Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1915)
- Date
- 1915-09-29
- Page
- Seite 480 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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48Ö getrübt, bei* an den Folgen der Aufregungen im Jahre 1843 starb. Aber auch Geiger sollte sich nicht mehr lange der Anerkennung freuen, die ihn Zuerst über seinen Gegner triumphieren ließ. Sein Name verblaßte, und die Zahl seiner Anhänger ging immer mehr zurück. Selbst seine wisstmschaftlichen Arbeiten fanden so wenig Anerkennung, daß man bei der Gründung des Breslauer Seminars ihn sowohl bei der Organisation als auch für die Lehrtätigkeit vollkommen überging, und er war froh, daß sich ihm Gelegenheit bot, das Nabbinat von Frankfurt a. M. anzunehmen. Selbst die Tatsache, daß er seinen Freund Stein aus diesem Nabbinat verdrängte, hinderte ihn nicht, seine Bewerbnng aufrechtzuerhalten und im Jahre 1863 nach Frankfurt üverznsiedeln. Allein auch dort fand er kein geeignetes Feld für seine radikale Tätigkeit, und gern folgte er im Jahre 1870 einem Ruse nach Berlin. Dort war er eigentlich erst recht auf seinem Platze, dort fand er für die weitgehendste Reform Gehör, und dort ward ihm endlich auch an der um jene Zeit gegründeten Hochschule für die Wissenschaft des Judentums die langersehnte Gelegenheit zur Ausübung des Lehramtes. Aber schon nach fünsjührig-er Tätigkeit überraschte ihn ein plötzlicher Tod. Geiger ist der geistige Baker der Reform im Judentum. Die Zweifel, die ihn als Kind bereits beseelten, die ihm als Jüngling sogar den Gedanken nahelegten, dem rabbinischen Studium zu entsagen, verließen ihn fein ganzes Leben nicht. Entwickelten sich in ihm doch solch radikale Ideen, daß ihre volle Ausführung vom Judentum überhaupt nichts znrüekgelassen hätte, und daß sie daher auch bei ihm nur Theorie blieben. Nicht nur der Talmud, sondern auch die Bibel sind ihm Menschenwerk, in das Judentum „kann kein Denkender und Fühlender sich hineinfinden", und „feine objektive Gestalt wirkt abstoßend". Auch die weiteste Reform kann keine Abhilse schaffen, sondern nur eine vollständige Umstürzung des alten und Schaffung eines neuen Gebildes. Was das für ein Gebilde sein soll, bleibt ihm selbst unklar, und er schreitet daher nicht zu seiner Verwirklichung. Zuletzt begnügt er sich mit einer Reformierung des alten Judentums und setzt in seinen Schriften seine Kraft dafür ein, seine diesbezüglichen umstürzlerischen Gedanken in ein wissenschaftliches Gewand zu kleiden. Diese Werke sind äußerst zahlreich; das umfangreichste ist seine „Urschrift", außerdem verfaßte er eine große Zahl von Aufsätzen und kleineren Arbeiten. Wissenschaftlich konnten sie sich alle nicht behaupten; seine Hypothesen bestricken zwar durch eine geniale Kombinationsgabe, zerfallen aber in nichts, sobald man sie einer kritischen Piüfung unterwirft." Man kann sich wirklich nichts Verlogeneres denken. Der Abschnitt über Tiktin ist die offenbarste Unwahrheit. Die Bemerkung über Stein und das Frankfurter Nabbinat stellen die Wahrheit auf den Kopf. Die Bemerkungen über die wissenschaftlichen Werke wären empörend, wenn man nicht bedächte, daß der Verfasser jedes -Urteils bar ist. Es würde sich nicht lohnen, sich über ein so eben des- Machwerk zu ereifern, wenn marl nicht bedächte, daß ein solches Buch durch die Rührigkeit der Orthodoxen in viele Hände käme. Es ist aber aufs stärkste zu mißbilligen, daß eine wissenschaftliche Gesellschaft es wagt, ein derartiges, jeder lvissenschaftlichen Grundlage entbehrendes Machwerk in ihre Publikationen ansznuehmen. L. G. * 3 eit] ch ritt s ü r D e m o g r a p h i e u n d S t a t i st i k d e r I u d e u. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden. Berlin C. Schriftleitung Tr. Bruno Blau, Berlin. 10. Jahrgang. Heft Nr. 3 und 4. März/April 1914. Wir leben jetzt in Zeiten, in denen der Statistik ganz andere Bahnen gewiesen sind als in ruhigen Epochen. Aber da wir die Hoffnung nicht anfgeben mögen, daß es nicht allzu lange dauern wird, bis wir wieder in geordnete Zustände kommen, wollen wir nicht aufhören, uns mit der Wissenschaft zu beschäftigen. Die Statistik ist freilich eine recht trockene Wissenschaft, aber manche aufschlußreiche Angaben lassen sich auch aus zahlenmäßigen Zusammenstellungen ersehen. Die in den beiden Heften gedruckten Abhandlungen beziehen sich auf Sachsen, Ungarn usw. Bon besonderem Interesse sind die Abhandlung von Weißenberg „Die russischjüdischen Studenten an deutschen Universitäten" und der Aufsatz von Maximilian Paul Schiff „Die statistischen Ziffern für Austritt aus dem Judentum und Mischehen". Da der augenblickliche Raum dieser Blätter es nicht erlaubt, näher ins Detail zu gehen, so sei erwähnt, daß 1914 in Berlin unter 510 russischen Studenten 499 Juden, in den hauptsächlichen deutschen Universitäten unter 2149 Russen 1883 Juden gezählt wurden. Das ist allerdings eine ganz ungeheure Zahl, sie ist auch außerordentlich groß im Verhältnis zu den übrigen Ausländern, von denen nur 4275 gezählt wurden. Im ganzen gab es 39 347 Hörer aus den Universitäten. L. G. * — Der Büchers chatz des Lehrers: Handbuch zum Alten Testament. Von Wilhelm Erbt, Lic. theol., Dr. Phil., Ober lehrer an der Königlichen Luisenstistüng in Posen. (1909, Oster wieck a. Harz.) 18. Band, 1914. Das „wissenschaftliche Sammelwerk", wie es die Herausgebe. Beetz-Gotha und Rude-Nakel bezeichnen, das dem Lehrer zur Vorbereitung und Weiterbildung dienen soll, sollte auch selbst bei Be Handlung der jüdischen- Religion strengster Objektivität sich befleißigen und die in die Rumpelkammer gehörenden alten Vorurteile nicht als Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung auftischen. Immer wieder gewahren wir, daß neuere Forschungen — zumal auf dem Gebiete jüdisch-religiöser Fragen — einfach ignoriert wer den, wenn sie in Widerspruch mit alten, auf gehässige Motive zurück zusührenden Lieblingsaufsassungen stehen. Belehrung aus Schriften jüdischer Gelehrten, wie Güdemann, Elbogen, Baeck, Escholbache? usw., zu schöpfen, wird überhaupt verschmäht. In dem „Das Juden tum als Weltreligion" überschriebenen Kapitel des erwähnten Hand buches finden wir S. 240 die Behauptung: „Die Frömmig keit wird zum Reche n exem p-e l." (Vom Verfasser gesperrt gedruckt.) Eine ähnliche Ansicht vertrat der berühmte Gelehrt? Wellhausen in der ersten Ausgabe seiner „Geschichte" mit den Worten. „Nicht die Gesinnung entschied, sondern die einzelnen Handlungei wurden addiert." Jedoch in späteren Ausgaben hat W. seine Ai sicht über die altjüdische Frömmigkeit revidiert, den zitierten Sa : weggelassen und dafür seiner Ueberzeugung dahin Ausdruck gegeben: „Es ist jedoch nicht richtig, zu glauben, daß nun unter dem Joch? des Gesetzes alle anderen Triebe des geistigen Lebens verkümmert wären." Herr Erbt kehrt sich nicht daran und verharrt aus der alten, vo i religiösen Vorurteilen inspirierten Auffassung, auch wenn sie wissenschaftlich nicht zu begründen ist. Der Irrtum wirkt insofern besoi - ders verhängnisvoll, als er in Lehrerkreisen adoptiert und bet Schülern als Wahrheit übermittelt wird. Dr. Spanier, Magdeburg. I Mchrremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in I keinem Falle statt. I Der Rahmen der Mischna. Die jüngste Mischnaquelle (R 2). E'.n l mischnisches Lehr- und Lesebuch. Von Rabbiner Dr. L. A. RosenthaI Berlin. Verlag: Louis Lamm. Berlin 1915. I Beiträge zur Geschichte des jüdisch-religiösen Niederganges ba I Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. Von Samu.i l Nathhaus, Frankfurt a. Nt. Nr. 3 Schechitah erste Folge. I Der ideelle Rückgang der Israelitischen NAigionsgesellschaft Frcnu I sitrt a. M. Bon Samuel Rathhaus, Frankfurt a. M. II. I Deutsche, böhmische und polnische Shnagogentypen vom XI. b I Anfang des XIX. Jahrhunderts. Herausgegeben mit Unterstützm I der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kuustdenkmäler (E. V.) I Frankfurt a. M. Von Professor Dr.-Jng. Alfred Grotte. SO, it I 24 Tafeln und 60 Abbildungen. Verlag: Der Zirkel, Architektn.-I Verlag G. m. b. H. Berlin 1915. I Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. gründet von Z. Frankel. Organ der Gesellschaft zur Förderung, d rl Wissenschaft des Judentums. Herausgegeben von Prof. D'.I M. Braun. Neunundfünfzigster Jahrgang. Neue Folge: Dreimal dreißigster Jahrgang. Mai-Juni 1915. Koebnersche DerlagsbnPl Handlung. Breslau 1915. I Kriegspolitische Einzelschriften. Heft 1. Die Kriegsverschwöru u]| und bk Kriegsverschwörer von Salvator. Verlag: C. A. Schwetsclle» u. Sohn. Berlin 1916. I Eduards ^unselige Erber:. Die Kriegshetzer. Von Moritz Lo b. > Verlag: Hasas u. Grabherr. Augsburg 1915. I La Revue Ukranienne. Mensuel edit6 par Arthur Seelichfl Imprimerie Cooperative La Concorde. Lausanne 1915. I Die Kirche. Zentralorgan für Bau, Einrichtungen und Ausstattinu» von Kirchen, kirchlichen Bauwerken und Anlagen. Band XII. Nüii» 1915. Heft 5. I