Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1915)
- Date
- 1915-09-29
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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479 -- pr'ach so grob, wie sonst nie. „Du kannst kein Butterbrot verdienen." Nein, Papa, gewiß nicht. Aber das liegt nicht an mir, ist mch ganz egal, gehört nicht hierher, jetzt, wo die Welt in slammen steht. „Du hast 'ne Ahnung von meinen Sorgen!" wehklagte er oeiter, seine Stimme klang wie durch zornige Tränen. „Du ,ast 'ne Ahnung, wenn die Mama Ivird kommen und wird agen: Ich brauch' das und das. Gib, gib und immer gib. 9n hast 'ne Ahnung." Jetzt tat er mir leid. In allen Stunden des Lebens, in lllen Sorgen und Ereignissen, immer die eine Angst vor Mama. .Wenn die Mama wird kommen." Welch furchtbare Anklage nr die Mama, daß er nicht zu ihr hingeht in der Stunde der Bedrängnis, sich Rat und Beruhigung zu holen und mit ihr u überlegen, wie sie die schwere Zeit gemeinsam überstehen onnen. Er hat nicht einmal den Mut, ihr zu sagen: „Schränke ich ein, wir können jetzt nicht leben wie sonst." Gut, so muß ich ihn denn haben, ich, der sie ihn vielleicht int meisten übelnimmt. Aber das hilft nichts. Jetzt ist keine seit, sich und andere zu schonen. Geradewegs gehe ich hinauf n Mamas Zimmer. Drin steht Margotle, verängstigt, ganz ratlos vor Erarmen und Angst und atmet tief und erleichtert auf, als sie nch eintreten sieht. Sie rührt eben eine weiße Flüssigkeit in wem Glas Wasser zurecht, und Mama, die auf dem Sofa iegt, ein nasses Tuch auf dem Kopf, schreit schon wieder das >ind nervös weinend an, weil seine zitternden Fingerchen nicht hneller mit dem Zeug fertig werden. „Was ist denn los?" frage ich recht ungerührt, nehme itargot entschlossen das Glas aus der Hand und drehe den öffel weiter. Mama zuckt unangenehm berührt zusammen n dem trockenen Ton, doch hat er sie etwas gerafft. Weniger oeiuend und nervös antwortet sie mir: „Ja, weißt du denn ächts? Und wir hier an der Grenze und die Russen eine albe Stunde von uns? Was meinst du, die lassen keinen Nein über dem anderen. Das Silber packst du nachher gleich in, verstehst du? Das schicken wir nach Berlin und meine ühmncksachen und den Damast — und — und" — „Ja, Mama, das wird sich ja alles finden," sage ich und Aargotle starrt mich ganz entsetzt an wegen meines ungeduldigen Tones. „Ich bin tot, ich bin glatt tot vor Angst," stöhnt Mama oeiter. „Und siehst du, so ist nun Papa. Jetzt müßte er doch an meinem Lager stehen und mich beruhigen, aber nein, daran aenkt er gar nicht. Für ihn gibt es nur Geschäft und Geschäft md wieder —" „Margot, du mußt in die Klavierstunde," sage ich, indem h auf meine Uhr sehe. Ich weiß, ich schicke das Kind zehn Minuten zn früh weg. Aber mag sie dort im ungemütlichen Vorzimmer der Klavierlehrerin warten, bis sie drankommt, -esser, als hier ihre Mutter so unbeherrscht, so ungerecht zu Heu. Verschüchtert schleicht das Margotle davon, sie wagt icht einmal mir von der Tür nochmal zuzunicken, als sie diese wtlos schließt. „Versuch jetzt etwas zn schlafen!" sage ich in dem Ton, der i ruhigen Tagen Mama bis aufs äußerste reizt. Mama vertilgt zärtliche Untertänigkeit im Ton ihrer Umgebung und die ringe ich ihr gegenüber nicht recht auf. „Ich will nachher was mit dir besprechen." Sofort vergißt sie die Russen und all ihre Angst und sieht aich gespannt an. Ein Hoffnungsfunke ist aufgeglimmt in ihren müden Augen. „Wegen Papas Geschäftslage jetzt im >riege," setze ich hinzu. (Fortsetzung folgt.) Mkrarilche Mittkilungm. — Gosch i cht e der Juden. Voll Tr. H. sottet s. A. Frnnk- |hTi a. M. Verlag der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft 1915. Das Buch ist nach der Vorrede kein Originalwerk, sondern eine Verdeutschung der Forschungen Halevhs. Ter Verfasser Rabbiner sottet in Hamburg konnte es! nicht zu Ende bringen; an seiner Stelle hat Rabbiner Bamberger in Hanau das Werk vollendet. Das Wert ist in fünf Bücher geteilt: von dem babylouischeu Exil bis zur Zerstörung des zweiten Tempels; von der Zerstörung des Tempels bis ,>uni Erlöschen des Gaonats; von der Blute der Hochschule in Eordvba bis zur Vertreibung der Inden in Spanien; von der Vertreibung der Hilden ans Spanien bis zum Beginn der Emanzipation in den weftlichen Ländern Europas; das jüngste Jahrhundert. Wenn man den kleinen Abschnitt über Pharisäer und Sadduzäer liest, so bemerkt mau bereits, das; der Verfasser von moderner wissenschaftlicher Forschung and) nicht die leiseste Ahnung hat, sondern nur gedankenlos abgetauene Tinge wiederholt. Ein Abschnitt über VA'nchlin, Pfefferkorn sieht nach einem kurzen, man kann sieh denken wie gearteten Abschnitt, über Spinoza. (Schon diese Anordnung beweist das jeder wirklichen Methodik hohnsprechende Verfahren des Verfassers.) Renchlin wird mit Verehrung, Luther mit merkwürdiger Milde behandelt. Tas ganze Buch ist nichts als ein Tummelplatz wüstester Orthodvrie, es hat nicht dem geringsten lvissenschafktichen Wert und mich keine Spur von origineller, halb lesbarer Schreibweise. Hm von dem Geiste, in dem das Werk abgefaßt ist, meinen Lesern einen Begriff zn geben, teile ich hier den über meinen Vater handelnden Abschnitt mit. „A b r a h a ni Geig e r. 1810 1874. Er wurde in Frankflirt a. M. als Sohn frommer Eltern geboren, deren höchstes' Streben es umr, ihn zn einem Talmudkenner heranzubildeu, auf daß er feine großen Fähigkeiten in den Dienst der ihnen heiligen Religion stelle. Seine Erziehung;oar daher streng religiös, und er wurde vor allem in der Bibel und dem Talmud unterwiesen. Allein, schon den Knaben quälten Zweifel, itub diese entwickelten bei ihm eine Geringschätzung, ja eine Verachtung der talmudischen Disziplinen und des innerhalb der religiösen Grenzen sich bewegenden Lebens. Im Jahre 1820 bezog er die Universität Heidelberg, wo er ein so starkes Interesse für das Studium der orientalischen Sprachen gewann, daß er seinen ursprünglichen Plan, Rabbiner zn werden, aufgab und sich ganz, dem Fach der Orientalin widmete. Als er jedoch im nächsten Semester die Universität Bonn anssuchte, scheint er den alten Plan wieder ausgenommen zn haben, wemigsteus weist darauf die Gründung eines theologischen Rednervereins hin, den er gemeinsam mit S. R. Hirsch und H. G. Anerbach ins Leben rief. Ter Umgang mit diesen geistvollen, fürs alte Judentum begeisterten Studenten übte jedoch ans Geiger nur vorübergehend einen heilsamen Einfluß ans. Bald brach sich wieder sein negierender, das wirkliche Judentum geradezu hassender Geist Bahn, und er konnte es über sich gewinnen, an einen Judenfeind, den Kirchenrat und Professor Paulus, der die an ihrer alten Religion hängenden Inden der Emanzipation für unwürdig erklärte, einen Brief zn schreiben, worin er ihm seine Zustimmung aussprach. Er verfiel nach und nach mit jeglichem Glauben; trotz denn konnte er sich nicht entschließen, dem theologischen Studium zn ent sagen, benvarb sich sogar um das Reabbinak der altfrommen Gemeinde Hanau und nahm ohne Gewissensbedenken das Rabbinat Von Wiesbaden an. Tort war er sechs Jahre tätig. Ans uns nicht ganz unbekannten Gründen legte er im Jahre 1808 sein Amt nieder, nahm aber bald darauf das ehrenvolle Amt eines Rabbinatsbeisitzers in Breslau au. Er zeigte sich anfangs als ein Alaun von strengster Religiosität und hielt auch dementsprechende Predigten. Aber sein bisheriges Leben war zu sehr bekannt, als daß der damalige Oberrabbiner Breslaus, der gelehrte und fromme Tittin, sich hätte täuschen lassen; mau kannte seine destruktiven Ansichten, die er bereits in wissenschaftlichen Aufsätzen tundgegeben hatte. Ter Oberrabbiner weigerte sich daher, Geiger zn irgendwelchen rabbinischen Funktionen zuzuziehen, und da Geiger fest auf der Hinzuziehung beharrte und sich zu keiner Konzession bereit zeigte, entstand ein Langwieriger Streit, der derart ausartete, daß dem frommen Oberrabbiner das Amt vorn Vorstande gekündigt wurde. Ter Vorstand handelte gegen den Willen der Gemeinde, die ans seiten ihres Oberrabbiners stand, er war auch gar nicht zu der Kündigung befugt; aber jedenfalls wurden dadurch die letzten Lebensjahre des greisen Oborrabbiners