Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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482 von den durch uns zurückzugebenden Gegenden, wo Deutschland und Oesterreich-Ungarn die Bedingungen stellen können. Die äußere Gleichberechtigung hat jedoch nur einen Sinn, wenn die polnischen, litauischen und kurländischen Juden ihrem geistigen und wirtschaftlichen Elende entrissen werden. Das kann lediglich durch die Schule geschehen. Zunächst müßte, wie für die christlichen Polen, der Schulzwang eingeführt werden. Aber welchen Charakter soll die Schule erhalten? Dreimal haben es russische Kaiser — Alexander I., Nikolaus I. und Alerander II, — versucht, den Juden Schuten mit allgemeiner Bildung aufzuerlegen. Dreimal sind sie an dem Widerstande der Juden gescheitert, die fürchteten, man wolle sie nur ihrer Religion entfremden und zur Taufe überführen. Solche Besorgnisse waren vielleicht bei Nikolaus I., nicht aber bei Alerander I. und II. gerechtfertigt, und so haben die russischen Juden sich selber im Elend erhalten. Es steht also jedenfalls fest, daß für die neu zu errichtende Schule der Unterricht im Hebräischen, in der Thora sowie für die höheren Klassen im Talmud erhalten werden muß. Wir dürfen weder religiösen Zwang ausüben wollen, noch unseren östlichen Stammesgenossen Angst für die Erhaltung ihres Glaubens einflößen. Aber dreierlei muß außerdem für die jüdische Schule ilnbedingt gefordert werden: sie darf kein Cheder sein, sondern eine nach modernen, pädagogischen Grundsätzen eingerichtete Anstatt: es darf in ihr nicht im Jargon unterrichtet werden, sondern in einer gebildeten, nationalen Sprache; neben dem Hebräischen muß auch gleichberechtigt der allgemeine Lehrstoff herrschen. Die erste dieser drei Forderungen bedarf keiner Begründung. Tie Fortdauer des „Jiddischen" aber als Unterrichtssprache würde den ferneren Ausschluß der Juden von der Nation bedeuten, sie als fremden Bestandteil im nationalen Körper erhalten nnd damit der Vereinzelung, dem nicht unbegründeten Antisemitismus preisgeben. Drittens ist für das geistige, wirtschaftliche und politische Gedeihen der Israeliten die Teilnahme an der allgemeinen Bildung durchaus unentbehrlich. Auch diese Gesichtspunkte sind so selbstverständlich, daß sich ein näheres Eingehen darauf erübrigt. Welches sind nun die Sprachen, in denen der Unterricht in den neuen Schulen erteilt werden soll? Für Kurland xtnb Litauen ist es undiskutierbar: in jenem Deutsch, in diesem Russisch. Denn es sind die ausschließlichen Landessprachen. Anders verhält es sich mit Polen. Im nördlichen Polen, zumal in den größeren Städten, gibt es ein starkes deutsches Element, und dies zu stärken liegt offenbar im Wunsche und im Interesse der jetzt dort maßgebenden deutschen Verwaltung. Im nördlichen Polen könnten die Schulen also einen deutschen Charakter annehmen. Verschieden davon ist die Lage im mittleren und südlichen Polen, mit Einschluß der Hauptstadt Warschau. In diesen Gegenden ist das Polnische durchaus maßgebend, und wenn man nicht die Juden wieder zu nationalen Feinden stempeln will, wie sie bisher von der ungeheueren Mehrheit des polnischen Volkes betrachtet und leider auch mißhandelt worden sind, so muß hier die Lehrsprache in den dortigen jüdischen Schulen das Polnische sein. Das sind natürlich nur große, allgemeine Linien. Sie im einzelnen durchzuführen und zu vertiefen, fühle ich mich nicht berufen und halte es auch noch nicht an der Zeit. Aber grundsätzlich an der Verwirklichung dieser Vorschläge zu arbeiten, ist, glaube ich, die Pflicht aller deutschen und österreichischen Juden und zumal derjenigen, die Einfluß auf ihre Regierungen besitzen. Jedes Zögern kann unberechenbaren Schaden bringen. Und wer wird sich an der Schuld beteiligen wollen, durch die Fortdauer des jetzigen geistigen, sittlichen und ökonomischen Elends der polnischen, kurländischen und litauischen Juden den unvermeidlichen Untergang von drei Millionen Menschen, Stammes- und Glaubensgenossen, mit herbeigeführt zu haben? Sie aber der Behandlung des polnischen Adels (siehe Galizien!), der baltischen Barone und der russischen Beamten überlassen, heißt nichts anderes, als diesen Untergang 'unvermeidlich machen. Sie Mache. Berlin, den 5. Oktober 1915. er lang erwartete Angriff der W e st m ä ch t e gegen unsere Front in Flandern und Frankreich hat am Sonnabend, den 25. September, begonnen und dauert noch immer an. Er ist mit furchtbarer Uebermacht (man spricht von dem Verhältnis von 4 :1) unternommen, mit einer ungeheueren Munitionsverschwendung durchgeführt worden und hat schmerzliche Opfer und Verluste von unserer Seite erfordert, die allerdings schwerlich so beträchtlich sind, wie die Gcneralstabsberichte der Franzosen zu melden wissen, die unter anderem von 23 000 Gefangenen und von einer außerordentlich großen Zahl von Kanonen erzählen. Diese Kämpfe haben aber den Feinden, sowohl den Franzosen als den Engländern, noch größere Verluste zugefügt. Nach vorsichtiger Berechnung, teilt die Oberste Heeresleitung mit, betragen die französischen Verluste an Toten, Verwundeten und Gefangenen m i n d e st e n s 130 000, die englischen 60 000, die deutschen noch nicht ein Fünftel dieser Zahl. Das Resultat dieser Schlachten, die zu den außerordentlichsten gehören, die während dieses Feldzuges geschlagen worden sind, ist einstweilen noch nicht abzusehen, da die Kämpfe fortdauern. So viel aber kann man schon jetzt sagen, daß das Triumphgeschrei der Franzosen, die wohl wissen, was auf dem Spiele steht, die dieses Anrennen als das entscheidende betrachteten und die sich einredeten, daß es diesmal gelingen müßte, verfrüht war. Das Triumphgeschrei machte sich in einem Jubeltelegramm des Präsidenten Poincare an den russischen Kaiser Luft und fand in einer begeisterten telegraphischen Antwort des letzteren sein Echo. Der beabsichtigte vollkommene Durchbruch, der nach dem Wahne der Gegner eine Vertreibung unserer Truppen aus Frankreich, ja einen siegreichen Einzug der Feinde in Belgien zur Folge haben sollte, ist in dieser Ausdehnung absolut nicht gelungen. Trotz einiger Vorteile, die. nicht geleugnet werden können, ja selbst in ihrer Erheblichkeit nicht abgeschwächt werden sollen, stehen unsere ivunderbaren Truppen in ihrer zähen Widerstandskraft fest, nnd der deutsche Leiter der Operationen, der Kronprinz Rllpprecht von Bayern, erklärt unsere Lage für vortrefflich, wenn auch er auf eine Erneuerung der schweren und opferreichen Angriffe der Gegner gefaßt ist. Aber wir dürfen schon jetzt nicht bloß auf die heroische Abwehr dieses Ansturms, sondern auch auf manche kleineren Erfolge Hinweisen, die unsere mächtigen Gegenangriffe zur Folge gehabt haben. Diese für uns hocherfreuliche, für unsere Gegner natürlich sehr betrübende Wahrheit sehen auch die vernünftigeren Franzosen und Engländer trotz der offiziellen Uebertreibungen ein. Gustave Hervv, einer der wenigen ruhig Denkenden und sich gemüßigt ausdrückenden Franzosen, schreibt folgendes: Wenn die Offensive gelinge, seien Frankreich nnd Belgien vorn Feinde gesünbert, Bulgarien abgekühlt, Rumänien n n t Griechenland zu in Eingreifen bereit. Mißlinge sie, >5 seien die besetzten Gebiete von Frankreich nnd Belgien noch ans Monat hinaus in deutscher Geivalt, nnd Griechenland und Rumänien würde! den Entschluß nicht finden einzngreifen. Die bisherigen Er geb nisse der O f fe n s i v e s e i e n zwar großartig, abc: man dürfe keine L » f t f ch l ö s s c r bauen. Auch die bestbegonnem Offensive könne schließlich noch scheitern. Er wolle aber nicht entmutigen; Zweck seiner Ausführungen sei nur, vor übertriebenen Hoffnungen