Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1915)
- Date
- 1915-09-29
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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478 „Ach (Sott, ja." Nichts als ein kleiner Seufzer war das, fast ungeduldig hervorgestoßen, und doch höre ich daraus, sehe ich aus seinem warmen Auge all seine Sehnsucht nach mir, all seinen grausamen, harten, inneren Kamps. „Kommen Sie, Esther, gehen wir heim! Wir können wohl beide nicht mehr." „Heim?" sage ich und jetzt bin ich es, die bitter und spöttisch lächelt. „Wohin gehen wir denn?" „Jeder in seine Welt zurück, Esther. Anders geht es nicht." Schweigend gehen wir nebeneinander her. Kurz, ehe der Park in die Stadt nründet, stelle ich noch einmal eine Frage, die mich ans dem ganzen Rückweg schon quälte. „Iosua." ich sage es ganz leise, ganz, ganz ruhig, „die Verlobung, nein, sagen wir gleich: die Taufe meiner Schwester — seien Sie aufrichtig, Iosua , sie hat uns noch weiter auseinandergebracht?" Ich denke, kein Mensch kann mir anhören, lvas ich bei meiner Frage empfinde. Nur ein leichtes Achselzucken antivortet mir. Aber es sagt ja genug. Alles, was nicht ein nachdrückliches, fast beleidigtes Nein ist, ist Zustimmung. Als neulich an dem stürmischen Abend einer behauptet hat, Zionisten und Antisemiten seien für ihn das gleiche, war ich nrit den Freunden empört. Aber in einem Punkt haben sie tatsächlich Aehnlichkeit: Sie sind konsequent bis zur sinnlosen Grausamkeit. „Juden und Iudenstümmlinge" las ich neulich in einem antisemitischen Artikel. Weil meine Schwester sich taufen läßt, tut mich der Zionist ab. Was habe ich damit zu tun? Iosua bringt mich heim bis vor der Tür. Das tat er sonst nie. Er fühlt wohl selbst, das; das noch nicht der Schluß sein kann. Plötzlich sagt er in einem ganz anderen Ton: „Esther, ich habe "Aussicht auf die Stelle in Jaffa, aber erst im Oktober—" Ein erschreckter Aufblick in mein Gesicht, das, ich fühle es selbst, sich ganz versteinert hat. „Und ich, Iosua?" stammle ich endlich. „Sie bleiben in Ihrem Vaterland, Esther, Ihr Vaterland ist mir die Fremde." — Nun habe ich nichts mehr zu hoffen. Den.1914. Iosua und ich besprechen keine Glaubens- und keine Schicksalsfragen mehr. Wir haben uns über die Berliner Theater unterhalten. Ich bin begeistert von der Künlersozietät, aber er will nur vorn Kleinen Theater hören, seit er „Professor Bcrnhardi" darin gesehen. Kunst- und Menschheitsfragen, alles, alles ist bei ihm Parteisache. Den^ .... 1914. Btama ist „dieses Jahr ganz besonders herunter". Das ist sie jeden Sommer ohne Ausnahme. Trotzdem bleiben mir fürs erste hier. In den Gerichtsferien wollen Friedrich und Erna heiraten und auf die Hochzeitsreise gehen. Tann reisen auch wir. Ich höre nichts weiter, als daß wir vorläufig hierbleiben. Eine schreckliche Zeit wird es werden, Mama in den Vorbereitungen einer großen Hochzeit, dem jungen Haushalt und der Aussteuer. Wir können uns gratulieren. Aber was ist das alles? Vorläufig bleiben wir hier. Ich darf ihn noch sehen, noch seine Stimme hören, die freilich so ganz anders klingt, lvenn wir so alles mögliche. Gleichgültige bereden. Wir haben heute darüber gesprochen, wie man bei ihnen daheim den Gänsebraten ißt und wie hier bei uns, und dabei zittert in unserer Stimme etwas, etwas Verräterisches, grausam Unterdrücktes, Uebermächtiges. Und wir reden an unserem eigenen Fühlen vorbei, daß wir nur mit keinem Wort an das gefesselte Riesenhafte rühren, damit es nicht aufwache und uns überwältige. Etwas hast du mich nun endlich gelehrt, Iosua. Ich habe nun endlich begriffen, daß es keinen Weg gibt von mir zu dir; ich sehe zwar die Pforten des Paradieses, aber nie schreiten wir hinein. Ich habe das Hoffen verlernt. Den..... 1914. Was ist denn das? Was sind denn das nur für Gespräche? Ist der Schwager verrückt geworden? Das ist doch nicht möglich? Das kommt davon, wenn man seine eigenen Sorgen hätschelt, keine Zeitnng liest und sich auch von den Gesprächen am Familientisch so schnell wie möglich zurückzieht. Iosua habe ich lange nicht gesprochen, er ist plötzlich in seine Heimat abgereist. Aber das kann ja nicht sein? Das ist doch nicht möglich int 20. Jahrhundert? Krieg? — Krieg? — Aber sie waren doch erst alle hier zur Hochzeit im Kaiserhause, die Herrscher der Nachbarreiche, und haben sich die „freundlieben Vettern" und „teuren Brüder" genannt. Der Schwager lacht laut auf, als ich das sage. Ich merke ihm an, er denkt jetzt auch: Ein Weib mit Weiberverstand. Wir sind uns nun doch ordentlich ein wenig nähergekvmmen, weil ich ihn so vieles frage, weil er viel lebhafter ist als sonst, wie freudig erregt. Aber, Schwager, das wäre doch entsetzlich? Und das nennst du „eine Naturnotwendigkeit"? Einen „frischfröhlichen Krieg?" Schwager, wie kann man die Worte „frisch-fröhlich" gebrauchen, wenn die Menschheit sich anschickt, sich untereinander zu zerfleischen! Den 1. August 1914. Nun habe ich alles nachgeholt, alle Zeitungen der letzten Wochen gelesen, alle Gespräche abgehorcht. Alle? Es gibt ja nur eins. Wenn man auf der Straße bei zwei Leuten vorbeigehl, so sängt man Bruchstücke ihrer Unterhaltung auf, die Worte: „Russen," „Kriegsfreiwillige", „Mobilmachung". E i n Gespräch, ein Gedanke, eine Sorge! Und dem Himmel geht es wie uns — er glaubt es nicht. Er lächelt und leuchtet in lieblicher Bläue und bedeckt sich mit frommen weißen Lämmerwölkchen. Nie sah die Natur so friedlich und hold aus, nie blühte und grünte alles umher so freudvoll unschuldig, in solch sommerlicher Pracht. Wenn es wahr wäre, wenn sie sich ringsum wie die gierige Meute aus unser Vaterland stürzen wollten, alle gegen einen, so niederträchtig, so ganz gegen Treu und Glauben — nein, nein, wenn es einen Gott im Himmel gibt, er müßte selber weinen über solche Dinge, er müßte die Sonne auslöschen und die Blumen welken und hinsterben lassen, daß es dunkel und kalt und tot um uns wäre. Die Natur kann nicht so warm, so friedlich lächeln, wenn es so, in der Welt anssieht. Den 2. August 1914. Und es ist doch wahr! Der Krieg ist erklärt! Als die Glocken läuteten, hielt ich es nicht aus in meiner Stube, ich rannte zu Papa hinunter. „Papa, was sagst du?" Schluchzen und Beben erstickte meine Stimme. Ich siel ihm um den Hals. „Papa, es ist Krieg!" Jetzt erst sah ich ihn mit meinen betränten Augen, sah, wie er aussah. Das Gesicht ganz welk und gelb in seiner Verängstigtheit. Er rang die Hände. „Ich bin ruiniert. Wenn das lange dauert, bin ich ruiniert. Ich halte es nicht aus. Was meinst du, was meinst du," immerzu rang er die Hände — so habe ich ihn noch nie gesehen —, „was ich für Schaden habe!" „Papa!" schrie ich auf. Mich empörte dieser Kleinmut, diese Sorge um unsere kleine, winzige Existenz, wenn es sich um die Geschicke der Welt dreht. „Kommt es darauf an?" Er sah mich fast verächtlich an in seinem Kummer. „Du hast 'ne Ahnung! Was redst du? Was verstehst du?" Er