Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 484 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Hrodna 1× ep/1044655
- Minsk 1× ep/2781459
- Radom 1× ep/2781485
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484 verrotteten Lande sich wenigstens einzelne Wahrheitskämpfer finden. Der ausführliche Bericht hat folgenden Wortlaut: - Der Abgeordnete Tscheidse motiviert die Dringlichkeit der gestellten Interpellationen, indem er zunächst die tieferen Gründe der antisemitischen Politik der Negier u n g darlegt. Er sagte: „Es ist Ihnen bekannt, meine Herren, daß die Regierung, welche dem Regime des 3. Juni ihr Dasein verdankt (so bezeichnet man in Rußland das antirevolutionäre Regime seit der Auflösung der zweiten Duma durch den Mas vom 3. Juni 1907 und seit der Einführung eines beschränkteren Wahlrechts), ihre ganze Existenz auf die Verfolgung de r Jude n gegründet hatte. In Momenten, die für die russische Regierung kritisch zu werden drohen, richtet sie ihre Schläge mit Vorliebe gegen die Juden, die ihr den geringsten Widerstand leisten können. Vor einein Jahre brach der K r i e g aus . . . und siehe, die R c - gier ii u g hält s i ch wieder an d i e I u d e n. Nur legt inan ihnen jetzt nicht Ritualmorde zur Last, sondern beschuldigt sie der V e r rate r e i und der E h r l o s i g k e i t. Rußland und die ganze Welt kennt heute die io a h r e n S ch u l d i g e n , welche die gegenwärtige traurige Lage an der Front und im Innern des Landes verschuldet haben. Nicht die Juden ivaren die Schuldigen. Das ganze Land wird es bestätigen. Schuldig sind diejenigen, die sich auf Ko st e n d e r A r m e e und i h r e s B e d a r f e s b e - r e i ch e r t h a b e n. (Zwischenrufe links: Das ist wahr!) Schuldig sind diejenigen, die, geführt von den Mjassojedow. Grotgut und anderen Verrätern, Rußland verkauft haben. Wenn man die Schuldigen wirklich treffen will, wird man vor allem untersuchen müssen, welche -Rolle in der Organisation dieser Verräter - aus d e r e n Vl i t t e einige der bedeutendst e n M i t g l i e d e r s o e b e n h i n g e r i ch t e t morde n sind der Ac i n i st e r d e s I n n e r n Nl a k l a k o w spielte, der vor kurzem sein Amt niedergelegt hat und der in Wahrheit die Inkarnation des Regimes vom 3. Juni darstellt." Der Redner brandmarkt weiter in beredten Worten die von der R'egierung veranlaßten Verfolgungen und sagt: „Wir fordern die Regierung auf, uns zu sagen, im Namen loelchen Rechts ein ganzes Volk verantwortlich gemacht wird für die von einzelnen seiner Sohne begangenen Verbrechen, und waren diese noch so scheußlich. Im Namen welcher Wahrheit veröffentlicht der „R e g i e r u n g s b o t e" die in alle n Teilen erfundene N a ch r i ch t, d a ß die Juden die r u s s i s ch e n Truppen bei K o n j y verraten Hütten? Im Namen welchen Prinzips zwingt man d i e Zeitungen, unter Androhung von Strafen diese Nachricht w i e d e r z u g e b e n? Ist es ein Akt der Gerechtigkeit, daß verwundete, auf den Schlachtfeldern verkrüppelte jüdische Kriegsfreiwillige aus russischen Städten vertrieben und gezwungen werden, ihren Aufenthaltsort binnen 24 Stunden zu verlassen? Ist es ein Akt der Menschlichkeit, zu verbieten, daß den vertriebenen, auf dem Transport in Viehwagen verhungernden Juden N a h r u n g gereicht werde? Die Regierung möge uns sagen, auf Grund welcher Freiheit die g e s a m t e jüdische Press c mit einem Federstrich unterdrückt wurde? Im Namen welcher Brüderlichkeit iverden die russischen Soldaten gegen die jüdischen Soldaten a u f g e h e tz t, mit denen sie zusammen im Schützen graben liegen?" Der Vertreter der Arbeitspartei, D z u b i n s k y , betont die Bedeutung der Judenverfolgungen bei der Beurteilung der Gesamtlage des Landes. „Diese Bewegung", sagt er, „hat vielleicht nur zum Zweck, einen fiktiven Schuldigen zu finden, um auf ihn die Aufmerksamkeit des Landes zu lenken und dadurch einen Schutzwall aufzurichten, hinter dem die M j a s s o j e d o w s und alle d i e a n d e r e n lv i r k 1 i ch e n Verräter sich verstecken können. Ich bin überzeugt, meine Herren, daß die vor kurzem gebildete hohe militärische Kommission in dieser Interpellation wertvolle Fingerzeige finden wird, die ihr zur Aufklärung dienen können. Sie wird Tatsachen darin finden, die ihr nachlveiseu werden, warum man die Aufmerksamkeit des Landes nach einer bestimmten Richtung hat lenken wollen, und warum man unsere eigenen Mitbürger zugrunde gerichtet und das Werk der Verproviantierung unserer Armee mit beträchtlichen Schlvierigkeiten belastet hat." „In meiner Eigenschaft als . . . der 5. sibirischen Formation bin ich an der Front gewesen und habe mit eigenen Augen gesehen, mit welch ausgesuchter Grausamkeit die Ausweisung der Juden aus dem Gouvernement Radom durchgeführt wurde. Die ganze Bevölkerung ist während der Nacht innerhalb w e n i g e r Stunden vertrieben worden. Um 11 Uhr abends wurde der Ausweisungsbefehl für die Juden erlassen, der jeden mit der Todesstrafe bedrohte, der etwa nach Sonnenaufgang noch gesehen würde. Und so begann im Dunkel der Nacht der Auszug der Juden in der Richtung der 30 Werst entfernten Stadt Jlja. Kranke und Gelähmte mußten weggetragen werden, da alle Transportmittel fehlten. Die Zahl der A u s g e w i e s e n e n ist ungeheuer. Man hat aus dem Gouvernement Kowno 150 000, aus dem Gouvernement Grodno ungefähr 160 000, aus Polen 200 000, im ganzen also mehr als eine halbe Million Menschen vertrieben und dem Elend preisgegeben. Die Polizei und Gendarmerie behandelt die ausgewiesenen Juden wie gewöhnliche Verbrecher. Auf dem Bahnhof der Stadt Gomel zum Beispiel wurde es dem jüdischen Hilfskomitee verwehrt, an die Züge heranzugehen, um den Ausgewiesenen Hilfe zu leisten und ihnen Nahrungsmittel und Wasser zu bringen. In einem Falle sind in größter Hast aus ihren Heimstätten vertriebene Juden während der ganzen Dauer ihrer langen Reise in den Waggons eingeschlossen geblieben, und es wurde niemandem gestattet, sich ihnen zu nähern. Die meisten der Vertriebenen waren halbtot. Bei der Ankunft des Zuges konstatierte man unter ihnen sechzehn Erkrankungen an Scharlach und einen Fall von Typhus. Eine kranke Frau war unterwegs an Entkräftung gestorben. Aber dies ist nicht alles. Manche Gouverneure hielten es für notwendig, die Leiden dieser unschuldigen Unglücklichen noch zu verschärfen, indem sie den wehrlosen Opfern zur eigenen Ergötzung die schwersten Demütigungen zusügten. Insbesondere die Gouverneure von Poltawa, Minsk und Jekaterinoslaw haben bei diesem unseligen Unterdrückungswerk die größte Energie entfaltet. Sie haben die ausgewiesenen Juden wie verurteilte Verbrecher behandelt. Widerrechtlich wurden ihnen die Pässe abgenommen und durch Geleitscheine ersetzt, in denen bestimmte Orte in fünf Gouvernements angegeben waren, wo die Ausgewiesenen an einem bestimmten Tage eintreffen mußten. Selbst innerhalb dieser fünf Gouvernements aber wurden die Juden ganz willkürlich von einem Ort zum anderen gejagt." Der Redner hebt hervor, daß durch den Ministerialerlaß, welcher den Juden die Neberschreitung der Grenzen des Ghettos (der Aufenthaltszone) gestattet, die Willkür der Verwaltungsorgane' in keiner Weise gehemmt wurde, und führt Beispiele zum Beweise seiner Behauptung an. „Aber", so fährt er fort, „die furchtbarste Maßregel (nebenbei bemerkt, ungesetzliche Maßregel) besteht darin, daß u n t e r den Bürgern des eigenen Landes Geiseln genommen werden. Man beachte wohl, daß diese Geiseln unter den angesehensten Personen der Bevölkerung gewählt wurden. Welches Gesetz des russischen Reiches ermächtigt die Regierung, Leute ins Gefängnis zu stecken, deren einzige Schuld darin besteht, daß sie sich die besondere Achtung ihrer Mitbürger erworben haben? Welches Gesetz berechtigt dazu, Personen für Verbrechen zu bestrafen, die nie begangen worden sind oder von Leuten begangen wurden, die sie nicht einmal kennen? Zu dieser Stunde schmachten 4 0 0 Geiseln in den Gefängnissen von Poltawa, von Jekaterinoslaw, von Mohilew und schweben in der Gefahr, von einer Stunde zur anderen gehenkt zu werden. Sie glauben vielleicht, daß es sich nur um eine leere Drohung handelt? Ich bitte, meine Herren, hören Sie diese Verfügung: „Ter Oberkommandierende gestattet die allgemeine Ausweisung nur in besonderen Ausnahniefällen und hält es für unerläßlich, Geiseln aus den Kreisen der Rabbiner (ckes rabbius non officiels) unb reichen Juden zu nehmen und ausdrücklich zu betonen, daß im Falle eines Verrats von seiten der jüdischen Bevölkerung diese Geiseln gehenkt werde n." In Sochatschew wurden drei Geiseln gehenkt für ein Verbrechen, daß sie nicht begangen hatten. Sie büßten die Missetaten von Menschen, die sie nicht einmal gekannt hatten, mit ihrem Leben." Der Interpellant schließt seine Rede also: „Es ist hohe Zeit, meine Herren, daß. solche mittelalterliche Maßnahmen aufgehoben werden. Es ist die höchste Zeit, die Geiseln wieder sreizugeben. die noch in den Gefängnissen schmachten. Ein solches Vorgehen