Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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9. Jahrgang Nr. 41 Berlin, 8. Oktober 1915 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Miese Heilung erscheint rvöchenlNch. A bonnetnent s-pr e'>durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere veririebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. — Postscheckkonto 32%. Begründet von Raddiner Dr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-<*9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Utlfoftlf* Die Zukunft der Juden des Ostens. Bon Professor Dr. Martin Phi tipp s oh n. — Die Woche. — Salomon Malischer. Von Albert Katz. — Heinestudiea. Von Ludwig Geifer. — ^eo M. Frank. Ein amerikanischer Treysus oder das Opfer eines Ritualnordes. Von Gotthard Deutsch. — Jüdischer Feldgvttesdienst. Von Rechtsanwalt Dr. Grundmann, Essen, z. Zt. Unteroffizier beim Landst.- Batl. I, Essen. — Feuilleton: Der lange Rock. Roman von Anna Goldichnlidt. — Literarische Mitteilungen. — Nachtrag zu Nr. 40. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Groß-Strehlitz O.-S., Aus der Provinz P osen. Hamburg,Leipzig, Vraun-!chweig, Köln, München, Nürnberg, Budapest, Warschau. —Von Nah und Fern. Die Lukunkt der yullm des Mtms. Von Professor Dr. Martin Philippson. er von allen heiß ersehnte Friede scheint noch weit entfernt, und wie er sich gestalten wird, ist noch in Dunkel zehüllt. Niemand kann seine Bedingungen vorhersehen, allein, wenn nicht, was ja kaum zu befürchten ist, ein völliger ilmschwung stattfindet, so scheint gewiß, daß Deutschland und Oesterreich-Ungarn das ehemalige Königreich Polen, die itauische Festungsreihe von Kowno bis Brest-Litowsk sowie Nurland unter irgendeiner Form ihrem politischen Einflüsse .'orbehalten werden. Trotzdem ist es ein dringendes, ein unabweisbares Beüirfnis, daß schon jetzt das Schicksal der drei Millionen Juden, üe diese Länder sowie das bereits von den Verbündeten nsetzte westliche Litauen bewohnen, in seinen großen Zügen geregelt werde. Nur die unmittelbare Macht der deutschen und österreichisch--ungarischen Regierung kann diesem Geschick eine günstige Fügung geben. Denn wer wird nach dem Frieden im Innern jener Länder den Ton angeben? In Polen >ie Schlachta, der polnische Kleinadel, der schon längst das enachbarte Galizien regiert und ausbeutet. In Kurland er durchaus reaktionäre baltische Adel. In Litauen das rusische Beamtentum, über das sich niemand Illusionen machen vird. Diese Elemente werden alles aufbieten, die Juden in Stande der Parias zu erhalten, sie von der nationalen lultur auszuschließen, um ihnen jeden Einfluß auf das sowie, wirtschaftliche und intellektuelle Leben des Volkes zu beichmen. Sie werden damit nur tun, was sie bisher nach iräften getan haben. Eine günstigere Wendung in der Entwicklung der Juden aller jener Länder ist demnach lediglich zu rwarten, solange die verbündeten Regierungen unmittelbar ort die Gewalt ausüben. Sie haben auch ein wesentliches Interesse daran, das jüische Element in den vorerwähnten Gegenden zu heben und >i stärken, da sie in ihm einen steten treuen Bundesgenossen iuden, wie es zum Beispiel die Juden der Provinzen Posen und Vestpreußen allezeit für die preußische Regierung gewesen >nd. Wohlaber i st es e i n e u n a b w e i s l i ch e, d r i n - ende Pflicht für uns deutsche und österreinsch-ungarischeJuden, unserenRegierungen den Weg zu weisen, den sie für d ie Kräftigung u nd N utzb ar m a chung der ö st l i ch e n Juden zu beschreiten haben. — Wie könnten diese Regierungen sonst den Weg finden bei ihrer gänzlichen Unbekanntschaft mit der östlichen Judenheit? Nicht ein Augenblick darf dabei verloren werden, denn große Reformen lassen sich nicht von einem Tage zum anderen bewerkstelligen. Es darf auch nicht eingewendet werden, daß das staatsrechtliche Schicksal jener Länder noch nicht feststehe: Polen, Balten, Litauer müßten am Tage endgültiger Regelung die Gleichberechtigung der Juden und ihres Schulwesens, von dein wir sogleich sprechen werden, schon als unwiderrufliche Tatsache vorfinden. Das ist ein Punkt von äußerster Wichtigkeit. Nicht obschon, sondern weil wir die Zukunft jener Länder noch nicht kennen, muß die Stellung der Juden von vornherein entschieden sein. Vor allem muß den Juden die v ö l l i g e Gleichberechtigung gewährt werden. Man wende nicht ein, daß die Masse der dortigen Israeliten dafür noch nicht reif ist. Sv reif wie die der polnischen oder litauischen Bauern ist sie gewiß. Und dann, nur die Freiheit kann die Zustände bessern, die durch eine vielhundertjährige Unterdrückung hervorgerufen worden sind. Bor hundert, ja vor achtzig Jahren sah es in der Provinz Posen mit den dortigen Juden nicht besser aus wie in dem jetzigen Polen. Es herrschte daselbst eine unbedenkliche Gewinnsucht, die die Zahlen der jüdischen Kriminalistik unheimlich anschwcllen ließ und die Zuchthäuser mit zahllosen Juden bevölkerte, unbeschadet des schlimmsten religiösen Aberglaubens. Erst die freiheitlichen Bestrebungen und die bessere Bildung seit den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts haben hierin einen Umschwung zum Guten hervorgebracht, so daß unsere Glaubensgenossen in den ehemals polnischen Gegenden Preußens zu den ehrenhaftesten und tüchtigsten Elementen des deutschen Vaterlandes geworden sind. Und ebenso würde die Freiheit und die bürgerliche Ehre sowie die höhere Bildung auch auf die Juden Polens und Litauens wirken. Uebrigens waren die polnischen Israeliten schon seit 1863 gleichberechtigt und sind nur allmählich durch die russische Reaktion der Emanzipation beraubt worden. Für die Distrikte Litauens, die bei dem Friedensschlüsse wahrscheinlich an Rußland zurückgegeben werden, wie die Gegenden von Wilna, Pinsk nsw. müßte die Gleichstellung der Juden vertraglich festgelegt werden, und zwar mit Bestimmungen und in Ausdrücken, die nach menschlichem Ermessen solche schändliche Ausreden und Kunststücke, wie die Rumänen solche zur Umgehung der betreffenden Vertragsartikel bekanntlich angewendet haben, unmöglich machen würden. Wir sprechen nicht von den durch die Verbündeten nicht berührten Provinzen des ungeheueren Zarenreiches; hier wird die russische Regierung sich nicht hineinsprechen lassen: wohl aber