Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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483 zu warnen, um bitteren Enttäuschungen oorzubeugen, falls der bisherige Erfolg sich nicht entsprechend den Wünschen des französischen Volkes entwickeln sollte. Und ein englisches Blatt, das freilich für die allgemeine Wehrpflicht eine ungemein große Propagandatätigkeit entwickelt, enthält eine Auslassung, die in ihrer Nüchternheit und ihrem offenen Geständnis geradezu Erstaunen erregt: Aber es ist ebenso wahr, daß, solange die deutschen Armeen unbesiegt bleiben, die «Sache der Verbündeten keinen g ü n st i g e n £ n u f nehmen kann. Die englische Motte konnte Belgien nicht vor der Eroberung bewahren, ebenso Frankreich nicht vor dem Verlust seiner reichsten, industriellsten Bezirke und Rußland nicht vor dem Verlust Polens und der baltischen Provinzen. Die nächste Bewegung, die Deutschland unternimmt, gilt einer Verbindung mit der Türkei, und inenn Deutschland das gelingt, wird es das ganze Land von der Nordsee bis Zum Persischen Golf und bis zum Suezkanal beherrschen, und Deutschland kann jedem Versuch gegenüber, es zu ersticken, verächtlich die Achseln zucken, während wir unsere Militärbestände in Indien und A e g y p t e n außerordentlich v e r st ü r k e n müssen. Dieser Verbrauch von Soldaten kann allein verhindert werden, wenn Deutschland zu Lande geschlagen wird. Wenn ein weiterer Verbrauch nicht verhindert wird, sind wir und unsere Verbündeten in der Tat gef eh l a gen, denn es ist uns dann nicht gelungen, irgendeines der Ziele zu erreichen, derentwegen wir in den Krieg gezogen sind. Man kann also, wenn wir auch die schweren Opfer in keiner Weise leugnen wollen, die dieser lange, vorbereitete Vorstoß unsere deutschen Truppen gekostet hat, mit Vertrauen der Zukunft, der Entwicklung der Dinge im Westen entgegensehen. Einer der deutschen Kriegsberichterstatter spricht uns aus der Seele, wenn er schreibt: Noch heißt es, in schwerem Kampf einen Gegner zurückzuloeiseu, der alles auf die Karte dieser Offensive gesetzt zu haben scheint. Aber mit unendlichem Vertrauen blickt man auf den Heldenmut unserer Männer von der Champagne. Man weiß: die werden durchhalten. „Das sind Leute," meinte ihr Heerführer, „das Herz will einem immer aufs neue vor Dank schweren, wenn man nur an sie denkt." Gegenüber diesen ungeheuren Tatsachen im Westen, denen wir in der Ferne zuschauen müssen, verschwindet alles übrige an Bedeutung. I m O st e n geht es langsam, aber sicher weiter. Die Russen ziehen sich allerorten zurück, freilich überall nach außerordentlichem Widerstande, so daß das Vorrücken nicht so schnell geht, wie wir alle vor einigen Wochen wähnten. Eine kürzlich gegebene Zusammenstellung weist darauf hin, daß in dem einzigen Monat September die von den deutschen Truppen im Osten gemachten Gefangenen und die Höhe der übrigen Beute 421 Offiziere, 95 464 Mann, 37 Geschütze und 298 Maschinengewehre waren. Eine ungeheure Zähl, der gegenüber die von den Franzosen angegebenen, aber gewiß stark übertriebenen Zahlen völlig verschwinden. Was die übrigen Ereignisse betrifft, so hat man zu konstatieren, daß unsere vereinigten Gegner in Saloniki Truppen ausgeschifft haben oder ausschiffen wollen, wenn Griechenland, das unzuverlässig und schwankend in seinen Entschließungen ist, dies gestattet. Man sPriAt von 150 000 Mann, die dazu bestimmt sind, Serbien Hilfe zu gewähren. Man muß sich daher aus ein neues Kampfgebiet gefaßt machen, das gewiß nicht mühelos zu erobern sein wird und zu dessen Erwerbung gewiß die größten Anstrengungen unsererseits wie der Verteidigung seitens der Gegner gemacht werden, da ein Dlirchzug nach Serbien und das hoffentlich zu uns sichende Bulgarien die für uns immer notwendiger werdende Verbindung mit der Türkei herstellt. Als letzte Nachrichten sind zu melden, daß Rußland an Bulgarien ein Ultimatum gestellt hat, daß in Athen der Belagerungszustand erklärt worden ist und daß von Griechenland gegen die Landung in Saloniki ein Protest erhoben worden ist, während anderseits verlautet, daß von den Ententemächten Griechenland ein außerordentlich bedeutender Vorschuß gewährt wurde. * Aus dem Osten, Galizien und Rußland, liegt eine Reihe von Nachrichten vor. Zunächst meldet das „Berliner Tageblatt", freilich mit einem Fragezeichen, das Folgende: Die „Rjetsch" berichtet, daß durch Kiew nach Galizien ein Zug mit 37 Waggons, die mit galt zischen Juden besetzt waren, durchfuhr. Die Juden seien früher aus Galizien vertrieben worden, werden aber jetzt wieder zurückgeschickt. Der „Kölnischen Zeitung" wird aus Kopenhagen berichtet: Wie die „Rjetsch" meldet, erhielt das jüdische Komitee in Moskau aus Kiew die Mitteilung, daß 5 0 0 jüdische Fa m Uten aus G a l i z i e n nach N i s h n i j - N o w g o r o d abgereist feien. Durch diesen Mussentransport von Juden nach dem Innern des Landes wurde das Komitee hochgradig überrascht, nachdem zuerst die Weisung erteilt worden war, daß die Familien nach Galizien zurückgesandt werden würden. Sodann geben wir hier einen Aufrufdes jüdischen H i l f s k o m itees in L e m b e r g wieder: Nach mehr denn zwölf Monate währenden unbeschreiblichen Leiden und Qualen tritt die jüdische Bevölkerung des vom Feinde fast vollständig befreiten Galizien an die gesamte Öffentlichkeit mit der Bitte um Hilfe heran. Bon den 840000 Inden Galiziens sind nahezu neun Zehntel vollständig zugrunde gerichtet. Der Staat wird seinen treuen, unglücklichen Bürgern seine Hilfe sicherlich nicht versagen, doch wird dies in Anbetracht der unermeßlichen Not nicht hinreichen. Bor allem ist aber augenblickliche Hilfe vonnöten. Schon die im Zuge befindliche Repatriierung der Flüchtlinge, nicht minder aber auch die Erhaltung derjenigen, denen es unmöglich gewordenist, in ihre zerstörte Heimat zurückzukehren, und die Unterstützung der verarmten Gemeinden erfordern täglich bedeutende Summen. Ganz außerordentliche Mittel aber wird der Wiederaufbau der vernichteten Existenzen in Anspruch nehmen. Das jüdische Rettungskomitee für Galizien, mit seinem Sitze in Lemberg, hat bis jetzt 408 000 Kronen, die i-hrn ausschließlich von der Privatwohltätigkeit der Glaubens- und Stammesgenossen zur Verfügung gestellt worden sind, zur Linderung der Not unter den Juden Galiziens ausgegeben. Nun sind seine Mittel beinahe erschöpft. Im Namen der jüdischen Bevölkerung Galiziens wendet sich das Komitee an die weitesten Kreise der gefaulten Öffentlichkeit mit der dringenden Bitte, ihm in seiner schweren Arbeit helfend beistehen zu wollen. Eventuelle Beträge sind zu richten an das Jüdische Hilfskomitee zu Händen des Vorsitzenden Herrn Kaiserl. Rat Jakob S t r o h , Lemberg, Bernsteina 12. Während so in dem leider lange Zeit von den. Russen besetzten Galizien höchst traurige Zustände für die Juden bestehen und ebenso die von den Russen aus Galizien fortgeschleppten Juden entsetzliches Elend erleiden, steht es mit den Juden in Rußland trotz aller gegenteiligen Versicherungen der russischen Regierung nicht besser. Eine kleine Notiz zeigt -dies deutlich. Sie lautet: Der „Kölnischen Zeitung" wird von der schweizerischen Grenze berichtet: Schweizerische Blätter berichten aus Petersburg, „Rjetsch" teilte mit, daß im Gouvernement Orenburg alle Juden durch Drohbriefe eines Arbeiterkomitees aufgefordert seien, das Gouvernement unter Zurücklassung ihrer Habe zu verlassen. Das Blatt veröffentlichte einen E i n s p r u ch der A r b e i t e r o rg-anisatio n von Orenburg, wonach sie erklärt, s ie h ä t t e m i t d e r A n ge legenh e i t n i ch t s z u t u n. Endlich gibt das „Berliner Tageblatt" nach der Pariser „Humanite" eine Darstellung über die sozialistische Interpellation in der Duma gegen die Judenverfolgung. Man mutz dem französischen Blatte Dank sagen, daß es diese furchtbare Anklage eines mutigen russischen Politikers der Welt verkündet, und kann, wenn man auch mit wahrhaftem Schauder diese .Darlegungen liest, nicht umhin, sich zu freuen, daß in dem