb immer so stark, und ist einer schwach, so stirbt er bald an der Familienkrankheit und macht einem Stärkeren Platz. Richtig beobachtete Custine ihre Gleichgültigkeit gegen die Vergangenheit, gegen das Altertümliche. Er bemerkte auch richtig den Zug der Raillerie bei den Vornehmen; diese muß auch im Zar ihre Spitze finden: von seiner Höhe sieht er den Kontrast der kleinen Verhältnisse mit seinen großen Phrasen, und im Bewußtsein seiner kolossalen Macht muß er jede Phraseologie bis zur Persiflage verachten. (Der Marquis verstand das nicht.) Wie kläglich müssen ihm die chevaleresken Polen erscheinen, diese Leichen des Mittelalters mit modernen Phrasen im Munde, die sie nicht verstehen; er will sie zu Russen machen, zu etwas Lebendigem; auch die Mumien, die Juden, will er beleben; llnd was sind die gemeinen Russen, als zweibeiniges Vieh, das er zu Menschen knntet? Sein Wille ist edel, wie schrecklich immer seine Mittel sind." Heines Gedanken und Einfälle, denen diese Stelle entnommen ist, sind verschiedenen Zeiten entsprungen. Man besitzt keine Handschrift und ist für den Text nur auf die Ausgabe angewiesen, die Adolf Strodtmann, der erste Herausgeber von Heines Werken, 1862 veranstaltet hat. Da die einzelnen Bruchstücke nicht datiert sind, so ist inan, um deren Entstehung festznstellen, nur auf Vermutungen angewiesen. Dies ist auch der Fall bei unserer Stelle. Daß in ihr von Niklas die Rede ist, gibt nur Berechtigung zu dem Schluß, daß die Aufzeichnungen nicht aus dem allerletzten Lebensjahr des Dichters stammen, denn Niklas bedeutet den Zar Nikolaus I., der erst 1855 starb, Heine starb 1856. Näher kommt man der Zeit der Entstehung durch die Erwähnung des Franzosen Custine; gemeint ist Magnus Astolph de Custine, 1790 bis 1857, französischer Schriftsteller, der seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts lange in Rußland lebte und 1843 ein vierbändiges, aussehenerregendes Buch: „La Russie en 1839“, erscheinen ließ. Wahrscheinlich hat die bald nach, dem Erscheinen des genannten Werkes erfolgte Lektüre Anlaß zu der Aufzeichnung unserer Bemerkung gegeben. Ein besonderer Anlaß zu dem Bündnis zwischen Frankreich und Rußland lag im Jahre 1843 freilich nicht vor, wenn >vir dieses Jahr als Entstehungszeit der Heineschen Betrachtung annehmen, aber es zeugt von dem Scharfsinn des Politikers, daß er ein solches Bündnis für möglich hielt. Dieser für die allgemeinen politischen Verhältnisse interessanten Stelle füge ich eine andere hinzu, die unsere Aufmerksamkeit ganz besonders hervorruft. Es ist eine Stelle, die in den englischen Fragmenten, und zwar in deren Urdruck steht. Diese englischen Fragmente waren — bevor sie als Buch, und zwar im vierten Teil der „Reiscbilder" veröffentlicht wurden (1830) — in den „Neuen allgemeinen politischen Annalen" 1828 gedruckt. Bei dem Neudruck in den „Reisebildern" wurden manche Veränderungen vorgenommen und einige wichtige Stellen gestrichen. Eine solche erregt unsere besondere Aufmerksamkeit. Das neunte Kapitel, „Die Emanzipation" überschrieben, handelt fast ausschließlich über die Gleichstellung der Katholiken. Am Schluß dieses Abschnittes fand sich nun folgende Stelle, die im Buchdruck fortsiel und infolgedessen bisher völlig unbekannt geblieben ist. Es ist eine außerordentlich interessante, höchst ergötzliche Ausführung, bei der dahingestellt bleiben mag, ob Heine sie wirklich, >vie er angibt, aus alten parlamentarischen Berichten abgeschrieben, oder verändert, oder etwa — was ihm auch zuzutrauen wäre — willkürlich erfunden hat. Die Stelle lautet, mit Auslassung weniger Stellen, die sich nur auf Katholiken beziehen, folgendermaßen: „Doch ich komme ab von meinem Thema. Ich wollte alte Parlamentsspäße erzählen, und siehe da: die Zeitgeschichte macht jetzt aus jedem Spaße gleich Ernst. Ich will ein noch lustigeres Stückchen wählen, nämlich eine Rede, die Spring Rice den 26. Mai desselben Jahres im Unterhause hielt, und worin er die protestantische Angst, wegen etwaiger Uebermacht der Katholiken, auf die ergötzlichste Weise